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Corona und die Klimakrise sind große Herausforderungen. Gerade deswegen müssen wir uns gut um uns selbst und unsere Gesundheit kümmern, sagt Eckart von Hirschhausen.

"Keine Generation vor uns hatte eine so hohe Lebenserwartung, gleichzeitig haben wir nur noch wenige Jahre, diese Erde für Menschen bewohnbar zu halten." Dramatische Worte von Eckard von Hirschhausen, Arzt, Kabarettist und zunehmend Umweltschutzaktivist. "Nicht Pillen und Apparate bedeuten Gesundheit, zu allererst brauchen wir etwas zu essen, zu trinken, zu atmen - bei erträglichen Außentemperaturen", sagt von Hirschhausen. Aber wie macht man das, gerade in diesen Pandemiezeiten? Sein Plädoyer: ein positiver Umgang mit uns selbst.

SWR1: Bei den Problemen ist das mit dem positiven Umgang ja leichter gesagt als getan. Was wäre das erste, womit wir anfangen sollten?

Eckard von Hirschhausen: Indem wir die Klimakrise auch als eine echte Krise behandeln. Wir haben bei Corona gesehen, dass die Politik auf Wissenschaft hören kann, und dass wir damit unterm Strich immer noch besser gefahren sind als viele andere Länder, die das erstmal ignoriert haben. Und das wünsche ich mir für die Klimakrise auch. Denn die ist nach einhelliger Meinung der Wissenschaft die größte gesundheitliche Herausforderung in diesem Jahrhundert.

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SWR1: Wenn man über gesünderes Leben in der Zukunft nachdenkt, lohnt ja auch ein Blick in die Vergangenheit. Und da sehen wir, die Lebenserwartung in den Industriestaaten ist interessanterweise durchschnittlich in den letzten Jahren gesunken. Haben Sie eine Vermutung für die Gründe und damit auch eine Vision, wie es besser werden kann?

von Hirschhausen: Ich bin Jahrgang 67, und wir sind aufgewachsen in dieser Idee, dass Fortschritt eigentlich immer weitergeht. Im Moment leben wir auf Pump für die Zukunft. Wir haben die große Beschleunigung. Wir haben exponentielles Wachstum nicht nur bei den Infiziertenzahlen, sondern auch bei den CO2-Entwicklungen, bei dem Ressourcenverbrauch, bei ganz, ganz vielen Dingen, die uns erschrecken sollten, dass wir gerade auf eine Vollkatastrophe zusteuern. Was mich wundert ist, dass wir uns sehr, sehr viel mit Corona beschäftigen, aber nicht mit der größeren Krise dahinter, nämlich der Zerstörung der Lebensgrundlagen für uns alle. Wir brauchen als Menschen vor allen Dingen was zu essen, was zu trinken, was zu atmen.

Unerträgliche Temperaturen - 2003 bei der ersten großen Hitzewelle sind 70.000 Menschen in Europa gestorben. Gab's da einen Lockdown oder große Hitze-Schutzpläne? In Frankreich gab es sie schon, in Deutschland bis heute noch nicht. Also wir sind auf einer Art und Weise blind für die großen Fehlentwicklungen unserer Zeit. Und da muss ich als Arzt meine Stimme erheben. Denn Ärzte sind dazu da, Leben zu schützen, auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen und manchmal eben auch schlechte Nachrichten zu überbringen. Und die heißt, die Klimakrise hat massive Einflüsse auf unsere Lebenserwartung, und die wird weiter sinken, wenn wir nicht gegensteuern.

SWR1: Dagegen anzusteuern heißt, eigene, vielleicht bequeme Gewohnheiten zu hinterfragen. Treten Sie da in Ihrem eigenen Bekannten-, Freundes- und Familienkreis als Dauermahner auf?

von Hirschhausen: Nein, das nervt ja total. Und deswegen bin ich auch über die zwei Jahre, die ich mich jetzt intensiv mit dem Thema beschäftige, immer politischer geworden - weil, es war ein großer Irrtum zu glauben, dass wir die ökologischen Krisen unserer Zeit nur durch Selbstkasteiung und Verzicht auf Plastiktüte und Strohhalm hinkriegen. Das sind große politische Stellschrauben. Wir brauchen einen vernünftigen CO2-Preis. Wir müssen endlich in Deutschland aufhören, Kohle zu verstromen. Das ist ein Verbrechen an der Menschheit, das verdreckt die Atmosphäre und unsere Lungen.

8,8, Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Luftverschmutzung. Gab es dafür einen Lockdown? Auch nicht. Das heißt, wir haben auf eine kuriose Art und Weise die großen Themen oft außer Acht gelassen, weil man natürlich politisch nicht innerhalb von vier Jahren den großen Erfolg sieht. Wenn man sich mal vorstellt, die ARD-Themenwoche heißt ja auch "Wie leben?" Was werden Menschen 2050 über uns heute denken? Das treibt mich an. Was werden die sagen? Ihr hattet alles Geld der Welt; ihr wart in einem reichen, freien Land; ihr hattet die Ingenieure, die erneuerbare Energien erfunden haben, und und und ... Was war euch wichtiger? Und da wünsche uns allen, dass wir dann gute Antworten haben.

SWR1: Aber viel kurzfristiger als 2050 ist 2021: die nächste Bundestagswahl. Und wer uns jetzt so richtig radikal ans Leder geht, der wird 2021 nicht gewählt.

von Hirschhausen: Ja. Aber ich sehe auch, dass bei konservativen Politikern - Ursula von der Leyen ist ja Ärztin - die hat das Thema inzwischen voll auf dem Schirm. Das macht mir Hoffnung. Ich habe gesehen, dass die Europawahl auch durch Rezo, durch einen Influencer, plötzlich beeinflusst wurde. Das heißt, ganz viele Menschen wachen gerade auf und sind im Geiste schon weiter als die Politik. Also, wir können viel mutiger sein. Als Arzt weiß ich, wie schwer es ist, Verhalten zu ändern.

Beispielsweise rauchen heute viel weniger Leute als noch in meiner Generation. Das liegt auch daran, dass Rauchen unattraktiver wurde. Wir müssen die gesunden Verhaltensweisen einfach attraktiver machen. Das heißt: Verkehrswende - mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren ist kein Verzicht, das ist gesünder. Weniger Fleisch essen, ist gesünder für den Menschen und für die Tiere und für die Erde auch. Also dieser Zusammenhang von gesunder Erde - gesunde Menschen, das ist mir erst so richtig klar geworden in den letzten Jahren. Seit mir eine Frage gestellt wurde, die ich gerne auch allen Hörern stelle: "Wenn der Mensch so schlau ist, wie er immer behauptet, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause?"

Das Gespräch führte Hanns Lohmann.

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