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Als Kinder zusammen gespielt, als Jugendliche zusammen rebelliert und als Erwachsene immer noch befreundet. Theologin Margot Käßmann erklärt, warum Freundschaften wachsen müssen.

SWR1: In der Kindheit und Jugend haben wir alle sehr viele Freunde. Weshalb bleiben davon oft nur wenige auf Dauer übrig?

Margot Käßmann: Starke Freundschaften brauchen Zeit. Sie brauchen Übereinstimmung und irgendwann eine eigene Geschichte. Es ist wissenschaftlich erwiesen, um wirklich beste Freunde oder Freundinnen zu werden, braucht es 200 Stunden gemeinsam verbrachtes Erleben. Erst dann ist eine Freundschaft so stabil, dass sie hält. Viele machen eher freundschaftliche Bekanntschaften oder Freundschaften auf dem Wege, aber lebenslange Freundschaften über Jahrzehnte gibt es nur wenige.

Margot Käßmann (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

SWR1: Das heißt im Prinzip, so eine Freundschaft muss mitwachsen?

Käßmann: Sie muss mitwachsen und es muss in sie investiert werden. In der Coronazeit haben viele gesagt: Meine Freundinnen und Freunde haben mich durch Anrufe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, Briefe oder Videoanrufe aufgebaut, als ich so einsam und alleine war. So etwas kann man nur ernten, wenn man vorher auch Zeit in eine Freundschaft investiert hat. Das kann man natürlich nicht bei 50 Menschen machen, sondern es sind immer drei oder vier, mit denen man eine wirklich intensive Freundschaft pflegt.

SWR1: Wenn wir älter werden, wird dann der Kontakt zu Freunden irgendwann wieder wichtiger?

Käßmann: Mein Eindruck ist, dass es wieder wichtiger wird. Weil uns doch bewusst ist, dass wenn die Kinder aus dem Haus sind, manchmal auch Paarbeziehungen zerbrechen, wir andere brauchen, die uns halten, Kraft geben, mit denen wir uns austauschen können und mit denen wir gerne zusammen sind. Freundschaft ist nicht nur etwas für schlechte Zeiten, sondern auch, um mal ein Wochenende Wellness miteinander zu machen oder wandern zu gehen. Ich denke, wenn wir älter werden, wissen wir, wie wichtig es ist, außerhalb der Familie stabile Beziehungen zu haben. Ich rate allen: Investiert in diese Beziehungen bevor ihr in den Ruhestand geht, damit ihr dann auch auf solche gemeinschaftlichen Erfahrungen zurückgreifen und dort anknüpfen könnt. Das braucht Jahre. Mit meiner besten Freundin bin ich seit 34 Jahren befreundet. Wir sind durch dick und dünn gegangen, hatten tolle Zeiten zusammen, haben aber auch Schmerzvolles erlebt. Ich nehme mal den sehr frühen Tod ihres Ehemannes oder meine Scheidung. Wir haben also auch Tiefen erlebt und das ist eine Freundschaft, auf die man sich nach so vielen Jahren wirklich fest verlassen kann. 

Freunde spielen Boule (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Es ist wichtig mit Freunden etwas zu unternehmen, wie etwa beim gemeinsamen Boule-Spiel im Park. Picture Alliance

SWR1: Wie haben sich unsere Freundschaften durch die Coronakrise verändert?

Käßmann: Mein Eindruck ist, dass sich in der Coronazeit Freundschaften bewährt haben. Viele erzählen mir, wie wichtig es ihnen war, diese Außenkontakte zu halten. Wenn man sich nicht in den Arm nehmen kann, sich nicht treffen darf und nicht zusammen essen gehen kann, ist es besonders wichtig, dass man dann in engem Kontakt bleibt und weiß, die anderen denken an mich. Viele haben sich auch getroffen und haben das Verhalten entsprechend geändert. Ich bin zum Beispiel mit Freundinnen mit zwei Meter Abstand spazieren gegangen, um sich wenigstens mal zu sehen, auszutauschen und um sich gegenseitig wahrzunehmen. Mein Eindruck ist doch: Corona war eine Bewährungsprobe für Freundschaften und sie haben in der Regel gehalten.

SWR1: Sind wir vielleicht auch bescheidener, demütiger geworden und haben vielleicht niedrigere Erwartungen?

Käßmann: Ich fürchte manchmal, dass der Begriff Freundschaft sich zu sehr verschleißt. Durch zum Beispiel Facebook, das vorspielt mit einem Like sei man schon befreundet. Der Anspruch an eine Freundschaft ist doch, dass man sich analog sieht und nicht nur irgendwo etwas anklickt. Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Natürlich kann es eine zeitlang mal ein Gefälle geben, wenn es einem besser und einem schlechter geht. Aber auf die lange Sicht muss Freundschaft auf Augenhöhe stattfinden.

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