Elke Heidenreich - "Alles fließt" Liebeserklärung an den Rhein

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Auf eine Reise von der Quelle bis zur Mündung hat sich die Schriftstellerin Elke Heidenreich gemacht und ein Buch über den Rhein geschrieben. Es ist eine Liebeserklärung an einen Fluss, der seine eigene Biographie hat.

Von dem Buchcover kriegt man gleich Lust, mit dem Boot zu fahren oder angeln zu gehen. Wann sind Sie das letzte Mal im Rhein geschwommen?

Noch nie. Ich habe die Füße schonmal reingetan, aber drin geschwommen bin ich noch nie. Ich wohne in Köln und der Rhein hat eine mächtige Strömung. Deswegen würde ich mich hüten, darin zu schwimmen. Und an das Sauber, glaube ich auch noch nicht.

Wie sind Sie darauf gekommen, über den Rhein zu schreiben?

Sie kennen doch das Lied: "Warum ist es am Rhein so schön?" In dem Lied heißt es, "weil die Mädl so lustig und die Burschen so durstig". Da dachte ich, das kann es jetzt nicht sein. Ich wollte einfach diesen Fluss, den ich jeden Tag sehe, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, ganz und gar kennenlernen.

Der Rhein ist 1.200 Kilometer lang, fließt durch sechs Länder und das habe ich mir zusammen mit meinem Freund, dem Fotografen Tom Kraus, angetan. Wir haben bei den beiden Quellen in den Alpen bei Graubünden angefangen und sind dann durch die Bodenseegegend, Liechtenstein, Österreich, dem Rhein gefolgt. Dann der Rheinfall in Schaffhausen und bei Basel macht er einen scharfen Knick, fließt von da an von Süd nach Nord, davor von Ost nach West. Dann sind wir auf ein Schiff gegangen und sind bis Amsterdam mit dem Schiff gefahren. Später sind wir die schöne Rheingau- und Burgenstrecke nochmal extra abgefahren. Wir haben ihn ganz und gar erkundet: von den beiden Quellen, bis zu den beiden Mündungen. Jetzt wissen wir, warum es am Rhein so schön ist und wir wissen vor allem, dass es nicht überall so schön ist.

Wo ist es denn besonders schön am Rhein?

Am Niederrhein - wo er ganz weit und breit und ruhig und groß wird. Wo Menschen am Ufer sind und Tiere abends trinken kommen. Denn die romantische Burgenstrecke ist eng und laut. Bundesstraßen, Züge - da donnerst alles durch. Da ist es eben "romantisch" und deswegen kommt ganz Japan und Holland, um zu gucken. Da sieht man dann oben die faulen Zähne, die Burgen, stehen. 28 auf der einen Seite und 38 auf der anderen Seite.

Aber das sind eben enge Täler, durch die man sich durchwurschtelt bis hin zum grottenlangweiligen Loreley-Felsen, an dem nichts los ist. Ich kann verraten, da sitzt keine blonde Jungfrau oben und kämmt sich. Aber der Niederrhein, da ist er ein Fluss fast wie ein Meer - weit, grün, die Wiesen. Da ist es so, wie ein Fluss sein sollte. Da lagern Vögel, Wildgänse. Das ist einfach wunderschön gewesen.

Das klingt schon fast wie eine Liebeserklärung ...

Ja. Ich habe ihn auch lieb. Der Fluss spielt in meinem Leben eine große Rolle. Ich habe in Bonn Abitur gemacht und gewohnt. Das war auch schon am Rhein. Jetzt wohne ich seit vielen Jahren in Köln. Ich sehe ihn täglich und ich habe ihn schon sehr gern. Ich finde das Städte, die solch einen Riesenfluss haben, einfach eine andere und lässigere Lebensart haben, als Städte ohne Strom. Das sehen wir ja am ewig schlecht gelaunten Berlin. Die haben eben keinen Rhein, die haben eben nur die Spree.

Ein Hörerin schreibt gerade ins Studio: "Ihre Bücher sind immer wieder unterhaltsam. So auch dieses Buch. Das Erwandern steht aber noch aus."

Ja. Ich wollte auch, dass es unterhaltsam ist. Es gibt ganz viele Sachbücher über den Rhein. Die habe ich auch alle gelesen. Manche sind grottenlangweilig und manche sehr informativ. Aber ich wollte, dass jetzt nicht so als Volkshochschule schreiben. Ich wollte wirklich meine eigenen Eindrücke und Erinnerungen einbringen.

Gibt es denn irgendetwas, das Sie total berührt hat, an diesem Fluss?

Ja. Letztlich ist es wie ein Mensch. Er fängt an als zwei kleine Quellen im Gebirge. Da ist er wie ein Kind. Er kann nicht schnell genug ins Tal kommen, ist hurtig, aufgeregt, wie ein Knäblein bergab. Dann kriegt er schon das erste Kraftwerk hingedonnert. Ein klassischer Fall von Kinderarbeit. Dann verschwindet er im Bodensee, weil er die Faxen dicke hat. Er reißt von zuhause aus, wie ein Jüngling. Da ist er schon ziemlich breit.

Danach zeigt er noch einmal was eine Harke ist und macht den Rheinfall von Schaffhausen. Und ab dann ist er gebrochen und geht ins Transportwesen als Vater vieler Töchter und Söhne, vieler Nebenflüsse bis zur Nordsee. Und dann ist er wie ein alter Mensch, der nicht mehr weiß, wie er heißt. Er heißt dann Lek und Waal. Er hat zwei Mündungen. Es ist wie eine Art Demenz. Der ganze Fluss verschwindet irgendwo bei Amsterdam und Rotterdam. Man sieht gar nicht genau wo und dann ist er im Meer. Das heißt, dass der Rhein einen Lebenslauf bzw. eine Biographie wie ein Mensch hat. Das hat mich tief bewegt.

Sie waren nicht nur auf dem Fluss, der viele Probleme hat, selbst unterwegs, sondern auf den Neben- und Altrheinarmen. Rettet das den Rhein so ein wenig und gibt einem das Gefühl für den Fluss, wie er mal war?

Ja, man hat ihn begradigen müssen, weil er für mächtige Überschwemmungen gesorgt hat. Er ist im 19. Jahrhundert durch den Architekten Tulla sehr begradigt worden. Seitdem findet man übrigens kein Gold mehr im Rhein. Das berühmte Rheingold gab es wirklich. Das waren Goldplättchen, die sich abgelagert haben. Er fließt jetzt viel zu schnell und der Rheinsand lagert sich nicht mehr ab.

Die Nebenarme sind interessant und schön. Schöne Rheinauen, wo man sieht, wie er sich ausmeandern kann. Da liegen dann Tiere und es gibt besondere Pflanzen. Übrigens sind die Burgen, die nicht renoviert worden sind, auch Biotope. Da sind Falken, Feuersalamander, Eidechsen. Das sehe ich jetzt mit anderen Augen.

Sie gehen heute in Mainz auch noch an den Rhein, oder?

Ich gehe heute hier auch noch an den Rhein. Ich habe heute auch noch eine Lesung hier. In Mainz hat mir immer die Sache mit den Straßenschildern gefallen. Die Roten führen alle zum Rhein mit steigenden Nummern Richtung Rhein. Da weiß man immer, wo man zum Rhein muss. Die Blauen führen parallel zum Fluss mit steigenden Nummern in seinem Verlauf. Ich finde das eine tolle Idee für eine Stadt.

Am Rhein wohnen ziemlich viele Menschen. Wie sind die Rheinmenschen so drauf?

Der Rhein ist 1.200 Kilometer lang. Da ist es klar, dass er unten an den Mündungen andere Menschen hat als die sturen Schweizer, die Liechtensteiner, Österreicher, in Basel, in Straßburg, wo die Franzosen den Rhein haben. Oder dazwischen im Ruhrgebiet. Der klassische Rheinländer ist aber der Rheinländern in Köln, Bonn und Mainz, wo es lustig ist und hoch hergeht - wo man viel Wein trinkt!

Grundsätzlich ist da wo ein Fluss fließt, der Mensch immer etwas aufgeschlossener, als wenn er zwischen engen Bergwänden wohnt. Ein Fluss transportiert auch Kultur und Bildung. Er verändert die Natur, Kultur und auch die Menschen, die an ihm leben. Und da der Rhein auch noch eine Weingegend, die immer locker und frei sind, ist, hat der Rhein relativ lebensfrohe Menschen. Aber den klassischen Rheinländer findet man eigentlich nur in Köln und vor dem möchte ich fast ein wenig warnen. Dem darf man nicht trauen. 

Warum?

Gucken Sie sich die Gebote der Kölner an: "Es iss wie es iss", "et kütt wie et kütt", "wat fott is, is fott", "es hat noch immer jot jegange". Als das Kölner Stadtarchiv einstürzte mit zwei Toten und dem ganzen Gedächtnis der Stadt Köln, hieß es: "Et hät auch schlimmer komme könne". Ich möchte mal wissen wie? Der klassische Rheinländer ist schon sehr wurschtig. Aber am Rhein wohnen aufgeklärte Leute, weil der Rhein seit den Römern auch Bildung transportiert.

Ihr Buch heißt "Alles fließt: Der Rhein Eine Reise | Bilder | Geschichten". Aber wie heißt denn der Song ihres Lebens?

Letztlich heißt er, wie bei uns allen, die wir uns als 68er bezeichnen: "Hotel California" von den Eagles - "You can check-out anytime, but you can never leave" - wer diese Grundhaltung einmal hat, kann nie mehr aussteigen. Aber ich habe bei SWF3 lange moderiert und hatte es immer mit Kris Kristofferson, weil ich in einen Mann verliebt war, der Kris Kristofferson in seiner Barttracht und mit den hellen Augen so ähnlich sah. Das waren immer meine heimlichen Liebeserklärungen an diesen Mann, wenn ich Kristofferson angeschwärmt habe.

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