Jeder dritte Fall bestätigt sich Mehr Beschwerden wegen Behandlungsfehlern

Ein vergessenes Operationsinstrument im Körper oder eine falsche Therapie nach einer schwierigen Geburt: Die Liste an möglichen Behandlungsfehlern von Ärzten ist lang und gar nicht so selten.

Röntgenbild Wirbelsäule (Foto: SWR, SWR -)
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Fälle, wie der einer heute 30-Jährigen aus Aalen, bei der 2013 im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm während einer Nierensteinoperation eine Nadel im Unterleib vergessen wurde, bleiben in Erinnerung. Nach langem juristischem Hin- und Her wurde ihr vom Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart im Dezember 2018 ein Schmerzensgeldes von 10.000 Euro zugesprochen.
Oder der Fall eines heute zwölfjährigen Mädchens aus Bad Driburg in Nordrhein-Westfalen. Durch einen groben Behandlungsfehler eines Gynäkologen bei der Geburt leidet das Kind heute an einer schweren Behinderung. Durch einen einfachen Test hätte die Unterzuckerung des Kindes festgestellt werden könnten, stattdessen kam es zu einem irreversiblen Hirnschaden.

Hohe Dunkelziffer

Die Mehrzahl der Behandlungsfehler von Ärzten sind jedoch weniger drastisch, Experten vermuten deshalb auch eine hohe Dunkelziffer an Fällen, die nicht bemerkt werden. Am Mittwoch hat die Bundesärztekammer in Berlin die neuste Statistik vorgestellt. Danach ist die Zahl der bestätigten Behandlungsfehler in Kliniken und Praxen mit 1.449 Fällen leicht zurückgegangen.

Mitte März hatte bereits die Techniker Krankenkasse (TK) ihre eigenen Zahlen mitgeteilt. Danach sind 2018 rund 6.000 Beschwerden von TK-Versicherten eingegangen - zehn Prozent mehr als 2017. Die meisten Beschwerden betrafen demnach Behandlungen bei Chirurgen (33 Prozent), Zahnärzten und Allgemeinärzten. Ungefähr bei jedem dritten Fall bestätige sich der Verdacht bei Überprüfungen.

Kritiker: "Patient hat den schwarzen Peter"

Die Kasse kritisierte teils jahrelange Gerichtsverfahren in solchen Fällen und forderte, die Position von Patienten etwa bei Beweispflichten zu stärken. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnte Verbesserungen an. "Krankenkassen, Ärztekammern und Gerichte sammeln Behandlungsfehler noch immer nebeneinander her", sagte Vorstand Eugen Brysch. Nötig sei endlich ein bundeseinheitliches Zentralregister, in dem auch Fehler in der Pflege erfasst werden.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse zudem Patientenrechte stärken. "Es kann nicht sein, dass allein der Patient den schwarzen Peter hat." Er müsse Fehler beweisen, doch die Fakten lägen bei Kliniken und Ärzten. Es fehle auch ein Härtefallfonds, der bei tragischen Fehlern sofort greife.

Hohe Schätzungen

Eine offizielle Statistik zu Behandlungsfehlern gibt es nicht. Jährlich berichten aber die Bundesärztekammer und der Medizinische Dienst der Krankenkassen über die Situation. Die Dienste der Kassen schrieben 2017 mehr als 13.000 Gutachten und stellten bei knapp 2.700 Fällen fest, dass ein Behandlungsfehler einen Gesundheitsschaden bei einem Patienten verursacht habe.
Die Ärzteschaft berichtete für 2017 von 2.213 bestätigten Fällen. Laut Schätzungen könnte es insgesamt mehr als 100.000 Fehler pro Jahr geben - bei 20 Millionen Behandlungen in Kliniken und einer Milliarde Arztkontakten in Praxen.

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