Palliativmediziner Matthias Thöns zur künstlichen Lebensverlängerung "Sterben ist heute unwürdiger als früher"

Weil der Hausarzt den Vater zu lange künstlich ernährt haben soll, hat der Sohn vor dem Bundesgerichtshof (BGH) geklagt. Der BGH entschied am Dienstag, dass ihm kein Schadenersatz zusteht. Eine Patientenverfügung gab es bei diesem Fall nicht, weshalb diese wichtig ist, erläutert Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns.

Dauer

Ist Sterben heute unwürdiger als früher?

Dr. Matthias Thöns: Ganz sicher ist Sterben heute unwürdiger als früher, weil die Medizin einfach viel, viel mehr Möglichkeit hat, am Lebensende einzugreifen. Diese Möglichkeiten werden zunehmend eingesetzt, um einfach nur die Sterbephase zu verlängern und die führt Menschen in sehr leidvolle Zustände.

Werden Menschen länger als nötig am Leben gehalten, weil das Geld bringt?

Davon bin ich sehr überzeugt. Wir haben eine dramatische Zunahme der Intensivversorgung zuhause. 2003 hatten wir nur 500 Menschen, die zuhause intensiv versorgt wurden, mittlerweile sind es 40.000 bis 45.000. In der Zwischenzeit gibt es eine komfortable Vergütung von 600 bis 900 Euro pro Tag. Das bringt Menschen in eine Beatmungssituation zuhause, dort ist dann eine Intensivstation aufgebaut.

Wir wissen für den Großteil der Menschen, dass sie das selbst gar nicht wollen und dass das ein Zustand extrem schlechter Lebensqualität ist mit extrem hohen Leidenszuständen. Man wird ständig abgesaugt, dann bimmelt ständig ein Monitor. Man hat sogar eine Befragung gemacht von weniger schwerbetroffenen Menschen und von denen hat fast jeder Zweite gesagt: Hätte ich das gewusst, dann hätte ich lieber den Tod gewählt. Das heißt, wir quälen Menschen tatsächlich mit zunehmender Medizintechnik, weil es möglich ist.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch drastische Fälle, wozu so eine Überversorgung führen kann. Ist das denn die Ausnahme oder die Regel heute?

Letztes Jahr war in Wien der erste Intensivkongress zu diesem Thema. Da haben Experten gesagt, dass es 50 Prozent der medizinischen Leistung betrifft. Wenn wir bedenken, dass jeder vierte Deutsche auf der Intensivstation stirbt, ist das ein Massenproblem.

Sie sagen auch in acht von zehn Fällen wäre das Sterben eigentlich friedlich und schmerzfrei ...

Wenn wir am Lebensende einen Menschen eben nicht künstlich Flüssigkeit geben und künstlich ernähren, nicht künstlich beatmen, dann nutzt der Körper eigene Regulationsmechanismen, die leidenslindernd wirken. Das Sterben ohne viel Medizintechnik ist in acht von zehn Fällen sehr leidarm im Schlaf.

Sind Sie da so sicher?

Da bin ich ziemlich sicher. Das ist mein täglich Brot. Ich bin Palliativmediziner, begleite 400 Menschen jedes Jahr beim Sterben und das findet überwiegend friedlich statt, wenn man die Medizintechnik nicht auf Menschen loslässt.

Ist dieser Fall, der vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wird, ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine Patientenverfügung ist?

Man muss unbedingt eine Patientenverfügung haben. Wenn man diese nicht hat, ist man diesem System mehr oder weniger hilflos ausgeliefert.

Das Interview führte Birgit Steinbusch.

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