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Abgeschnitten von der Welt Das Internet geht nicht mehr - was dann?

Eine Welt ohne Internet ist heute kaum noch denkbar. Weltweit sind inzwischen mehr als vier Milliarden Menschen online. Was wäre aber, wenn das Internet plötzlich und unerwartet flächendeckend ausfallen würde? Wie würden wir reagieren, was wären die Folgen und Konsequenzen? Darüber haben wir mit Sandro Gaycken gesprochen, der früher beim Chaos Computer Club war und heute das Digital Society Institute an der European School of Management and Technology leitet.

Sandro Gaycken

Sandro Gaycken

Was würde denn tatsächlich passieren, wenn das Internet plötzlich kaputt wäre?

Das Internet besteht aus vielen verschiedenen Dingen. Es kommt so ein bisschen darauf an, was rausfällt. Wenn das normale Internet ausfällt, fällt die Weltwirtschaft auf jeden Fall sofort flach. Wir können nicht mehr kommunizieren, wir können ganz viele Medien nicht mehr konsumieren. Wir können auch gar nicht mehr per Telefon kommunizieren, weil da auch ganz viel über internet-ähnliche Strukturen läuft. Mittelfristig kollabieren dann auch Logistik, Zulieferung, Nahrungsmittelversorgung und all solche Dinge.

Wie verheerend wäre ein solcher Ausfall, und was würde denn überhaupt noch ohne Internet funktionieren?

Momentan ist eigentlich gar nicht so richtig zu sagen, was überhaupt noch ohne Internet funktioniert. Wir haben uns sehr schnell sehr abhängig gemacht von allem in allen Bereichen und wir wissen eigentlich gar nicht genau, ob wir ohne Internet noch zurecht kommen. Es gibt sicherlich solche Notfallpläne, wenn mal so was in der Richtung passieren sollte. Aber die sind alle sehr hypothetisch, und ob die dann auch alle wirklich funktionieren - wenn man das mal durchübt - das ist sehr fragwürdig.

Wie lange dauert es, bevor das ganze wirklich bedrohliche Ausmaße annehmen würde?

Also ich glaube, für den Durchschnittsbürger geht es so die ersten drei, vier Tage. Dann wird man anfangen zu merken, dass es irgendwie schwierig wird. Man wird nicht mehr arbeiten können. Man wird auch merken, dass die Versorgung irgendwann anfängt zusammenzubrechen, dass Notfallpläne greifen, dass die Regierung einschreitet und das Militär vielleicht aushelfen muss. Es wird wahrscheinlich relativ schnell gehen, bis es dann bergab geht.

Jetzt wurde bekannt, dass Hacker in Frankreich ein französisches Bauunternehmen angegriffen und zahlreiche - auch sensible - Dokumente erbeutet haben, zum Beispiel auch von Atomkraftwerken, Gefängnissen und Straßenbahnnetzen. Macht Ihnen als Profi so etwas Angst?

Nein. Also wir wissen sowieso, dass permanent alles gehackt wird und permanent alle sich alles mögliche besorgen. Daran haben wir uns schon gewöhnt. Man sollte natürlich Angst haben - wir haben nur in der Community nicht mehr so Angst, weil wir das jeden Tag erleben.

Sie haben schon die NATO oder auch die Bundesregierung beraten in Sicherheitsfragen: Sind wir denn ausreichend auf einen Angriff auf "unser Internet" abgesichert?

Nö, überhaupt gar nicht.

Was heißt das? Schläft da jemand? Oder ist eine Vorbereitung auf so etwas gar nicht möglich?

Vorbereitung ist sehr schwierig. Ganz viel versackt dann in diesen ministerialen und institutionalen Apparaten, die dann irgendwie ganz andere Meinungen haben, die auch die schwierigeren Probleme daran gar nicht verstehen. Und damit macht man sich keine Freunde in der Bürokratie, damit macht man keine Karriere - und deshalb sind das Sachen, wo alle mal gern wegsehen und weglaufen.


Zur Person
Sandro Gaycken

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Sandro Gaycken

Sandro Gaycken, Jahrgang 1973, ist ein deutscher Technik-Philosoph und Cyberwar-Experte. Gaycken ist ein ehemaliger Aktivist des "Chaos Computer Club" und ist heute Direktor des Digital Society Institute an der European School of Management and Technology. Er berät unter anderem die NATO und die Bundesregierung in Fragen der IT, der Geheimhaltung und des Cyberkrieges.