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Eine gesunde, nachhaltige Ernährung wird den Deutschen immer wichtiger. Auch die Tierhaltung spielt dabei eine wichtige Rolle. Dennoch ist der Fleischkonsum weiterhin hoch.

Knapp 60 Kilogramm Fleisch essen wir Deutschen statistisch pro Kopf im Jahr - und das, obwohl uns Tiere am Herzen liegen. Tamara Pfeiler, Ernährungspsychologin an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, bezeichnet das als "Fleischparadoxon". Die meisten Menschen würden Tiere mögen und nicht möchten, dass sie leiden. Dennoch esse der Großteil der Deutschen regelmäßig Fleisch.

Die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fordern, den Fleischverbrauch um mindestens die Hälfte zu reduzieren. Im "Fleischatlas 2021" berechnen sie, dass ansonsten in den nächsten sieben Jahren jährlich 40 Millionen Tonnen Fleisch zusätzlich erzeugt würden. Die Politik müsse gegensteuern, um Umwelt und Tiere zu schützen.

Gefangen zwischen schlechtem Gewissen und Gewohnheit

Laut der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, ist die Haltung und Verarbeitung von Tieren für rund 15 Prozent der Treibhausgase weltweit verantwortlich. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch verursacht demnach 13 Kilogramm CO2, für ein Kilogramm Butter sind es sogar 24. Diese Zahlen alleine helfen jedoch nur wenig, wenn es um liebgewonnene Essgewohnheiten geht, sagt Ernährungspsychologin Pfeiler. Sie empfiehlt, sich dem Thema positiv zu nähern, in dem Sinne, das vegetarische und vegane Ernährung gesund ist und dem Körper durch die fleischlose Ernährung keine Nährstoffe fehlen.

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Brauchen wir Fleisch, um gesund zu leben?

Vor circa 2,5 Millionen Jahren sah das noch anders aus. Um zu Überleben sei der Mensch zum Jäger und Fleischfresser geworden, erklärt Ernährungsexperte Martin Thiel aus der SWR-Umweltredaktion. Durch den Fleischkonsum hatte der Körper mehr Energie zur Verfügung, der Verdauungsapparat schrumpfte und das Gehirn konnte wachsen. Mittlerweile sei der Mensch nicht mehr auf den Fleischkonsum angewiesen, denn zumindest in den modernen Industrienationen ist eine fleischlose Ernährung problemlos möglich. Obst und Gemüse stehen in ausreichender Menge zur Verfügung. Sie seien heute energiereicher als vor 2,5 Millionen Jahren, so der Experte. Wichtige Proteine, die im Fleisch stecken, könne man durch Nüsse und Hülsenfrüchte ersetzen. Außerdem seien Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse gute Eisenlieferanten und in Eiern sowie Milch stecke das wichtige Vitamin B12. "Voraussetzung für die körperliche Gesundheit ist eine ausgewogene Ernährung", sagt Thiel. Das gelte für Fleischesser genauso wie für Vegetarierer.

Gegrilltes Gemüse auf einem Teller (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Gegrilltes Gemüse auf einem Teller Foto: Colourbox.de -

Besonders Jüngere und Frauen ernähren sich vegetarisch oder vegan

Laut aktuellem Ernährungsbericht der Bundesregierung isst nur noch jeder Vierte Deutsche täglich Wurst oder Fleisch. Sechs Prozent essen nach eigenen Angaben gar kein Fleisch. Besonders Jüngere und Frauen entscheiden sich für eine nachhaltige, fleischarme Ernährungsform. Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung ernähren sich doppelt so viele 15- bis 29-Jährige vegetarisch oder vegan, erklärt der aktuelle Fleischatlas. 10,4 Prozent würden sich vegetarisch, weitere 2,3 Prozent vegan ernähren. Zusammen würden damit knapp 13 Prozent auf Fleisch verzichten. Für viele junge Erwachsene ist dieser Verzicht ein politisches Statement. Die Bewegung "Fridays for Future" und ihr Umfeld sind laut den Befragungen des Fleischatlasses damit zu einem wichtigen Treiber für pflanzlich dominierte Ernährungsstile geworden.

Gesündere Ernährung seit der Corona-Pandemie

Insgesamt gibt es einen leichten Trend zum nachhaltigen Essen, der von der Corona-Pandemie sogar verstärkt wurde. Fast die Hälfte der Befragten legt seit Beginn der Krise (zusätzlich) auch mehr Wert auf Lebensmittel aus der Region. Dazu beigetragen haben auch Meldungen über schlechte Arbeits- und Hygienebedingungen bei Europas größtem Schlachtunternehmen Tönnies oder beim Wursthersteller Wilke Waldecker.

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