STAND

Diese Frage haben wir Professor Helmuth Steinmetz, Direktor der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Frankfurt, gestellt, der täglich mit Schlaganfallpatienten zu tun hat.

Auf einem Smartphone ist das Wort "Schlaganfall" zu lesen (Foto: Imago, imago images / Panthermedia)
Imago imago images / Panthermedia

SWR1: Gibt es den Zusammenhang. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Helmuth Steinmetz: Ja, es gibt einen Zusammenhang, den man aber auch etwas relativieren muss. Denn die wenigsten Schlaganfälle sind auf nur eine Ursache zurückzuführen. Es sind immer Kombinationen von Faktoren, die genau zum falschen Zeitpunkt X zusammentreffen und dann einen Schlaganfall auslösen. Wir sprechen in dem Zusammenhang deswegen selten von Ursachen, sondern eher von Risikofaktoren, von denen sie mehrere brauchen, die zum kritischen Zeitpunkt zusammenwirken. Und dann gibt es den Schlaganfall.

SWR1: Zählt Corona zu diesen Risikofaktoren?

Steinmetz: Corona gehört dazu, weil sie für einen Schlaganfall drei Faktoren brauchen:

1. eine Gefäßwand-Krankheit oder eine Herzkrankheit
2. eine Gerinnungsaktivierung, also eine Grinselbildung im Blut und
3. der falsche Ort, an dem das passiert, damit sie überhaupt ein Symptom entwickeln.

Zumindest ein Faktor, wenn nicht sogar zwei, sind durch Covid-19 gegeben, nämlich eine Gerinnungsaktivierung im gesamten Blut und allen Organen. Das haben sie in der Lunge, Niere und auch in den Arterien. Deswegen ist ein Schlaganfall die Manifestationen von Covid-19, die eine Multi-Organkrankheit ist. Bei einigen wenigen Prozent wirkt sich Covid-19 dann im Gehirn aus und es kommt zu einem Schlaganfall.

SWR1: Bei Covid-19 gibt es einen Zusammenhang zwischen Alter und Erkrankungs-Schwere - je älter der Patient, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs. Gilt das im Zusammenhang mit einem Schlaganfall genauso?

Steinmetz: Eindeutig. Wie ich schon sagte, sie brauchen zum Beispiel eine Herzkrankheit oder eine Gefäßwand-Krankheit, die meistens nicht allein durch Covid-19 verursacht worden ist. Jeder, der eine solche Erkrankung mitbringt und dann noch Covid-19 entwickelt, ist natürlich ungleich gefährdeter als ein junger, gesunder Mensch.

Schlaganfall-MRT,  (Foto: SWR)

SWR1: Zu Beginn der Pandemie gingen Menschen mit schweren Erkrankungen aus Corona-Angst nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus. Betrifft das jetzt auch Fälle von Schlaganfällen?

Steinmetz: Das ist in der ersten Welle der Fall gewesen, und zwar weltweit in allen Ländern. In Deutschland wurden mit Einsetzen der ersten Welle und Verkündung des Pandemiefalls 30 Prozent weniger akute Schlaganfälle in den Kliniken gesehen. Das müssen wir zurückführen auf eine Angst der Patienten und ihrer Familien, dass man im Krankenhaus mit Covid-19 infiziert. Dem würde ich gerne jetzt in der Entwicklung der zweiten Welle entgegentreten. Wenn Symptome eines Schlaganfalls auftreten, bitte unbedingt die 112 wählen und mit dem Notarzt rasch in die Klinik fahren. Ich würde sagen, sie sind in jeder Neurologischen Klinik vermutlich sicherer vor Covid-19, als im öffentlichen Bereich einer deutschen Großstadt.

Notfall Schlaganfall Schlaganfall - Symptome, Verhalten, Therapien

In Deutschland erleidet alle zwei Minuten ein Mensch einen Schlaganfall. Schnelles Handeln und die richtige Versorgung sind dann das Wichtigste - davon hängen Überleben und Lebensqualität ab.  mehr...

Medizin Neue Therapien gegen Schlaganfall

Rund 260.000 Menschen in Deutschland sind jedes Jahr von einem Schlaganfall betroffen. Doch es gibt neue, vielversprechende Ansätze zur Therapie.  mehr...

Jede Minute zählt Wie bekommen alle Schlaganfall-Patienten schnell Hilfe?

Die Thrombektomie gilt als bahnbrechende Methode. Die lebensrettende Technik wird bislang nur in den großen Schlaganfallzentren angewandt. Aufgabenteilung könnte die Lösung sein.  mehr...

STAND
AUTOR/IN