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Corona-Impfstoffe stehen kurz vor der Zulassung, die Organisation der Impfungen laufen ebenfalls auf Hochtouren. Eine Mammutaufgabe, zu der sich viele Fragen stellen.

Was ist über den neuen Impfstoff bekannt? Wer wird zuerst geimpft? Die Fragen der SWR1-Hörer beantwortet Professor Fred Zepp, Mitglied der Ständigen Impfkommission.

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SWR1: Seit dem 8. Dezember wird in Großbritannien geimpft. Wie sehr haben Sie darauf geachtet, was dort wie geplant wurde und wird?  

Zepp: Wir erwarten, dass wir in Deutschland auch spätestens im Januar mit dem Impfprogramm beginnen können. Daher haben wir uns natürlich auch bei unseren Kollegen in Großbritannien angeschaut, wie der Start ist. Und das entspricht ja auch unseren Empfehlungen, dass man mit der am höchst gefährdeten Gruppe in der Gesellschaft - das sind die älteren Menschen über 80 Jahre - das Impfprogramm startet.

SWR1: Ist das eine schwierige Diskussion in der Impfkommission, zuerst die Alten zu impfen? Es hätten ja auch die Jungen sein können, oder?

Zepp: Selbstverständlich. Die Corona-Pandemie ist ein Ereignis, das uns wahnsinnig beeinträchtigt. Zu Beginn des Jahres hätten wir uns nie träumen lassen, dass unsere Lebensführung so eingeschränkt wird. Das heißt, der Bedarf ist natürlich über alle Altersgruppen sehr hoch. Man könnte jüngere Menschen in den Fokus stellen, weil sie zwar weniger schwer erkranken, aber dafür die Infektion stärker übertragen. Auf der anderen Seite ist es so, dass ältere Menschen nicht nur für schwere Verläufe stärker gefährdet sind. Wir sehen dort auch die meisten Todesfälle. Deshalb führt das am Ende auch zu einer starken Belastung der gesamten Gesellschaft. Es ist ein ethisches Problem, deshalb haben auch der Ethik-Rat und die Leopoldina mit diskutiert. Wir glauben es ist am wichtigsten, die am höchst gefährdete Population zu schützen und natürlich auch die Menschen, die diese Menschen versorgen. Daher ist die erste Empfehlung ältere Menschen, medizinisches Personal und Personal in der Altenpflege im ersten Schritt zu schützen. Das ist die Entscheidung, die wir treffen, wenn wir im Januar 2021 nicht ausreichend Impfstoff für alle Menschen zur Verfügung haben.

SWR1: Wenn ich benachrichtigt worden bin, dass ich geimpft werden kann. Wie geht es dann weiter?

Zepp: Wir müssen am Anfang im Prinzip schauen, wie wir mit der Verteilung der Impfstoffe umgehen. Der Impfstoff, der zunächst verfügbar sein wird, ist der von Biontech hier in Mainz zusammen mit dem Pharmaunternehmen Pfizer entwickelt. Der hat eine Besonderheit, dass er bei minus 70 Grad gelagert werden muss. Das ist auch nur in bestimmten Stellen möglich - in Arztpraxen oder Apotheken wird der Impfstoff also kaum vorgehalten. Daher wird man die Impfstoffe in Impfzentren in Mainz und anderen Städten in Rheinland-Pfalz bevorraten. Dann wird es so sein, dass die Menschen eingeladen werden in dieses Impfzentrum zu gehen. Natürlich nur mit einem Termin, damit es dort keinen Ansturm gibt, denn wir wollen keine großen Menschenmengen erzeugen. An einem Platz wird man dann die Impfung bekommen und ich vermute, dass zum Beispiel in Altenheimen aktiv Impfteams hineingehen und dann dort vor Ort die Impfungen durchführen.

Corona-Impfzentrum in Frankfurt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Boris Roessler)
In jedem Landkreis gibt es ab dem 15. Dezember 2020 mindestens ein Corona-Impfzentrum. picture alliance/dpa | Boris Roessler

Hörerfrage: Mein Mann ist Risikopatient und kommt früh dran. Was ist dann mit der Familie und den Angehörigen?

Zepp: In der Situation, wo wir ausreichend Impfstoff zur Verfügung haben, würden wir sagen, es soll auch das Umfeld der Familie geimpft werden. Wir müssen angesichts des Bedarfs von 160 Millionen Impfdosen (jeder Mensch braucht zwei Injektionen), die nicht an einem Tag hergestellt werden können, differenziert vorgehen. Wenn in diesem Fall der Mann geimpft ist, ist er selbst geschützt. Damit kann man auch riskieren, dass die Angehörigen für ihn kein Risiko darstellen und selbst wahrscheinlich drei Monate später den Impfstoff bekommen können.

Hörerfrage: Ist man gleich immun nach der Impfung?

Zepp: Es gibt zwei Impfdosen, die man im Abstand von drei Wochen bekommt. Man ist danach aber nicht gleich immun. Man muss dem Immunsystem Zeit geben, die Abwehrantwort zu entwickeln. Das ist auch bei einer natürlichen Infektion so. Wir brauchen sieben bis 14 Tage, bis unser Immunsystem einen Infektionserreger richtig abwehrt. Das ist bei einer Impfung ähnlich. Wir wissen aus den Zulassungsdaten, dass bei dem Impfstoff etwa 50 Prozent der Menschen zwei bis drei Wochen nach der ersten Impfung geschützt sind und eine Woche nach der zweiten Impfung bis zu 95 Prozent. Damit sollten 9 von 10 Menschen nach der Impfung geschützt sein.

Arzt mit Patient (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Der Hausarzt weiß genau, wer Risikopatient ist oder nicht. Model Foto: Colourbox.de -

Hörerfrage: Sind die Hausärzte bei der Entscheidung, ob ein Patient auch ein Risikopatient ist, auch beteiligt?

Zepp: Die Organisation ist Länderhoheit, aber ich weiß aus einigen Bundesländern, dass man aktiv betroffene Personen anschreibt. Bei den älteren Populationsgruppen über 80 Jahren ist das natürlich ganz eindeutig und man kann sie über die Register erfassen. Bei den Risikopatienten gehe ich davon aus, dass man natürlich auf die ärztliche Versorgungsstruktur zurückgreift, um sich dort zu informieren, wer in Frage kommt. Auf der anderen Seite kann ich mir auch vorstellen, dass man Möglichkeiten schafft, damit sich Risikopatienten irgendwo anmelden können, damit man nicht versäumt sie zu kontaktieren.

SWR1: Wie viel Menschen müssten sich in Deutschland impfen lassen, um einen Herdenschutz aufzubauen?

Zepp: Herdenschutz bedeutet, dass genügend Menschen geimpft sind oder nach Infektionen geschützt sind, dass die statistische Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung so niedrig ist, dass wir sagen können: Die ganze Gemeinschaft ist geschützt. Das hängt davon ab, wie ansteckend eine Krankheit ist. Bei Masern zum Beispiel steckt ein Erkrankter 15 Menschen an. In diesem Fall muss ich 95 Prozent der Menschen impfen. Bei SARS-CoV-2-Infektionen gehen wir davon aus, dass ein Erkrankter bis zu drei Menschen ansteckt. Das heißt, ich brauche weniger Herdenschutz zu erzeugen und es muss nur 2/3 der Bevölkerung geschützt werden.

SWR1: Die Impfung ist neu und es gibt keine langjährigen Erfahrungswerte. Wie können Sie den Menschen Angst vor der Corona-Schutzimpfung nehmen?

Zepp: Alleine die Corona-Pandemie ist Angstbesetzt. Sie hat uns in einer Zeit erwischt, in der wir alle sehr freiheitlich gelebt haben und jetzt plötzlich enorme Einschränkungen hinnehmen müssen, einfach um das Leben von gefährdeten Menschen in unserer Gemeinschaft zu schützen. Wir müssen sehr gut informieren und wir glauben, dass Verpflichtungen nicht richtig sind. Wir müssen nicht paternalistisch (bevormundend) vorgehen, sondern den Menschen alle ihre Fragen beantworten. Natürlich ist es ein neuer Impfstoff. Es ist aber auch nicht so, dass dieser "Messenger RNA"-Impfstoff (mRNA-Impfstoff) völlig neu ist. Die Unternehmen, die daran arbeiten - wie ein Unternehmen in Tübingen -, tun das schon seit 1998. Damit wurden schon Tollwut- oder Influenza-Impfstoffe entwickelt. Allein der hohe Bedarf hat die Entwicklung der Impfstoffe beschleunigt, weil sie im Vergleich zu allen anderen Technologien, viel schneller entwickelt werden können. Aber RNA-Botenstoffe kommen auch ganz natürlich in unserem Körper vor und werden normalerweise in Bruchteilen von Sekunden in unserem Körper abgebaut. Insofern besteht die Kunst darin, den Impfstoff für Stunden oder Tage ein bisschen haltbar zu machen. Da kann man die Menschen beruhigen und erklären, wie diese Impfstoffe funktionieren.

Junge und alte Frau: zwei Generationen (Foto: Colourbox)
Jung und alt - Der Impfstoff wurde in allen Generationen getestet.

SWR1: Kann die Impfung für Risikopatienten auch gefährlich sein?

Zepp: Im Prinzip erwarten wir das nicht. Unsere Erwartung ist, dass gerade die Risikopatienten besonders von der Impfung profitieren. Wir haben die Impfstoffe ab dem 18 bzw. 16 Lebensjahr bis in die hohen Alter hinein getestet. Da sehen wir, dass im hohen Alter die Impfstoffe besser vertragen werden als beispielsweise bei einer 30-jährigen Person. Natürlich kann man immer mal allergisch reagieren. Bisher haben wir aber keine Hinweise, dass ältere Menschen ein höheres Risiko haben.

SWR1: Wie gut wirkt der Impfstoff bei älteren Menschen?

Zepp: Das ist eine gute Frage. In den Studien sind bevorzugt die Menschen zwischen 18 und 60 Jahren untersucht worden. Aber alle Hersteller schauen auch in die ältere Population. Da kann man sagen: Es kann sein, dass der Impfstoff etwas schwächer wirkt als bei einem gesunden 30-Jährigen. Aber auch dort findet man eine sehr gute Wirksamkeit.

SWR1: Weiß man schon genug über mögliche Folgeschäden und wie würden die sich äußern?

Zepp: Wir lernen auch von alten Impfstoffen noch dazu - auch über seltene Nebenwirkungen. Aber wir sind in einer besonderen Situation. Normalerweise geben wir uns fünf bis zehn Jahre Zeit, um einen Impfstoff zu entwickeln. Dann hat man eine Langzeitbeobachtung. In diesem Fall haben wir eine hohe Not, einen Schutz in der Bevölkerung zu erzeugen. Im Juli hat man angefangen zu impfen - das was wir seitdem wissen, ist aus einem Zeitraum von sechs Monaten. Damit kennen wir die akuten Nebenwirkungen. Wir können auch sagen, biologisch ist es plausibel, dass wir nichts Schwerwiegendes erwarten. Aber das kann erst die Zeit zeigen - da muss man realistisch sehen. Deshalb sind die Impfstoff-Hersteller - auch wenn eine bedingte Zulassung kommt - alle verpflichtet, über Jahre die geimpften Menschen zu untersuchen. Ein Risiko, das einmal unter 100.000 Menschen auftritt, werden wir dann erst beobachten. Das ist eine wichtige Aufgabe, aber wir sollten auch nicht Jahre warten und Menschen gefährden, bloß weil wir seltene Ereignisse suchen.

Hörerfrage: Weiß man schon wie lange die Impfung wirkt? Muss man sich wie bei der Grippe jedes Jahr neu impfen lassen?

Zepp: Wir haben im Sommer mit den Studien zu den Impfstoffen begonnen. Wir wissen also über den Impfstoff nur das, was wir in diesem Jahr in den Studien erfahren haben. Wir können davon ausgehen, dass dieser Impfstoff wahrscheinlich schon mindestens drei Monate schützt - hoffentlich auch noch länger. Das kann aber erst die Beobachtung im nächsten Jahr zeigen. Muss man sich wieder impfen lassen? Das ist gut möglich. Allerdings scheint im Unterschied zur Influenza - die sich ja sehr schnell in der Struktur verändert und das Immunsystem immer wieder neu lernen muss, mit dem Virus umzugehen - das bei den SARS-CoV-2-Viren nicht der Fall zu sein. Also ist die Hoffnung groß, dass der Impfstoff doch deutlich länger hält. Man wird aber gegebenenfalls auch eine Auffrischimpfung machen müssen.

Ein Mann mit Schutzmaske steht im Supermarkt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild))
Auch nach der Impfung müssen wir im Alltag eine Maske tragen und die Hygieneregeln beachten. picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild)

Hörerfrage: Ist es richtig, dass man nach einer Impfung weiterhin mit Maske und Abstandsregeln durch die Gegend laufen muss? Und wenn das so ist, worin besteht dann überhaupt der Impfschutz?

Zepp: Ja, es ist wichtig, dass im nächsten Jahr zunächst mal die Masken und allgemein die Hygieneregeln weiter beibehalten werden. Impfschutz bedeutet, dass Sie nicht schwer krank werden können und nicht auf eine Intensivstation müssen. Aber wir wissen natürlich auch, dass wir nicht auf einen Schlag 80 Millionen Menschen impfen können. Mit anderen Worten: Im ersten Quartal nächsten Jahres werden vielleicht 10 Prozent unserer Bevölkerung geimpft sein, 90 oder 85 Prozent sind noch gefährdet. Das ist faktisch ein Dienst an der Allgemeinheit, dass wir die Hygienemaßnahmen so lange aufrechterhalten, bis die Pandemie wirklich unter guter Kontrolle ist.

Hörerfrage: Was kann passieren, wenn eine geimpfte Person auf eine nicht-geimpfte Person trifft. Besteht dann eine Ansteckungsgefahr?

Zepp: Ja, das könnte noch so sein. Was wir im Augenblick wissen ist, dass die Impfung vor Erkrankung schützt. Was wir noch nicht genau wissen, ob die Impfung auch vor der Besiedlung des Nasen-Rachenraums und einer symptomlosen Übertragung des Virus schützt. Es wäre gut, wenn das so rauskommt, aber das werden erst die nächsten Daten zeigen. Solange wir das nicht wissen, muss man die Vorsichtsmaßnahmen aufrechterhalten.

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