Herbert Grönemeyer (Foto: SWR, Vertigo - Vertigo Berlin)

Grönemeyer im Interview II "Wir müssen gemeinsam Stellung beziehen"

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Am 9. November erscheint das neue Album "Tumult" von Herbert Grönemeyer. SWR1 Morgenmoderator Michael Lueg hat mit Herbert Grönemeyer über Politik, seine Einstellung zur momentanen gesellschaftlichen Lage und über sein Verhältnis zur Politik gesprochen.

Auf dem neuen Album singen Sie bei "Doppelherz" auch Türkisch. Das fanden einige Ihrer Fans nicht so toll. Es gab diverse Unmutsbezeugungen in den sozialen Netzwerken. Bekommen Sie das mit? Wie gehen Sie damit um?

Also ich höre das. Ich bin nicht ständig im Internet unterwegs, wenn ich ganz ehrlich bin. Aber dass man sich an meinen Liedern reibt, das kenne ich. Ich mache das seit 34 Jahren. Meine Musik wurde auch schon von der CDU, damals von Herrn Kohl, als deutsche Unkultur bezeichnet. Es haben sich selbst bei "Kinder an die Macht" Menschen aufgeregt, wie ich so ein Lied schreiben kann. Insgesamt bin ich das gewohnt. Mich interessiert die Reaktion der Menschen. Was sie zu meiner Musik meinen, was sie darüber denken. Gleichzeitig bin ich aber auch selbst dafür verantwortlich. Für mich ist es vollkommen in Ordnung, dass meine Musik nicht jedem passt. Es muss ja nicht jeder das essen, was ich koche.

"Tumult" ist ein sehr politisches Album. Hier ein kleiner Textauszug aus dem Lied "Du bist da": "Du bist da, wenn zu viel gestern droht. Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen." Sie sagen, dass das ein Widerstandslied ist. Warum brauchen wir in Deutschland gerade jetzt so ein Lied?

Ich glaube, dass es im Moment sehr zerbrechliche Zeiten sind. Wir sind, auch wenn wir denken, wir haben große Denker, Komponisten oder eine starke Wirtschaft, ein sehr sensibles, junges Land. Als Nation mit 80 Millionen Menschen sind wir gerade einmal 28 Jahre alt. Jetzt gilt es für uns herauszufinden, wie wir es schaffen, dieses Land durch die nächsten zehn Jahre zu bringen - ohne dass wir wieder anfällig werden für rechtes Gedankengut, ohne dass wir anfangen, andere Menschen auszugrenzen.

Und auch ohne, dass wir uns von der Angst anstecken lassen, die uns die Populisten versuchen einzureden: Ich glaube, da sind wir als Gesellschaft gefordert. Ich bin jetzt 62 Jahre alt und habe so etwas noch nicht erlebt. Ich glaube, wir sind dazu angehalten, gemeinsam Stellung zu beziehen, aufzustehen und zu sagen: So wollen wir das hier und so wollen wir das nicht. Da sind wir alle gefragt. Wir hatten ja gerade eine Riesendemo in Berlin, bei der wir gedacht haben, es kommen vielleicht 30.000 oder 40.000 Menschen. Letztlich sind aber 250.000 Menschen gekommen. Man sieht daran, die Menschen machen sich Sorgen darüber, wie sich speziell das Geistesklima verändern könnte. Das wollen wir nicht. Und deswegen muss man etwas tun!

Für Künstler, gerade für Musiker, ist es ein schmaler Grat bei diesen politisch-gesellschaftskritischen Themen nicht zu sehr nach Gutmensch zu klingen. Wie behalten Sie da die Balance, wie schaffen Sie das?

Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, aber ich gebe mir Mühe. Natürlich stelle ich mich dabei auch selbst in Frage. Ich will mich nicht aufspielen oder auch den Menschen keine Vorträge halten. Aber umgekehrt beziehe ich eben Stellung.

Sie sind ja schon immer jemand, der sich einmischt, der die Finger in die Wunde legt. Aber trotzdem sind Sie nicht derjenige, der direkt mit Politikern in Kontakt geht. Warum eigentlich nicht? Also Kanzlerin Merkel würde ja wahrscheinlich schon ans Telefon gehen, wenn Sie anrufen.

Weil ich das nicht möchte. Ich sehe darin keinen Sinn. Die Kultur ist dazu angehalten, zu artikulieren, was den Menschen Sorgen macht und auch dazu, die Politik zu nerven. Wir sind nicht dafür da, uns mit der Politik gemein zu machen. Die machen Politik - wir sitzen da und versuchen aufzunehmen, wie die Stimmung in der Gesellschaft ist und wie man helfen kann, dass die Stimmung sich nicht verhärtet. Ich glaube, die versuchen uns letztendlich nur auszuhorchen und dann mundtot zu machen.

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