Operation (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Jonas Güttler)

Placebo-Operationen

"Der Glaube an die Heilung ist ganz wichtig"

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Das deutsche Gesundheitssystem gilt als eines der besten der Welt. Aber es wird zuviel und oft auch unnötig operiert. SWR Medizin-Journalist und Autor Frank Wittig hat ein Buch darüber geschrieben.

Frank Wittig, deutscher Journalist und Sachbuchautor (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Erwin Elsner)
Frank Wittig, deutscher Journalist und Sachbuchautor Erwin Elsner

SWR1: Sie sagen, unsere Medizin sei auf "Hightech" versessen und darauf aus, möglichst viel zu operieren. Haben Sie Beispiele dafür?

Frank Wittig: Das berühmteste Beispiel ist die Knorpelglättung im Knie bei Knieschmerz-Patienten. Da hat ein amerikanischer Orthopäde schon im Jahr 2000 einen placebokontrollierten Versuch gemacht: Er hat eine Hälfte in seiner Studiengruppe wirklich operiert, also mit einem Endoskop den Knorpel geglättet. Bei der anderen Hälfte hat er nur so getan. Die Patienten waren am Knie betäubt. Die Operation fand hinter einem Schirm statt, sodass sie das nicht sehen konnten. Sie sahen aber auf einem Monitor Bilder aus der echten Operation. Sie wurden nicht operiert, an ihrem Bein wurde herumgerüttelt, es wurde mit Wasser geplätschert. Es wurde ihnen dasselbe Brimborium wie in der wirklichen Operationsgruppe vorgespielt. Das Ergebnis lautete: Auch noch zwei Jahre später waren beide, die Operierten und die nur zum Schein Operierten, gleich gut. Sie hatten weniger Schmerzen, konnten sich besser bewegen und waren sehr zufrieden mit der Operation. Aber es war nicht der Erfolg der Operation, sondern Hightech Schamanismus.

SWR1: Glaube versetzt Berge, das weiß man aus der Placebo-Forschung. Welche Rolle spielt der Glaube an Heilung bei einer OP?

Wittig: Der Glaube an die Heilung ist ganz wichtig. Ich denke, und darauf zielt mein Buch auch am Ende ab, man sollte sich dieses Potenzial zunutze machen. Wir sind medizinisch suggestibel, das heißt, wir können über die psychische Schiene den Körper erreichen. Gerade bei psychosomatischen Erkrankungen hat die Schulmedizin oft überhaupt kein vernünftiges Konzept. Hier plädiere ich dafür, dass man Hightech-Schamanismus nutzt, weil er die Menschen beeindruckt und großes Heilungspotenzial hat.

SWR1: Wie könnte man denn diese Erkenntnis nutzen?

Wittig: Wenn man sieht, dass sich die Patienten durch Hightech-Rituale beeinflussen lassen, dann müsste man auch imstande sein, beeindruckende medizinische Apparaturen zu entwickeln. Die Patienten müssen natürlich wissen, dass das Hightech-Schamanismus ist. Aber man weiß auch aus der Placebo-Forschung, dass ein offenes Placebo, also ein bewusst eingenommenes Placebo, gut wirkt.

Das Gespräch führte Steffi Stronczyk.

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