Was darf man in der Öffentlichkeit? Werden wir wieder prüde?

Für viele Menschen ist beispielsweise das Stillen oder Fingernägel schneiden in der Öffentlichkeit ein absolutes "No go". Ist unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten wieder prüde geworden und haben sich die Normen für unser Verhalten geändert?


Nachdem Schauspielerin Nina Bott aus einem Café geworfen wurde, weil sie dort ihr Baby stillen wollte, wird die Frage, was man in der Öffentlichkeit machen darf, in den Sozialen Medien heftig diskutiert. Wir haben Prof. Stefan Hirschauer, Soziologe an der Universität Mainz, gefragt, warum manche Menschen ein Problem damit haben.

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Oftmals liegt es an dem Kontext, ob etwas als störend empfunden wird. Wenn eine Handlung intim ist und in der Öffentlichkeit stattfindet – wie zum Beispiel das Stillen in einem Restaurant -, sind die Toleranzschwellen unterschiedlich groß. Von manchen Menschen wird das Stillen als Aufdringlich empfunden. Das kann auch der Fall sein, wenn zum Beispiel am Nachbartisch im Restaurant eine Ehestreit ausbricht oder an einem öffentlichen Badestrand Menschen ohne Badekleidung ins Wasser gehen. Natürlich kann man verstehen, dass das als störend empfunden wird – und genauso, dass das praktiziert wird.

Haben wir heute mehr Freiheiten?

Die Zeiten, wo man stillende Mütter in Stillräume oder Toiletten verdrängt, sind glücklicherweise vorbei. Andererseits ist in den letzten 10-20 Jahren wieder eine gewisse Prüderie aufgekommen, so der Eindruck von Prof. Stefan Hirschauer. Was vor einer Generation noch als Selbstbestimmung von Frauen hochgehalten wurde, wird heute wieder stärker eingeschränkt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Körperbehaarung, die heute als störend empfunden wird. Die ästhetischen Standards haben angezogen und Körper sollen möglichst glatt und sauber sein. Das Stillen in der Öffentlichkeit fällt daher heute wieder stärker aus den Normen, als noch in den 80er Jahren.

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