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Kriminalität spielt sich immer mehr im Internet ab. Wo früher Fingerabdrücke und Faserreste gesichert wurden, werden jetzt Smartphones, Tablets und vieles mehr ausgewertet. Das machen die "Cyber-Cops" vom Kommissariat K16. In ihrem Alltag werden die IT-Spezialisten dabei mit allen nur (un-)denkbaren menschlichen Abgründen konfrontiert, wie SWR1 Reporterin Martina Siekmann beobachtet hat.

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Das Kommissariat K16 sitzt mit seinen 13 IT-Spezialisten im fünfte Stock des Polizeipräsidiums Mainz. Ein langer heller Flur, nüchterne Büros, auf jedem Schreibtisch mehrere Monitore, offene Türen. Mir fällt auf, dass es hier sehr wenig Persönliches gibt. 

Kinderpornographie

Vielleicht liegt das an den Delikten, mit denen die IT-Spezialisten hier tagtäglich umgehen – Kinderpornographie und Drogenhandel sind Arbeitsschwerpunkte, wie der Leiter des K16 Jörg Stubenrauch erklärt: "Wir sind annähernd in jedem Kinderpornoverfahren im Boot. Wir untersuchen eben die Festplatten und stellen fest, woher die Bilder kommen – oder ob die sogar selbst angefertigt worden sind oder ob der Beschuldigte die Bilder über das Darknet gezogen hat. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was die Spezialisten vom K16 in diesen Fällen zu sehen bekommen.

Analyse am PC

Besuch bei der Cyber-Crime Einheit der Polizei Mainz (Foto: SWR, T. Siekmann)
Die Analyse komplexer Straftatbestände gehört zum Arbeitsalltag im K16. T. Siekmann

Im Büro am Ende des Gangs sehen ein Mann und eine Frau hochkonzentriert auf einen der Bildschirme. Die beiden Ermittler sind so vertieft, dass sie kaum aufschauen, als ich sie frage, woran sie arbeiten. Sie werten eine Videoaufzeichnung aus - es geht um versuchten Mord. Das ist der Verdacht. Passiert ist es in einer Tiefgarage, die videoüberwacht wird. Sollte das Opfer ermordet werden? Oder wollte der Täter den Mann nicht töten, sondern "nur" verletzen? Jede Sekunde dieses Geschehens, jede Bewegung wird analysiert. Der Verdacht kann sich bestätigen - oder zerschlagen.  

Spurensuche im Internet

Direkt am Schreibtisch gegenüber arbeitet Cyber-Analyst Björn Roos. Er geht gerade den Spuren nach, die ein mutmaßlicher Drogendealer im Internet hinterlassen hat: "Ich mache eine Analyse zu den aufgerufenen Webseiten, welche Programme er installiert hat, ob es irgendwelche Bitcoin-Adressen gibt, mit welchen Synonymen er unterwegs war, was er an bestimmten Tagen gemacht hat, um nachzuvollziehen, ob da irgendwelche verschlüsselten Bereiche sind." 

Betrug, Hass und Hetze im Internet

Im Flur steht ein Rollwagen, vollgepackt mit Computern und Akten. Es geht um Wirtschaftskriminalität, konkret den Verdacht auf Insolvenzverschleppung. Die Abteilung ermittelt aber auch bei Bandenkriminalität oder Internetbetrug zum Beispiel mit Ebay-Bestellungen oder Identitätsdiebstahl. Auch bei Hass und Hetze oder Bedrohung in den sozialen Netzwerken werden die "Cyber-Cops" aktiv.

Besuch bei der Cyber-Crime Einheit der Polizei Mainz (Foto: SWR, T. Siekmann)
Manchmal muss auch zugepackt werden, wenn in einem Fall viele Ordner und beschlagnahmte Computer überprüft werden müssen. T. Siekmann

Und sie ermitteln auch in Fällen, wenn zum Beispiel der Kopf einer Frau in eine Pornodarstellung montiert und diese Darstellung in den sozialen Netzwerken geteilt wird, wie kürzlich geschehen. 

IT-Forensiker Christian Wolpert wertet gerade Smartphones aus. Deren Besitzerin hat ein großes Problem, sagt er: "Sie sagt, in ihrem Namen wurden Beiträge auf Facebook veröffentlicht, die sie gar nicht geschrieben hat und Bestellungen bei Amazon ausgelöst, die sie auch nicht gemacht hat."

Belastende Detailarbeit

In einem anderen Raum sitzt Sascha Lied an einem Tablet. Der Besitzer soll Kindern darauf pornographische Darstellungen gezeigt haben – die Kinder haben es ihren Eltern erzählt, die Eltern haben Anzeige erstattet. Jetzt macht der IT-Spezialist die Webverläufe sichtbar. Wie wird man damit fertig, frage ich. Kann man damit fertig werden – besonders, wenn man vielleicht selbst Kinder hat und all das sieht? Die Antworten fallen unterschiedlich aus.

"Irgendeiner muss es ja machen."

Sascha Lied, IT-Spezialist

Dem einen gelingt es besser, sich zu distanzieren und innerlich abzuhärten, als einem anderen, sagen die Ermittler. Aber es ist eine schwierige Frage für sie. Denn sie werden mit fast allen Scheußlichkeiten konfrontiert, auf die Menschen kommen, sagt Sascha Lied: "Ob es jetzt Szenen sind bei einem Tatort, bei einem Mordfall, bei einer Selbsttötung, kinderpornographische oder jugendpornographische Darstellungen, Enthauptungsvideos, Propagandavideos, einfach alle Bereiche, mit denen die Polizei in Berührung kommt." Und dann sagt er leise: "Irgendeiner muss es ja machen."

Als Reporterin versuche ich immer kritische Distanz und Objektivität zu wahren. Aber ich gebe zu, nach meinem Besuch bin ich beeindruckt von der ruhigen Sachlichkeit, mit der die IT-Spezialisten im K16 vorgehen. Egal, worum es sich handelt.

Multitalent auf vier Beinen Polizeihunde - Partner mit der kalten Schnauze

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