1987 - SWR1 Meilensteine The Beatles "White Album"

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Es war der wundersamste Adventskalender, den ich je geschenkt bekam. Von außen ganz normal mit 24 Türchen, öffnete man jedoch das erste Türchen, war nichts dahinter außer einer kleinen weißen Fläche. Und so ging es immer weiter, bis ich endlich am Morgen des Heiligen abends die Prägung des Buchstabens "B" hinter dem Türchen entdeckte.

Die Freude war groß, hatte ich doch endlich meine lang ersehnte Vinyl-Ausgabe vom sogenannten weißen Album der Beatles bekommen. Wäre es "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", "Revolver" oder "Abbey Road" gewesen, ich hätte es beim ersten Türchen erkannt. So aber zeigt schon dieser Adventkalender, dass das Album "The Beatles" - auch weißes Album genannt - etwas ganz Besonderes ist.

Als es vor fünfzig Jahren, am 22. November 1968, erschien hatte sich die Welt verändert. Die überbordende Buntheit von Sgt. Pepper und die Hippie Glückseligkeit des Summer of Love von 1967 waren Geschichte. Nicht nur in Paris und Berlin revoltierten Studenten gegen verkrustete gesellschaftliche Strukturen und den Vietnamkrieg. In Berlin wurde Rudi Dutschke bei einem Attentat angeschossen, in den USA starben Martin Luther King und Robert Kennedy ebenfalls bei Attentaten und in der Tschechoslowakei walzten sowjetische Panzer den Prager Frühling nieder.

Und die Beatles?

Die größte Rockband der Welt ging auf Klassenfahrt nach Indien. Im Ashram des Gurus Maharishi Mahesh Yogi wollten sie die transzendentale Meditation erlernen um wieder zu sich selbst zu finden. Auch ihre Welt hatte sich verändert. Nach dem Tod ihres Managers Brian Epstein mussten sie sich selbst um ihre Geschäfte kümmern. Sie hatten großartige Pläne.

Ihre neue Firma "Apple" sollte nicht nur ein eigenes Plattenlabel sein, sondern eine Art Hippie Mischkonzern. Junge Talente sollten gefördert werden. Musik, Kunst, Mode, Film - ja sogar die Tontechnik und die Unterhaltungselektronik wollten sie revolutionieren. In gewisser Weise waren die vier erwachsen geworden. Ihre Projekte gingen sie mit großem jugendlichen Elan aber auch mit Naivität an.

Doch bevor das alles losgehen konnte, ging's erst einmal nach Indien zum Meditieren. Und sie reisten nicht allein. Mit dabei waren Freundinnen und Freunde - unter anderem die Schauspielerin Mia Farrow nebst Schwester Prudence, Folkbarde Donovan, Mike Love von den Beach Boys und Alexandros-Ioannis Mardas, genannt Magic Alex. Ein von John Lennon beinahe guruhaft verehrter Technikvisionär, der in Wirklichkeit ein äußerst kreativer Blender und Hochstapler war.

Alle genannten hatten großen Einfluss auf die Musik, die in Indien für das weiße Album entstehen sollte. Und beim Komponieren waren die Beatles in Indien wesentlich erfolgreicher als beim Meditieren. George Harrison, der als einziger der Fab Four wirklich gelernt hatte tief in die Mediation einzusteigen, beschwerte sich schon mal: "Wir sind verdammt noch mal hier um zu meditieren und nicht um an einem neuen Album zu arbeiten."

Ringo reiste schon nach einer Woche ab, weil er das indische Essen nicht vertrug. Die ganze Reise war sowieso nicht so sein Ding. Auf Fotos des Fotografen, Filmproduzenten und Regisseurs Paul Saltzman, der ebenfalls zur Reisegruppe gehörte, sieht man Ringo als einzigen der vier in bunter Sgt. Pepper Uniform, während die anderen ganz in weiß gekleidet sind. Paul sieht die Reise eher als Songwriting Camp und John, der alte Skeptiker, ist gar nicht überzeugt von den Künsten des Maharishi Mahesh Yogi. Er glaubt lieber den Geschichten von Magic Alex.

Als die Beatles wieder in London sind, beginnen die Arbeiten am neuen Album und schnell wird klar – auch bei den Beatles ist nichts mehr wie es war. Sie haben Songs für mehrere Alben geschrieben und arbeiten jetzt gleichzeitig in mehreren Studios. Jeder für sich, einer mit dem anderen und alle zusammen. Zu viel für Produzent George Martin - er wirft genervt das Handtuch und lässt die Beatles arbeiten.

Zuviel auch für Ringo, der sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlt. Vielleicht auch, weil er auf der Indienreise schon nicht wirklich dabei war. Als Paul ihm immer wieder zeigt, wie er sich sein Schlagzeugspiel vorstellt, reist Ringo ab. Doch noch funktioniert die Band. Die drei anderen schreiben ihm eine Postkarte und bitten ihn zurück zu kommen. Ringo, die treue Seele, kommt zurück und findet sein Schlagzeug mit Blumen geschmückt vor.

Das Album wird ein Meisterwerk. Die Beatles zeigen noch einmal ihre ganze musikalische Bandbreite. Von Avantgarde bis Ragtime, von Folk bis Heavy Metal, von Country bis Blues. Sie können einfach alles. Dreißig unverwechselbare Songs, bodenständig und gar nicht der Welt entrückt, brandaktuell, politisch und privat. Es ist das Jahr 68 und die Beatles liefern den passenden Soundtrack.

Ach ja, was war nun der Einfluss von Mia und Prudence Farrow, von Mike Love und Magic Alex auf die Songs des weißen Albums?

Diese Geschichten gibt's mit viel Musik in unserem SWR1 Meilensteine Podcast …

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