Benny und Björn von ABBA im SWR1 Interview

"Die Zuneigung der Fans ist einfach wundervoll"

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Für ABBA-Fans ist am 5. November 2021 eine neue Zeitrechnung angebrochen. An diesem Tag ist das neunte Studioalbum der Gruppe herausgekommen: "Voyage" ( Reise). Es soll die letzte neue ABBA-Musik sein, die die Welt hört.

Im persönlichen Interview mit SWR1 Musikredakteur Dave Jörg sprechen die ABBA-Songschreiber Benny Andersson und Björn Ulvaeus über den Spaß am gemeinsamen Musikmachen, die ungebrochene Freundschaft der Bandmitglieder und über die Liebe der ABBA-Fans. 

Benny und Björn von ABBA (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Benny und Björn von ABBA Picture Alliance

SWR1: Glückwunsch zum neuen Album "Voyage". Wie wollen Sie eigentlich, dass man das ausspricht - Englisch oder Französisch?

Benny: Ich mag "Voyage" auf Französisch.

Björn: Es geht aber beides! Ich spreche es Englisch aus, Benny auch. Die Amerikaner sagen es so, die Briten natürlich auch. Die englische Aussprache macht da schon mehr Sinn. Wir schreiben unsere Texte auf Englisch. Nur beim Album "Voulez Vous" war der Name Französisch.

SWR1: Es ist schon wirklich mutig, jetzt nach 40 Jahren Pause mit einem neuen ABBA-Album zu kommen. Das kann ja auch schief gehen…

Benny: Was wäre, wenn die Leute sagen würden: In den 70ern waren die aber besser. Darf mich das stören? Oder sie genießen die Platte einfach und sagen: Wow, ich hätte nicht gedacht, dass die das noch hinbekommen, ich liebe diese Platte. Aber falls nicht, kann man sowieso nichts dran ändern. Wir wussten das auch nicht bei den Erfolgsalben "Arrival" oder "Super Trouper" und all den anderen. Wir haben vorher nie eine Ahnung gehabt, ob’s funktioniert.

Björn: Entscheidend ist aber, dass der kreative Prozess sehr angenehm war. Wir hatten wirklich Spaß miteinander Musik zu machen. Allein das war es wert. Und was die Leute dann danach darüber denken - das steht auf einem anderen Blatt.

Benny: Zum Beispiel bei den beiden letzten beiden Songs, die wir 1982 gemacht haben, "The Day Before You Came" und "Under Attack". Die haben in den Charts nicht funktioniert und sind nicht auf die Nummer Eins geschossen. Das hat aber "Dancing Queen", "Fernando" oder "Money Money Money" nicht geschadet. Manche Sachen funktionieren eben, andere nicht.

SWR1: "The Day Before You Came" ist aber ein großartiger Song.

Benny: Ja, finde ich auch - er ist einer unserer Besten.

SWR1: Was würden Sie ihrem Jüngeren "Ich" raten, wenn Sie ihm eine Nachricht in die Vergangenheit schicken könnten?

Benny: Ich denke, ich würde meinem jüngeren "Ich" sagen: Mach weiter Deinen Job und bleibe authentisch. Bleibe so nah wie möglich an dem, was in Dir steckt. Und schaue einfach, was dann passiert. Bleibe Dir und Deiner Arbeit treu. Und versuche nicht zu erraten, was andere von Dir wollen. Keiner kann das - keine Chance.

Björn: Ich würde mir selbst sagen, was wir schon früh in unserer Karriere kapiert haben. Ein Song muss das Zentrum des Musikbusiness sein. Gutes Songwriting ist der Schlüssel. Stecke Deine Kraft in einen guten Song und nicht so viel in Tourneen und andere Sachen. Wir haben gelernt, wie man als Songschreiber wirklich gut wird.

Benny: Und natürlich sind sehr gute Aufnahmen im Studio wichtig, mit denen man glücklich sein muss.

Björn: Und wenn man mit den zwei Sängerinnen und deren Stimmen dann auch noch einen absolut einmaligen Sound erschafft - das hilft auch etwas (lacht).

Benny: (lacht mit) Da braucht man auch ein bisschen Glück.

SWR1: Beim Song "Keep An Eye On Dan" auf dem neuen Album "Voyage" spielen Sie am Schluss ein Piano-Zitat aus Ihrem Klassiker "S.O.S."…

Benny: Ja das hab‘ ich clever gemacht (lacht). Ich habe den Song im Studio gemischt und an meinen Maschinen herumarrangiert und dachte: Ach, das passt gut ans Ende (imitiert die Pianonoten von "S.O.S."). Aber dann haben wir uns dagegen entschieden und es wieder rausgenommen. Doch dann hab‘ ich es wieder eingefügt, weil’s mir so gut gefallen hat. Es ist ein kleines "Hallo, wir sind noch da - könnt ihr uns hören?".

Björn: Außerdem hat der Scheidungssong "Keep an Eye on Dan" inhaltlich was mit "S.O.S." zu tun. Es ist also eine kleine Reminiszenz.

Benny: Ich finde es klasse, dass die Leute solche Kleinigkeiten bemerken.

SWR1: Mit dem neuen Album reden alle wieder nach 40 Jahren über ABBA, nach all der Zeit stehen Sie wieder im Rampenlicht. Wie fühlt sich das denn an?

Björn: Darüber haben wir vorhin gesprochen, als wir am Hotel angekommen sind und ganz viele Fans Autogramme wollten. Vielleicht hätte mich jemand am Schlafittchen packen müssen und sagen: Hey, jetzt komm‘ mal weiter. Das hat aber keiner (lacht). Und ich habe immer weiter Autogramme geschrieben.

Benny: Im Grunde ist es, wie es immer war, auch wenn wir eine Pause von 40 Jahre hatten.

Björn: Aber es ist auch eine seltsame Situation, weil es eben 40 Jahre her ist. Irgendwie ist das echt seltsam, wenn man es genau betrachtet. Andererseits finde ich es super. Sowas ist in der Form noch niemanden vor uns passiert.

Benny: Ja, das ist schon ziemlich cool. Wir sind jetzt 76 und 75. Wir sind alt, aber noch immer gut! Und es war eine großartige Erfahrung, das zu verstehen und zu begreifen. Wir sind ins Studio gekommen und wussten nicht, ob das alles gut genug wird. Wir hatten zwei Songs - mit denen hat es angefangen ("I Still Have Faith In You" und "Don’t Shut Me Down" Anm. der Red.). Die haben wir aufgenommen, fertiggemacht und dann dachten wir: Wow, das ist verdammt gut! So gut, wie wir das in unserem Alter eben hinkriegen.

SWR1: Und weil Sie keine 30 mehr sind, schicken Sie Ihre digitalen, verjüngten Versionen auf die Bühne und spielen nicht mehr selbst. Dafür haben Sie beide, sowie Agnetha und Frida, Ihre Bewegungen per Computer erfassen lassen, mit dem so genannten "Motion Capturing". War das nicht schwer, so zu tun, als ob da ein Publikum ist und jubelt?

Benny: Die Techniker waren unser Publikum. Das waren allein schon mal 50 von der Trickfirma "Industrial Light and Magic" und deren Freunde. Vor denen haben wir 24 Songs zum Besten gegeben und einfach so getan, als wäre es eine echte Show.

Dieses undatierte Foto zeigt Björn Ulvaeus (l-r), Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad, Mitglieder der schwedischen Popgruppe Abba. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/PA Media | Industrial Light And)
ABBA in den "Motion Capturing"-Anzügen. picture alliance/dpa/PA Media | Industrial Light And

Björn: Die Musik ist die Energie. Als wir das gemacht haben, haben wir echt die ganze Kraft der Musik gespürt.

Benny: Bei dem "Motion Capturing" hat man diese verrückten Anzüge an, mit Markern dran und diesen Knubbel-Punkten im Gesicht, dazu Helme auf dem Kopf. Das ist wirklich merkwürdig. Bewegen kannst Du Dich nicht in den Dingern, aber lächeln kannst Du noch. Wir wollen aber für die virtuelle Show in London auf dem Olympiagelände so aussehen und wirken wie 1979. Da waren wir so Mitte, Ende Dreißig. Die haben unsere Bewegung erfasst und dann noch die von vier jungen Schweden: zwei Ladies und zwei Jungs. Die haben unsere Bewegungen kopiert. Und diese beiden aufgezeichneten Bewegungen haben die Spezialisten am Computer kombiniert.

Björn: Und das ist die Grundlage für unsere verjüngten, digitalen Versionen, den "ABBA-taren". Die werden aber wie ABBA sein, weil da ganz viel von uns drinsteckt.

SWR1: Kommen denn zur Showeröffnung im Mai in London auch die Damen, Agnetha und Frida?

Benny: Kann schon sein, wissen wir noch nicht. Aber wir haben sie auch noch nicht gefragt. Ich komme auf jeden Fall (grinst).

SWR1: Zurück zur Musik. Das Herz von ABBA war doch im Grunde genommen immer die Freundschaft zwischen Ihnen beiden, Benny und Björn. Hat sich das verändert über die Jahre?

Benny: Wir sind Freunde und musikalische Partner - daran hat sich nie was geändert. Wir sprechen jede Woche miteinander, sehen uns auch fast jede Woche. Und wir hatten immer Kontakt, auch mit den Ladys. Als es vor vier Jahren zu diesem Projekt gekommen ist, haben wir uns auch regelmäßig getroffen. Wir sind alle vier Freunde und waren es immer. Auch während der Zeit als wir nicht miteinander gearbeitet haben.

Björn: Und sie können sich vorstellen, dass unser Verhältnis ein besonderes ist, wenn man bedenkt, was wir gemeinsam erlebt und was wir auch alles durchgemacht haben. Das ist schon ein ganz besonderer Bund. Deshalb haben wir eine großartige Freundschaft.

SWR1: Und in neuen Songs wie "I Can Be That Woman" und "Keep An Eye On Dan", wo es um Trennung und Scheidung geht, hat man das Gefühl, dass es um Ihre eigene Geschichte als Paare geht…

Björn: Nicht unbedingt. Es ist ein bisschen mehr Fiktion als unsere echte Geschichte. Aber mit Sicherheit sind es Erfahrungen und Dinge, die wir durchgemacht haben. Wir sind geschiedene Eltern mit Kindern. Natürlich schreibe ich dann auch über so etwas, was ich selbst erlebt habe.

SWR1: Viele unserer Hörerinnen und Hörer sind riesengroße ABBA-Fans und sie sagen, dass sie mit ABBA ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Weltweit empfinden das sehr viele Menschen als Trost in schwierigen Zeiten, dass es wieder neue Musik von ABBA gibt. Überall ist Freude und eine riesige Zuneigung zu spüren. Wie fühlt sich das an?

Benny: Das ist einfach wundervoll.

Björn: Ja, wundervoll, herzerwärmend und macht uns demütig - all das! Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an die Liebe und an diese ganzen Gefühle erinnert werden, die uns die Fans schenken. Es ist einfach fantastisch. Ich denke, das ist einmalig.

Benny: Wahrscheinlich haben wir das gar nicht verdient. Wir haben einfach das gemacht, von dem wir dachten, dass es Spaß macht. Und wenn wir den Alltag und das Leben der Menschen mit einer neuen Platte ein bisschen aufhellen können, ist das wundervoll. Das ist der Grund, warum wir nach 1979, nach den Trennungen und Scheidungen, weitergemacht haben. Was wir mit ABBA haben, ist so besonders - das konnten wir doch nicht einfach über Bord werfen, nur aus dem kleinen Grund, dass wir nicht mehr verheiratet sind (lacht).

Björn: (lacht mit)

Benny: Wir dachten damals, wenn die Damen noch singen können, dann können wir auch noch Songs schreiben, Musik machen und sie im Studio so gut wie möglich aufnehmen.

SWR1: Dann haben Sie die Liebe und Zuwendung Ihrer Fans aber auch wirklich verdient...

Benny und Björn: (lachen) Vielen Dank!

Benny: (lacht) Ich warte schon die ganze Zeit drauf, dass das mal jemand sagt.

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