ein Schild mit der Aufschrift „Lockdown“ in einem Schaufenster (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)

Aerosol-Experte Scheuch zu Masken und Infektionsrisiko

"Wissenschaftlich macht das überhaupt keinen Sinn, Masken im Freien zu tragen"

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Kommt es zu weiteren Öffnungen und wird es einen Stufenplan geben? Und welchen Einfluss haben die ansteigenden Coronazahlen durch die Virus-Mutationen? Die Entscheidungen am 3. März sind keine leichte Aufgabe für die Länderchefs, Kanzlerin und Experten beim Bund-Länder-Treffen.

Dr. Gerhard Scheuch ist Physiker und gilt als einer der führenden Aerosol-Experten Deutschlands und hat vor den neuen Entscheidungen mit SWR1 gesprochen.  

 

Aerobuster (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/-/Bayerischer Rundfunk/dpa)
Aerosole beim Ausatmen sichtbar gemacht. picture alliance/-/Bayerischer Rundfunk/dpa

SWR1: Sind die kleinen Schwebeteilchen, die sogenannten Aerosole, die beim Sprechen ausgestoßen werden, durch die Virus-Mutationen jetzt noch gefährlicher, wenn jemand mit Corona infiziert ist?

Gerhard Scheuch: Das glauben wir eigentlich nicht. Wir glauben im Augenblick, dass durch die Mutationen die Infektiosität einfach länger ist. Das heißt, der Mensch, der ansteckend ist, ist länger ansteckend. Also einen Tag vorher, zwei Tage danach. Das ist vermutlich die Gefährlichkeit dieser Mutation.

SWR1: Sie sind gerade dabei, ein Gerät zu entwickeln, das anhand der Atemluft einen Corona-Test macht. Wie funktioniert das?

Scheuch: Das ist kein spezifischer Corona-Test. Wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass, wenn es zu einer viralen Infektion in der Lunge kommt, der Mensch beim ganz normalen atmen, plötzlich sehr viel mehr Aerosol-Partikel ausatmet. Wir vermuten, dass das der Übertragungsweg ist, wie sich die Viren von Mensch zu Mensch übertragen. Diese kleinsten Aerosol-Partikel entstehen beim Einatmen wohl ganz tief in der Lunge und werden dann beim nächsten Ausatmen ausgestoßen. Die Teilchen sind sehr klein und eine infizierte Person hat dann plötzlich mehrere zigtausend Aerosol-Teilchen pro Liter in der Ausatemluft. Wenn man einen gesunden Menschen untersucht, dann liegt diese Zahl im Hunderterbereich.

SWR1: Wie messen Sie das mit ihrem neuen Gerät?

Scheuch: Wir lassen die Probanden partikelfreie Luft einatmen und nach wenigen Atemzügen messen wir nur noch die Teilchen, die wirklich in der Lunge selbst produziert werden.

SWR1: Wie schnell und sicher ist so ein Test?

Scheuch: Der Test dauert ungefähr 20 Sekunden. Wie sicher er ist, wird gerade an verschiedenen Universitäten und in Krankenhäusern geprüft. Wir versuchen jetzt rauszubekommen, ob man tatsächlich diesen Test einsetzen kann, um eine Eingangskontrolle - beispielsweise bei Alten- und Pflegeheimen und in Krankenhäusern – zu ermöglichen.

Eine FFP2-Maske liegt auf einem Tisch auf der Verkaufsverpackung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)
Diese Masken sind ab Inzidenz 100 Pflicht im ÖPNV picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst

SWR1:Schützt die einfache medizinische Maske genauso gut wie eine FFP2-Maske?

Scheuch: Das kommt immer darauf an, wie gut man die Maske aufzieht. Das Maskenmaterial selbst ist nur ein Faktor, der die Aerosol-Partikel zurückhält. Wenn man die Maske locker aufsetzt, dass der Atemstrom nicht durch das Material durchgeht, sondern an der Maske vorbei, dann ist die Maske relativ unwirksam. Leider bekommen wir diese Masken nie so dicht und eigentlich müssen diese FFP2-Masken an die Gesichtsform angepasst werden. Das Maskenmaterial ist ein Faktor, der dichte Sitz der Maske ein anderer.

Ich persönlich glaube, dass diese FFP2-Masken überbewertet werden. Man glaubt sich in einer Sicherheit, die aber diese Masken nicht geben können. Wenn man sie länger trägt, atmet man nicht durch die Maske, sondern hauptsächlich an der Maske vorbei. Das wäre sonst viel zu anstrengend, wenn man über längere Zeit durch dieses Maskenmaterial atmen müsste.

Ein Mann spaziert durch einen Park (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Laut Gerhard Scheuch ist die Nutzung von Masken im Freien überflüssig. Picture Alliance

SWR1: Macht es Sinn, wenn sich Menschen beim Spazierengehen begegnen und dann eine Maske aufsetzen?

Scheuch: Nein, wissenschaftlich macht das überhaupt keinen Sinn, Masken im Freien zu tragen. Der Kontakt im Freien reicht selten aus, um sich zu infizieren. Man müsste sich 15 Minuten sehr eng gegenüberstehen und sich quasi in der Aerosol-Wolke des Gegenüber befinden. Dann kann man sich unter Umständen infizieren. Aber beim Vorbeigehen, Vorbeijoggen oder Radfahren ist die Kontaktzeit einfach viel zu gering, als dass man sich anstecken könnte.

SWR1: Heißt, die Maskenpflicht in der Innenstadt ist auch völlig sinnlos?

Scheuch: Wenn man in der Innenstadt ist, geht man in ein Geschäft und wieder raus. Dann müsste man jeweils die Maske an- und dann wieder absetzen. Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum man dann sagt, lasst die Maske auf - schaden tut sie ja auch nicht. Aber das wissen wir schon seit Mitte letzten Jahres. Laut Daten von chinesischen Kollegen ist die Übertragung des Virus ein Innenraum-Problem. Im Außenbereich kann man sich nicht infizieren. Sie haben 7.000 Infektionen untersucht und dabei war eine einzige im Außenbereich.

SWR1: Der Einzelhandel, die Kinos und Theater wollen lieber heute als morgen wieder öffnen. Wenn Sie entscheiden könnten, was würden Sie erlauben und mit welchen Auflagen? 

Scheuch: Glücklicherweise bin ich kein Politiker und muss das nicht entscheiden. Wir Wissenschaftler können eigentlich nur Daten liefern. Aber ich würde fast alle Aktivitäten erlauben, die im Freien stattfinden können, wie die Außengastronomie und alle Sportveranstaltungen, die im Freien stattfinden können. Da passiert einfach nichts. Im Innenraum würde ich noch strengere Maßnahmen ansetzen. Ich würde beispielsweise verpflichtend in Innenräumen, wo mehrere Menschen zusammenleben, mobile Raumluftfilter installieren lassen. Diese können bis zu 95 Prozent der Viren aus der Zimmerluft entfernen. Ich verstehe bis heute nicht, dass man diese Maßnahmen nicht einsetzt. Es wird zwar immer wieder gefordert, dass man dann viel lüftet. Aber ich glaube, dass sehr viele Leute dieses Lüften vergessen. Wenn man mobile Raumluftfilter einsetzt, kann man sich das Ersparen oder muss es nicht so häufig machen.

SWR1: Ein kleiner Blick in die Zukunft - Wie geht es uns in puncto Corona in einem Jahr?

Scheuch: Als Aerosol-Physiker ist das schwierig zu sagen und ich bin weder Epidemiologe noch Virologe. Ich würde aber vermuten - wenn ich die Zahlen jetzt sehe und sehe, dass die Impfungen relativ gut funktionieren - dass wir in einem Jahr ein relativ normales Leben führen können.

Rheinland-Pfalz

Entwicklung der Pandemie 2.320 Neuinfektionen, Hospitalisierungs-Inzidenz bei 4,23

In Rheinland-Pfalz sind am Dienstag 2.320 Corona-Neuinfektionen gemeldet worden. Die maßgebliche Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz liegt bei 4,23. Neun Menschen starben mit oder an Covid-19.  mehr...

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