SWR1 Leute spezial (Foto: SWR, SWR1 -)

SWR1 Leute spezial Zwischen Klimakrise und Klimagerechtigkeit

"Ich will keine Kinder bekommen, wenn ich sehe, wie unser Planet zerstört wird. Warum in eine Zukunft investieren, die es vielleicht gar nicht geben wird?"

So lautet das Statement von einer Schülerin zum Auftakt der Diskussion SWR1 Leute spezial in der Aula des Herzog-Johann-Gymnasiums in Simmern. Es zeigt, wie sehr die Klimakrise die Jugendliche berührt. Und es wurde teils emotional diskutiert. Dabei drehte es sich oft um die Frage: Ist Klimaschutz möglich ohne Verbote und Verzicht?

Dauer

Ohne Regeln geht es nicht

Psychologin Dr. Esther Brendel von der Uni Mainz sagt: Ohne Regeln geht es nicht. Das ist Aufgabe der Politik. "Wir überlassen auch niemandem, ob er mit seiner Waffe auf die Straße geht und den Nachbarn erschießt, weil der einen schöneren Garten hat. Ist verboten!

Bei der Abschaffung der Sklaverei haben die Sklavenherren auch gesagt: Was sollen wir denn dann machen? Wie die gehören uns nicht mehr? Aber sie wurde verboten. Manche Sachen muss man einfach regeln."

Der Mensch soll essen, was er will

Viel und billiges Fleisch, Heidelbeeren und Erdbeeren das ganze Jahr über. Das geht auf Kosten des Klimas. Aber der Verbraucher soll selbst entscheiden dürfen, ob er zugreift oder nicht – findet der umweltpolitische Sprecher der CDU RLP. Michael Billen hält nichts von Verboten.

"Ich bin wütend auf Politik und Wirtschaft, weil ich keine Veränderungen sehe." - Schüler-Statement

"Ich habe Politik immer so verstanden und werde es auch weiter so verstehen: Ich setze einen Rahmen. Der Mensch muss sich innerhalb des Rahmens bewegen können", sagt Billen. "Und wenn er dann unvernünftig ist, dann hat er halt ein bisschen Pech gehabt. Aber ich werde nicht dem einen sagen, Du isst kein Fleisch mehr. Das wird nicht meine Aufgabe sein. Ich werde den Menschen essen lassen, was er will."

Mehr Anreize für klimaschonende Entwicklungen

Wie der Rahmen aussehen soll, damit Deutschland die Klimaschutzziele erreicht, will das Klimakabinett der Bundesregierung am 20. September vorstellen. Eine mögliche Maßnahme: eine CO2-Steuer. David Nelles, Wirtschaftswissenschaftler und Autor ("Kleine Gase – große Wirkung") ist dafür: Man kann klimaschädliche Maschinen, Technologien und Produkte über eine CO2-Bepreisung teurer machen.

Dadurch haben Unternehmen einen Anreiz, eher klimaschonendere Technologien einzusetzen oder zu entwickeln." Insgesamt würden Produkte teurer werden, aber das ließe sich laut Nelles abfedern, indem man einen Teil aus der CO2-Besteuerung an die Bevölkerung zurück verteilt und verweist dabei auf die Schweiz als Beispiel.

"Ich befürchte, dass der wachsende Mangel an Nahrung und Wasser durch den menschengemachten Klimawandel zu sozialen Krisen und weltweiten Hungersnöten führt." - Schüler-Statement

Klimaschutz muss man sich leisten können

Klimaneutrales Leben ist auch eine Wohlstandsfrage, sagt Blogger Matthias Heck (nachhaltig-sein.info), auch wenn er überzeugt davon ist, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann. Nahrung, Verkehr, Wohnen, Energie – in allen Bereichen wird die Frage sein, wie ist Klimaschutz sozial gerecht zu finanzieren.

Und wie gerecht ist der Klimaschutz global gesehen: Die Industrieländer leben auf Kosten der so genannten Entwicklungsländer. Beispiel Kleidung: "Bei dem T-Shirt, das ich für weniger als 10 Euro kaufe, bleiben Kosten für den Umweltschutz auf der Strecke. Konsumgüter wären wesentlich teurer, würde man die externen Kosten mit einpreisen."

CDU-Politiker Billen verweist darauf, dass es dem Millionär oder sehr gut Verdienenden egal sei, was der Sprit koste. "Der fährt dann immer noch. Und auch ein noch größeres Auto." Außerdem gebe es auf dem Land es oft keine Alternative zum Auto. Und er verweist auf die Bedeutung der Autoindustrie: "Wir brauchen auch die Arbeitsplätze. … In der Diskussion wird das oft vergessen."

Demo gegen Klimawandel (Foto: Colourbox, Colourbox)
Schüler und Student demonstrieren weltweit an den "Fridays for Future" gegen den Klimawandel Colourbox

Politik braucht Unterstützung

Wirtschaftswissenschaftler Nelles sagt, ein Großteil der Bevölkerung muss politische Entscheidungen mittragen, sonst funktioniert es nicht. Er nennt als Beispiel die Einführung des Rauchverbots in Kneipen. "Die Politik muss zum Teil den Druck von der Bevölkerung spüren - wie Fridays for Future das schafft. Aber sie braucht auch die Rückendeckung für verschiedene Klimaschutzmaßnahmen. Die Politik kann nicht alleine ohne die Rückendeckung der Verbraucher voranschreiten. Das wird nicht funktionieren."

Schüler Tim Frey: "Wir können es schaffen"

Veränderungen fallen uns schwer. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" – sagt Psychologin Brendel. "Oft mangelt es uns an der Vorstellungskraft wie der Alltag dann sein könnte zum Beispiel ohne Auto. … Wenn man es mal ausprobiert, merkt man, dass es auch ein Gewinn sein kann."

Tim Frey - Schüler am Herzog-Johann-Gymnasium in Simmern und aktiv bei Fridays for Future – sieht durchaus eine Bereitschaft, das eigene Verhalten für den Klimaschutz ändern. Und er sagt, er wird weiter auf die Straße gehen, um aufs Tempo zu drücken: "Wir können es schaffen und die Klimaschutzziele erreichen, wenn wir entsprechend handeln."

Schülerinnen und Schüler des Herzog-Johann-Gymnasiums in Simmern (Hunsrück) haben das aktuelle Thema gemeinsam mit Redakteuren von SWR1 Rheinland-Pfalz aufgegriffen und eine Diskussionsveranstaltung mit Experten entwickelt.

Es diskutierten:

SWR1 Leute spezial Zwischen Klimakrise und Klimagerechtigkeit

Michael Billen (Umweltpolitischer Sprecher der CDU Rheinland-Pfalz): "Klimaschutz ist eine globale Aufgabe – darüber reden das Eine, handeln das Andere. Treiben wir doch die Entwicklung erneuerbarer Energien voran und bauen die Stromnetze aus, bei den Speichertechnologien müssen wir endlich Fortschritte machen und auf Forschung und Entwicklung setzen, aber vor allem müssen wir für neue Technologien offen sein. Den Klimawandel bekommen wir nur mit konkreten Maßnahmen in den Griff. Deutschland mag Vorreiter sein, aber alleine retten wir das Klima nicht. Bei diesem Projekt müssen alle Staaten der Welt ins Boot." (Foto: Pressestelle, Pressestelle)
Michael Billen (Umweltpolitischer Sprecher der CDU Rheinland-Pfalz): "Klimaschutz ist eine globale Aufgabe – darüber reden das Eine, handeln das Andere. Treiben wir doch die Entwicklung erneuerbarer Energien voran und bauen die Stromnetze aus, bei den Speichertechnologien müssen wir endlich Fortschritte machen und auf Forschung und Entwicklung setzen, aber vor allem müssen wir für neue Technologien offen sein. Den Klimawandel bekommen wir nur mit konkreten Maßnahmen in den Griff. Deutschland mag Vorreiter sein, aber alleine retten wir das Klima nicht. Bei diesem Projekt müssen alle Staaten der Welt ins Boot." Pressestelle Pressestelle Bild in Detailansicht öffnen
Matthias Heck (Nachhaltigkeitsexperte): "Wir müssen die ausgetrampelten Denkpfade verlassen und alle liebgewonnenen Gewohnheiten hinterfragen." privat: Heck Bild in Detailansicht öffnen
David Nelles (Wirtschaftswissenschaftler und Autor): "Wir müssen uns eingestehen, dass wir alle Teil des Problems sind - und vor allem Teil der Lösung werden können." Edmund Möhrle Photographie Bild in Detailansicht öffnen
Esther Brendel (Scientists for future): "Die Evolution hat unser Denken und Handeln geformt. Diese menschlichen Grundbedingungen können wir nicht ändern, sehr wohl aber die Regeln unseres Zusammenlebens." privat: Brendel Bild in Detailansicht öffnen

Die Idee

Mit "Leute spezial" hat SWR1 Rheinland-Pfalz eine Reihe öffentlicher Veranstaltungen zu aktuellen Themen ins Leben gerufen. Diese entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen Redakteuren von SWR1 Rheinland-Pfalz sowie Schülern und Lehrern. Die Schüler sollen so Einblick in die journalistische Arbeit erhalten und vom Ergebnis einer öffentlichen Podiumsveranstaltung profitieren, zu der Eltern, Lehrer, Schüler, aber auch alle interessierten Bürger eingeladen sind.