1976 - SWR1 Meilensteine Boston - "Boston"

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Das Debüt-Album "Boston" der Band Boston aus der Stadt Boston kommt 1976 in die Plattenläden und es wird ein Megaerfolg. 17 Millionen Mal verkauft sich das Erstlingswerk und bleibt damit für lange Zeit das erfolgreichste Debüt der Rock- und Popgeschichte.

Ein geradezu märchenhafter Aufstieg – der aber so gar nichts mit den beiden gängigen Rock'n'Roll Legenden zu tun hat.  Die gehen ungefähr so:

1.    Vier oder fünf Jungs und/oder Mädchen lernen sich als Teenager kennen, gründen eine Band, schreiben Songs, proben sich die Finger blutig, touren mit einem alten Van jahrelang durch die Clubs und werden dann von einem geschäftstüchtigen Manager entdeckt (z.B. Beatles).

2.   Ein Radio DJ bekommt eine Aufnahme der Band in die Hände, verliebt sich in den Sound und spielt die Musik im Radio rauf und runter bis andere Kollegen aufmerksam werden (z.B. Roxette).

Erst kam die Musik, dann die Band

Und genau so ist es bei Boston nicht gewesen. Boston, das ist in erster Linie Tom Scholz. Im bürgerlichen Leben war er Ingenieur bei Polaroid und schon seit seiner Kindheit ist er ein Tüftler aber eben auch Musiker. Er spielt klassisches Piano und später bringt er sich neben den Tasteninstrumenten auch noch das Gitarrenspiel bei. Er spielt in einer Band und baut sich, mit dem bei Polaroid verdienten Geld ein eigenes Tonstudio auf. Da sitzt er dann und tüfelt an Technik, Sounds und Songs. Fast alle Lieder vom ersten Boston Album entstehen in dieser Zeit. Scholz schickt die Bänder an Plattenfirmen, bis ihm endlich Epic Records einen Plattenvertrag anbietet. Eine Bedingung muss Scholz jedoch erfüllen, er braucht eine Live-Band. Was liegt da näher als alte Kumpels aus einem früheren Bandprojekt zu fragen? Gitarrist Berry Goudreau und Sänger Brad Delp sind gleich mit dabei. Für das Vorspiel bei der Plattenfirma stößt noch Bassist Fran Sheehan dazu und weil der Schlagzeuger Jim Masdea bei der Plattenfirma nicht gut ankommt, wird er durch Sib Hashian ersetzt. Fertig ist die Band Boston und bald auch das gleichnamige Album – die Songs gab's ja schon.

Die Erfindung des Stadion-Rocks

Und was Tüftler Scholz sich da erdacht hat, ist nicht mehr oder weniger als die Erfindung des radiotauglichen Stadion-Rocks. Der Superhit "More than a Feeling" ist die Blaupause für den Sound des kompletten Albums. Scholz nimmt Elemente aus dem Hardrock – verzerrt zum Beispiel die Rhythmus Gitarre fast bis zur Unkenntlichkeit und belegt den Sound der Gitarre dann noch mit einem Stereoeffekt. Das klingt wie ein akustischer Breitwandfilm. Cinemascope für die Ohren.  Dann befreit Scholz den Rock von nicht enden wollenden Gitarrensoli. Kein Gefuddel! Keine Selbstverwirklichung des Gitarristen! Alle Soli sind klar definiert. Anfang-Mittelteil-Schluss. Und ganz wichtig: Die zweistimmige Lead-Gitarre macht den Sound noch fetter. Gleiches gilt für den Gesang: klar, virtuos und nachvollziehbar. Aus Country und Folk holt er die akustische Gitarre als Stilmittel in seine Interpretation des Rock. Aus dem Werkzeugkasten der Popmusik bedient er sich mit nachvollziehbaren Melodien und populären Effekten, wie dem Händeklatschen. So wird der Sound noch nachvollziehbarer. Wenn das Publikum bei Hardrock mitklatschen kann, hast du es ganz schnell auf deiner Seite, wird er gedacht haben.

Apropos Hardrock – diese Wurzeln bleiben unüberhörbar: Boogie, Blues und Rock’n Roll - unverzichtbar dafür: die fette Hammondorgel in Songs wie "Smokin'" oder dem virtuosen Doppelschlag "Foreplay / Long Time".

Einfach grandios wie Tom Scholz diese Zutaten mixt und damit den späteren Stadion Rockern wie Journey, Asia oder Van Halen den Weg ebnet. Boston, ein SWR1 Meilenstein also im besten Sinne des Wortes.

Titelliste

Seite 1

1. More Than a Feeling
2. Peace of Mind
3. Foreplay/Long Time

Seite 2

1. Rock and Roll Band
2. Smokin'
3. Hitch a Ride
4. Something About You
5. Let Me Take You Home Tonight

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