Heimliche Missionierung? Aktion: "Weihnachten im Schuhkarton"

Im Prinzip eine tolle Sache: bei uns werden Schuhkartons mit Geschenken gepackt. Ehrenamtliche Helfer verteilen diese Pakete direkt an bedürftige Kinder in Osteuropa oder anderswo. Doch die Kritik an der Aktion reißt nicht ab: Mit den Geschenken würden Menschen nur für christliche Missionsveranstaltungen geködert.

Aktion: Weihnachten im Schuhkarton (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Aktion: Weihnachten im Schuhkarton Picture Alliance

Spiele, Teddys, Spielzeugautos, Puppen, Süßigkeiten, aber auch Kinderkleidung – es sind alltägliche Dinge, mit denen die kleinen Kartons gefüllt werden sollen. Zehn Euro sollen den Päckchen beigelegt oder Online gespendet werden, damit würden die Kosten für den Transport der Päckchen nach Osteuropa, Zentralasien und Palästina gedeckt. Bei so genannten "Packpartys" werden nicht nur die Geschenke gepackt, sondern es wird auch für die Kinder gebetet, die die Pakete erhalten werden. Schließlich sollen die Kinder durch die Geschenke "erfahren, dass Gott sie liebt".

Unverhohlene Missionierung

In einer Werbebroschüre berichtet die Aktion "Geschenke der Hoffnung", die "Weihnachten im Schuhkarton" organisiert, von Bekehrungserlebnissen von Kindern und ihren Eltern durch die Geschenke und durch Missionierungskurse, die im Zusammenhang der Aktion durchgeführt werden. Nach eigenen Angaben erreichte die Aktion 2018 10,6 Millionen Kinder, 4,4 Millionen Kinder hätten einen Glaubenskurs "Die größte Reise" besucht, 2 Millionen Kinder hätten sich "für ein Leben mit Jesus" entschieden.

Operation Christmas Child

Seit 1993 existiert die von einem walisischen Geschäftsmann ins Leben gerufene Aktion, die seit 1996 unter dem Titel "Weihnachten im Schuhkarton" auch in Deutschland durchgeführt wird. Seit Januar 2019 ist der "Samaritan’s Purse e.V. – Die barmherzigen Samariter" Träger dieser Aktion. Der Verein ging dabei aus dem deutschen Zweig der "Billy Graham Evangelistic Association", einem 1950 in den USA gegründeten Missionswerk hervor. Kritiker werfen dem "Samaritan’s Purse e.V." eine Nähe zu der für ihre offensive Missionierung in islamischen Ländern bekannten Kirche des Anfang 2018 verstorbenen Predigers Billy Graham vor.

Franklin Graham, Präsiden von "Samaritan's Purs" (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Präsident von "Samaritan's Purse" ist Franklin Graham, der Sohn des 2018 verstorbenen Billy Graham. Picture Alliance

Auf Nachfrage des SWR weist "Samaritan’s Purse e.V." darauf hin, es handele sich bei der Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" um eine Aktion von Samaritan’s Purse. Kooperationen mit der Billy Graham Evangelistic Association fänden in anderen Arbeitsbereichen des Vereines statt.

Kritik der großen Kirchen

Vor allem Vertreter der großen Kirchen in Deutschland warnen immer wieder vor der Aktion. Die Geschenke würden zur Werbung für eine ganz konkrete Freikirche genutzt, heißt es. Dem entgegnet Samaritan’s Purse: "Mit unseren Partnern vor Ort – die verschiedenste Kirchen repräsentieren – laden wir zum Glauben ein. Es wird nicht für die Mitgliedschaft in einer bestimmten Freikirche geworben." Vertreter der großen Kirchen kritisieren außerdem, dass die Lebensbedingungen der Kinder vor Ort durch die einmalige Geschenkaktion nicht nachhaltig verbessert würden. Das sei bei anerkannten kirchlichen Entwicklungsorganisationen in der Regel der Fall, wenn durch Spenden z.B. Bildungsprojekte finanziert würden. Das Bistum Trier kritisiert darüber hinaus den ökologischen Aspekt der Aktion: "So ist vor allem der weltweite Transport der Kartons über Tausende von Kilometern klimaschädlich".

Manche katholischen Bistümer verboten in den vergangenen Jahren ihren Kirchengemeinden, Räume für die Sammlung der Pakete zur Verfügung zu stellen.

Keine Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinn

Axel Seegers, Experte für Weltanschauungsfragen im Erzbistum München und Freising, erinnert die Aktion an Kolonialismus. Kinder würden aufgefordert, ihre Spielsachen abzugeben und diese würden in andere Länder geschickt, in denen Kinder mit ganz anderen Sachen spielten. "Wir untergraben letztendlich die Spielwaren-Fabriken, die Infrastruktur in den Ländern vor Ort. Insofern tun wir uns mit dieser Aktion einen größeren Gefallen als den Kindern vor Ort." Die Aktion betreibe keine Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinn. Im Fokus stehe klar die christliche Missionsarbeit.

Allerdings: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen hat die Aktion geprüft und ihr das Spendensiegel des Instituts verliehen. Der Verein informiere transparent und umfassend über seine Arbeit, jeder könne selbst entscheiden, ob er die Aktion unterstützen möchte, so das Institut.

Nachfolge-Aktionen

Zahlreiche Organisationen haben sich die Idee inzwischen abgeschaut. So lädt zum Beispiel die Aktion "Weihnachtspäckchen-Konvoi" zum Geschenke-Packen ein. Mehr als 155.000 Pakete wurden so 2018 in Osteuropa verteilt, ganz ohne christliche Missionierung. Aber auch hier bleibt das Manko, dass von einer nachhaltigen Hilfe vor Ort keine Rede sein kann.

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