Notfallhelfer und Autor Jörg Nießen berichtet "Rettungsgasse ist kein Straßenname"

Rund 12 Millionen Rettungseinsätze gibt es jedes Jahr in Deutschland und tausende Einsatzkräfte: Einer von ihnen ist Jörg Nießen. In seinem Buch "Rettungsgasse ist kein Straßenname" und bei SWR1 erzählt Notfallhelfer und Autor Jörg Nießen von seinem Alltag.

Gerade bei Unfällen auf der Autobahn erlebt er dabei immer wieder, dass Verkehrsteilnehmer keine Rettungsgasse bilden und den Einsatz der Helfer behindern. Die Geschichten in seinem Buch haben deshalb immer einen ernsten Hintergrund, sind aber humorvoll aufgeschrieben.

"Ein gesellschaftliches Problem"

"Im Wesentlichen trägt meine Freundin die Hauptschuld daran, dass ich alles aufgeschrieben habe", sagt er. "Bestimmte Anekdoten musste ich mehrfach wiederholen. Irgendwann ist der Satz gefallen, ich kann es nicht mehr hören, bitte schreib alles auf. Und aus dieser Idee heraus sind die Bücher entstanden."

Nießen bestätigt, dass sich die Sitten im Umgang mit Rettungssanitätern verroht haben. "Ich halte es für ein gesellschaftliches Problem, ich denke nicht, dass es isoliert auf Rettungsdienste und Feuerwehren ist", sagt er im Gespräch mit SWR1. Auch Mitarbeiter vom Ordnungsamt, von der Polizei, der Justiz hätten mit einem abnehmenden Respekt gegenüber Uniformen und der Staatsgewalt zu kämpfen.

Jede Sekunde zählt

Ein bisschen Verständnis hat Nießen ja schon. Für die, die neugierig gucken zum Beispiel. Klar wolle man wissen, was da vorne vor sich gehe und warum man im Stau steht. Doch Nießens Verständnis hört auf, wenn er dadurch von seiner Arbeit abgehalten wird.

Denn bei einem Unfall können wenige Augenblicke über Leben und Tod entscheiden. Ist jemand schwer verletzt im Auto eingeklemmt und muss sofort versorgt werden? Oder hält das Opfer noch durch? Um das einschätzen zu können, müsse er erst einmal vor Ort sein, sagt der Notfallsanitäter. Daran denken viele nicht.

Bücherregal, Kinderwagen und Winterreifen im Weg

Dass Autofahrern zunehmend bewusst wird, wie wichtig eine Rettungsgasse im Notfall sein kann, den Eindruck hat Nießen schon. "Dass die Brücken mit Bannern und Hinweisen tapeziert sind, hilft wohl langsam." Dennoch: Über rücksichtslose Autofahrer ärgert er sich immer wieder.

Die Rettungsgasse auf der Straße ist nicht das Einzige, das Nießen in seinem Buch beschreibt. "Brandlast im Treppenhaus" nennen es Fachleute - oder wie Nießen sagt: Die Rettungsgasse der anderen Art. "Bücherregal, Wandschrank, Kinderwagen, Winterreifen - habe ich alles schon gesehen."

Auch das erschwere es den Sanitätern, dorthin zu gelangen, wo sie gebraucht werden. Oder dass bei einer Reanimation im Restaurant an den Nebentischen weiter serviert und gespeist wird. "Wir brauchen bei der Arbeit einfach Platz. Aber wenn wir dann barsch werden, ernten wir auch noch verständnislose Blicke."

"Spitze des Eisbergs aus dem Blaulichtmilieu"

Dennoch will Nießen nicht, dass sein Buch als erhobener Zeigefinger verstanden wird. "Es passieren auch immer wieder Situationen, die zum Schmunzeln sind", sagt er. Ganz deutlich macht er auch: Die erzählten Geschichten sind nicht der Arbeitsalltag. "Eher die Spitze des Eisbergs aus dem Blaulichtmilieu." .

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