STAND

Bin ich nach einer Infektion immun, soll ich Ibuprofen meiden und wie lange überlebt das Virus auf einer Oberfläche? Antworten von Bodo Plachter, Professor für Virologie an der Uni Mainz.

Der Mainzer Virologe Bodo Plachter hat im SWR1-Studio die Fragen von Hörerinnen und Hörern beantwortet. Hier eine Auswahl:

Auch in Rheinland-Pfalz wird es ab Montag eine Maskenpflicht geben. Wie haben Sie das denn bis jetzt gemacht?

Bodo Plachter: Ich gehe nicht ohne Maske einkaufen. Im Augenblick fahre ich nur mit dem Privatfahrzeug und nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr. Aber wenn ich natürlich den Bus oder Zug nehmen würde, dann würde ich natürlich auch da die Maske aufsetzen.

Erwachsene schaffen es leichter Abstand zu halten als Kinder, die das beim Spielen schnell vergessen. Sollte man Kinder rigoros trennen?

Schulen und Kitas wurden genau aus diesem Grund geschlossen, um diese Kontakte zu unterbinden. Wenn jetzt 20 Kinder draußen zusammenspielen, die permanent Kontakt haben, hat man genau dieselbe Situation. Da könnte man auch die Schulen und Kitas wieder öffnen. Es ist natürlich ein Problem, wenn diese Kinder dann wieder in die Familien zurückgehen und dort die Viren weiterverbreiten.

Ist man automatisch Risikopatient, wenn man zum Beispiel seit 30 Jahren Raucher ist?

Plachter: Alles, was die Lunge schädigt - und dazu gehört auch das Rauchen - birgt ein gewisses Risiko. Es gibt tatsächlich Hinweise, dass auch das Rauchen über einen längeren Zeitraum hinweg ein Risiko darstellt. Es gibt den interessanten Zusammenhang, dass in China die schweren Erkrankungen gerade Männer betroffen haben, die in der Regel mehr rauchen als Frauen. Das ist bisher aber nur eine Hypothese und nicht bewiesen.

Kann das Virus durch Klimaanlagen verbreitet werden?

Plachter: Bei uns haben Klimaanlagen entsprechende Filter verbaut, die Tröpfchen, die sich noch in der Luft befinden, abfiltern und die Luft säubern. Darin sehe ich im Moment kein Problem.

Kann man im Nachhinein herausfinden, ob man bereits an Corona erkrankt war?

Plachter: Mittlerweile gibt es - bisher leider nur in geringen Mengen - einen Antikörpertest, der eine Coronainfektion bestätigen könnte. Damit kann man sozusagen die Reaktion des Immunssystems auf diese Erreger nachweisen. Wenden Sie sich dafür an Ihren Hausarzt, ob sein zuständiges Labor schon über diesen Test verfügt.

Schwächt eine Desensibilisierung, zum Beispiel gegen Wespenstiche, die Immunabwehr?

Plachter: Eine Desensibilisierung hat keinen Einfluss auf die Immunabwehr gegen das Coronavirus. Eine Desensibilisierung zielt darauf ab, dass versucht wird die Immunantwort auf ein spezifisches Gift und damit auf die darauffolgende allergische Reaktion zu blockieren. Auf die Immunantwort auf andere Erreger hat eine Desensibilisierung eigentlich keinen Einfluss.

Was passiert mit dem Coronavirus nach einer Infektion im Körper oder nach der Pandemie?

Plachter: Beim Coronavirus handelt es sich offensichtlich um ein Virus, das nicht "persistieren", also nicht permanent im Körper überleben kann. Das Virus wird durch das Immunsystem quasi "hinausgeworfen". Glaubt man den Prognosen, wird es allerdings so sein, dass das Virus weiter in der Bevölkerung vorhanden sein wird. Das bedeutet, es wird wahrscheinlich weiter auf niedrigem Niveau zirkulieren. Das ist allerdings alles noch mit einem Fragezeichen zu versehen. Man muss nach der Pandemie sehen, ob und wenn ja wie viele Fälle noch auftreten. Die gegenwärtige Erwartung ist aber, dass es tatsächlich in der Bevölkerung bleibt.

Ist das Virus abhängig von der Außentemperatur und stirbt zum Beispiel im Sommer ab?

Plachter: Dieser Fakt, ob die Temperatur einen wesentlichen Effekt auf das Coronavirus haben könnte, wurde bereits sehr früh auch von dem renommierten Virologen und Corona-Experten Christian Drosten von der Charité in Frage gestellt. Es kann sein, dass es mit steigenden Temperaturen eine kleine Reduktion der Fallzahlen gibt. Leider ist aber nicht zu erwarten, dass das Virus, wie zum Beispiel die Grippe, komplett verschwindet. Das Virus scheint nicht wirklich temperaturabhängig zu sein.

Warum führen wir keine Mundschutzpflicht ein?

Plachter: Eine Mundschutzpflicht wird ja zum Beispiel in Österreich diskutiert. Ich denke, man sollte damit etwas vorsichtig sein. Zum einen steht überhaupt nicht genügend Material für 83 Millionen Menschen zu Verfügung, die täglich einen neuen Mundschutz benötigen. Sonst macht das keinen Sinn. Es ist tatsächlich so, dass wir nur in spezifischen Situationen in denen wir sehr nah aneinander heran müssen, in der Arztpraxis oder in der Physiotherapie, tatsächlich einen Mundschutz bräuchten. In Situationen, in denen sich so etwas eben nicht vermeiden lässt. Aber auf der Straße, da ist das nicht wirklich sinnvoll.

Kann die UV-Strahlung der Sonne zur Desinfektion einer Atemmaske ausreichen?

Plachter: Um eine sichere Desinfektion zu gewährleisten, müsste das UV-Licht die Maske komplett durchdringen. Deshalb wäre ich damit sehr vorsichtig. Setzen Sie, falls vorhanden, eine weitere Maske ein. Fall Sie über eine waschbare Maske verfügen, waschen Sie diese bei mindestens 60 Grad.

Ist es unbedenklich, Essen zu bestellen?

Plachter: Es gibt keinerlei Daten dazu, dass das Virus über Nahrungsmittel übertragen werden kann. Ich glaube, dass das sicher ist. Außerdem ist geliefertes Essen in der Regel ja gekocht.

Hat das Virus auch im Trinkwasser Bestand?

Plachter: Alles was Nahrungsmittel, also auch das Trinkwasser angeht, ist sicher. Diese Viren können in solchen Umgebungen nicht überleben und werden derart verdünnt, dass kein Risiko durch Trinkwasser besteht.

Kann sich das Coronavirus über die Klimaanlage in Bussen und Straßenbahnen verteilen?

Plachter: Dafür gibt es im Augenblick keine Hinweise, dass Klimaanlagen an der Verbreitung des Virus beteiligt sind. Es handelt sich ja um eine Tröpfcheninfektion und in diesen Klimaanlagen sind üblicherweise Filter enthalten, die das dann entsprechend herausfiltern sollten. Es gibt bislang keine Daten dazu, dass Klimaanlagen an der Ausbreitung dieser Erreger beteiligt sind.

Wann werden wir wieder ein normales Leben führen?

Plachter: Das Coronavirus wird uns noch Monate begleiten und es wir auch immer Corona-Infizierte geben. Einen Stand von Null zu erreichen, ist nicht möglich. Trotzdem wird sich der Alltag wieder einstellen. Es geht darum, die Ausbreitung im Griff zu haben und einen zu starken Anstieg, der unsere Krankenhäuser überlasten würde, zu verhindern.

Kann ich meinen Hund infizieren oder er mich?

Plachter: Es gibt bislang keine Hinweise, dass Haustiere in irgendeiner Weise an den Infektionsketten beteiligt sind. Es gibt auch keine Studien, die in diese Richtung deuten würden. Offensichtlich spielen Hunde, Katzen oder auch Pferde keine Rolle.

Soll ich eine anstehende Zahnreinigung verschieben?

Plachter: Alles, was nicht unbedingt nötig ist – und dazu gehört auch eine Zahnreinigung – sollten verschoben werden. Das sind Dinge, die eventuell ein geringes Risiko einer Infektion beinhalten.

Kann Fleisch das Virus übertragen und kann ich Viren durch Einfrieren abtöten?

Plachter: Das ist sehr unwahrscheinlich. Dafür müsste der Metzger erst einmal auf das Fleisch husten. Tatsächlich ist es so, dass das Einfrieren Viren nicht sicher abtötet. Mit Erhitzen des Fleisches werden Viren ganz sicher abgetötet.

Kann ein Jogger, der dicht an mir vorbei läuft, das Virus übertragen bzw. kann es durch den Wind übertragen werden?

Plachter: Die Übertragung durch einen kurzen Kontakt im Freien ist extrem unwahrscheinlich. Das gleiche gilt auch für den Wind. Der ist eigentlich positiv, weil die Viren sofort verteilt und weg geweht werden und somit auch kein Risiko entsteht.

Kann man von genesenen Coronapatienten nicht die Antikörper aus einer Blutspende herausfiltern, um sie Erkrankten zu geben?

Plachter: Theoretisch geht das, aber die Menge in einer Blutspende ist bei weitem nicht hinreichend, damit es auch wirken würde. Was man machen könnte, ist aus vielen Spendern Antikörper herausisolieren und daraus Präparate generieren. Das wird auch für andere Erreger so gemacht, ist aber im Augenblick logistisch nicht umzusetzen. Und auch da wären die entsprechenden Zulassungsprozesse notwendig, ähnlich wie bei einem neuen Impfstoff, bis das Präparat jemanden verabreicht werden könnte.

Gibt es Forscher, die nach einem Medikament für die Therapie suchen?

Plachter: Ja, daran wird sehr intensiv geforscht, sowohl an neuen Medikamenten als auch an Medikamenten, die bereits für andere Erreger zugelassen sind. Eins davon ist Chloroquin, was in der Malariatherapie eingesetzt wird. Ob es eine Wirksamkeit gegen das Coronavirus gibt, wird derzeit in verschiedenen klinischen Studien getestet. Das Gute daran ist, dass diese Medikamente bereits zugelassen sind. Ob die Patienten wirklich davon profitieren, muss aber erst die Zukunft zeigen.

Plachter: Die Infektionen sind dort schon sehr früh im Januar aufgetreten, wurden aber nicht bemerkt. Das heißt, wir haben vier bis sechs Wochen eine Verbreitung dieser Erreger gehabt, ohne dass das aufgefallen ist. In dieser Zeit hat in Europa noch keiner an Corona gedacht. Daher sind in Spanien und Italien schon sehr viele Menschen infiziert. Das ist anders als bei uns - wir haben deutlich mehr Vorsprung gegenüber dem Virus.

Warum ist die weltweite Verteilung der Infektionen aktuell zu 99 Prozent auf der Nordhalbkugel - hat das was mit Jahreszeiten zu tun? Gibt es Hoffnung, dass es mit der der Wärme besser wird?

Plachter: Die Corona-Experten machen da wenig Hoffnung. Es wird ein bisschen weniger werden, aber die Erreger sind nicht so wärmeempfindlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Corona im Sommer verschwindet, ist recht gering. Es wird vielleicht weniger werden, aber dass es durch die wärmeren Temperaturen komplett verschwindet, ist eher gering.

Wie hitzeempfindlich ist das Virus? Reicht es Buntwäsche bei 40 Grad zu waschen?

Plachter: Mit 40 Grad ist man nicht unbedingt auf der sicheren Seite. Wenn man die Wäsche quasi von dem Virus reinigen möchte, würde ich eine höhere Temperatur wählen, wie zum Beispiel 60 Grad.

Kann ich Obst und Gemüse noch lose kaufen, mit der Befürchtung, dass coronainfizierte Menschen das schon berührt haben?

Plachter: Auch ohne Corona sollte man Obst und Gemüse vor dem Verzehr immer gründlich waschen und gegebenenfalls auch schälen. Dann besteht auch keine Gefahr.

Wie helfen Gummihandschuhe als Schutz vor dem Coronavirus?

Plachter: Grundsätzlich gilt: Handschuhe helfen nicht viel. Viren an der Hand sind im Prinzip vergleichbar mit Viren am Handschuh. Wichtig ist, dass sie sich weder mit der behandschuhten oder blanken Hand ins Gesicht fassen. Da hilft ein Handschuh eigentlich wenig. Daher auch hier der Rat, sich regelmäßig die Hände zu waschen und versuchen, das häufige ins Gesicht fassen zu unterdrücken.

Kann man bei leichtem Verlauf auch mit Hausmitteln und Inhalationsgeräten arbeiten, um die Symptome zu lindern?

Plachter: Es gibt keine Hinweise darauf, dass das etwas bringen würde. Das Virus zerstört zum Teil das Lungengewebe. Inhalationen werden daher nur geringe Effekte zeigen. Die meisten Hausmittel sind hier relativ nutzlos.

Frage an Virologe Bodo Plachter Was soll ich bei ersten Krankheitssymptomen tun?

Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich an mir Krankheitssymptome feststelle? Unser Frage an Prof. Dr. Bodo Plachter von der Unimedizin Mainz.  mehr...

Fragen an Virologen Plachter Hatte ich Corona schon und was gilt für Krebspatienten?

Der Mainzer Virologe Prof. Bodo Plachter hat im SWR1-Studio die Fragen von Hörerinnen und Hörern beantwortet. Hier geht es darum, ob ich nach einer Chemotherapie gefährdet bin und ob ich testen kann, dass ich bereits infiziert wurden.  mehr...

Frage an Virologe Bodo Plachter Risikoeinschätzung "hoch" - Was bedeutet das?

Das Robert-Koch-Institut hat die Risikoeinschätzung am Dienstag auf "hoch" gesetzt. Was bedeutet das? Unser Frage an Prof. Dr. Bodo Plachter von der Unimedizin Mainz.  mehr...

Ihre Fragen an unseren Experten Virologe Prof. Plachter: "Die nächsten Wochen werden spannend"

Die Ausbreitung des Coronavirus verändert unseren Alltag. Unser Experte Prof. Dr. Bodo Plachter antwortet auf Ihre Fragen.  mehr...

Der Vormittag SWR1 Rheinland-Pfalz

Frage an Virologe Bodo Plachter Haben die Menschen den Ernst der Lage verstanden?

Das Mandelblütenfest in Gimmeldingen ist am Wochenende ausgefallen - trotzdem kamen zahlreiche Menschen in den Ort. Haben viele noch nicht verstanden, wie ernst die Lage ist? Unser Frage an Prof. Dr. Bodo Plachter von der Unimedizin Mainz.  mehr...

Frage an Virologe Bodo Plachter Andere Länder ändern kaum etwas - ist das eine gute Strategie?

Großbritannien fährt beim Coronavirus bisher eine andere Strategie als Deutschland - dort ändert sich kaum etwas.Virologe Prof. Dr. Bodo Plachter von der Unimedizin Mainz erklärt, warum er das für riskant hält.  mehr...

Reise & Arbeit

Wirtschaftsredakteurin Tamara Land zum Reiserecht Stornierung, Erstattung, Rückholung in Corona-Zeiten

Tausend deutsche Urlauber sitzen im Ausland fest, viele haben für die nächsten Monate fertige Reisepläne in der Schublade. Die meisten Pläne müssen über den Haufen geworfen werden. Wirtschaftsredakteurin Tamara Land beantwortet Hörerfragen rund ums Reiserecht.  mehr...

SWR1-Experte beantwortet Ihre Fragen Coronavirus und Arbeitsrecht

Ihre Fragen zum Thema "Corona und Arbeitsrecht" beantwortet unser Studiogast Johannes Roch. Er ist Anwalt für Arbeitsrecht in Mainz.  mehr...

STAND
AUTOR/IN