90. Geburtstag des Kult-Comics Die Schattenseite von Tim und Struppi

Sie gehören in jeden guten Comic-Laden: Reporter Tim und sein Terrier Struppi. Kritiker bemängeln, die frühen Geschichten seien geprägt von Fremdenfeindlichkeit. Ein Koblenzer Kunstwissenschaftler sieht aber auch positive Seiten.

Tim und Struppi (Foto: dpa Bildfunk, dpa Bildfunk - Montage: SWR)
Die ersten "Tim und Struppi"-Geschichten waren von Fremdenfeindlichkeit geprägt. dpa Bildfunk - Montage: SWR

Weil Hergé, wie er selbst glaubte, nicht gerade virtuos mit dem Zeichenstift umgehen konnte, beschränkte er sich auf ein kindliches Prinzip: Punkt, Punkt, Komma, Strich. Tims Mondgesicht mit dem einsamen Haarbüschel ist buchstäblich ein Allerweltsgesicht. "Sein Zeichenstil war geprägt von präzisen Konturen und einer flächigen, einfarbigen Kolorierung - der sogenannten Ligne claire," erklärt Kunst-Professor Dietrich Grünewald. Dieser Stil sie Vorbild für ganze Generationen von Comic-Zeichnern geworden, zum Beispiel für Peyo mit seinen "Schlümpfen".

Bis vor zwei Jahren lehrte und forschte Grünewald auch zum Thema "Comics" an der Universität Koblenz. Inzwischen ist er im Ruhestand, befasst sich als Vorsitzender des Vereins "Gesellschaft für Comicforschung" aber immer noch mit der bunten Welt der Comics. "Als ich klein war, haben fast alle Comics gelesen. Heute ist das nicht mehr so", sagt der 71-Jährige.

Ein Exemplar von "Tim und Struppi". (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste -)
Gegen "Tim und Struppi im Kongo" von 1931 hatte ein kongolesischer Student wegen Rassismus geklagt. Die Klage wurde 2012 abgewiesen. picture-alliance / Reportdienste -

Kolonialismus und Antisemitismus in frühen Werken

Auch "Tim und Struppi" las Grünewald gern. Kritisch betrachtet er aber die frühen Werke des Zeichners Hergé, die ab 1929 im "Petit Vingtieme", der Kinderbeilage der katholischen Zeitung "Le Vingtieme Siecle", erschienen. In den ersten Episoden bereisen die beiden Titelfiguren das "Land der Sowjets". Die Zeitströmungen des Antikommunismus, des Kolonialismus (bei "Tim im Kongo", 1930/31) und Anti-Amerikanismus ("Tim in Amerika", 1931/32) habe Hergé ungeprüft übernommen. Später seien auch antisemitische Züge zu erkennen gewesen.

Für "Tim im Kongo" fand Hergé, der selbst nie in Afrika war, Inspiration im Afrika-Museum von Tervuren bei Brüssel - und verewigte sie in dem Comic. Etwa die "Anioto"-Skulptur von Paul Wissaert: Dargestellt ist ein in ein Leopardenfell gehüllter Mann, der sein am Boden liegendes Opfer mit krallenbewehrten Händen töten will. Um die Geheimbünde der "Leopardenmenschen" rankten sich in der Kolonialzeit viele Mythen. Belgien dagegen, so die Botschaft des Kunstwerks, brachte dem Kongo die Zivilisation. Ein anderes Beispiel kolonialer Stereotype: Tim, der im Tropenhelm als Lehrer eine naive "Neger"-Klasse unterrichtet.

"Dummheit und "Idiotie"

"Hergé war geprägt vom politischen Klima der katholischen, königstreuen und erzkonservativen Kolonialmacht Belgien seiner Zeit", erklärt Grünewald. Später habe sich der Zeichner von seinen frühen Geschichten aber distanziert und sei viel liberaler gewesen. Entscheidend dafür soll auch Hergés Freundschaft mit dem chinesischen Künstler Tschang Tschong-jen gewesen sein, der ihn in die chinesische Geschichte, Kultur und Kunst einführte.

Unmittelbar nach dem Krieg erhielt Hergé als angeblicher Kollaborateur ein kurzes Publikationsverbot, weil er an der Zeitung der deutschen Besatzer mitgearbeitet habe. Historiker wollen wissen, dass er auch selbst der faschistischen Bewegung in Belgien, den Rexisten, nahe stand. 1973 gab er zu, auch ihm sei die versprochene "Neue Ordnung" als ein Hoffnungszeichen erschienen. Seine Nähe zum Faschismus bezeichnete Hergé damals als "Dummheit" und "Idiotie".

In den Abenteuern von Tim und Struppi in der Nachkriegszeit wurden dann aber auch Geschichten erzählt, die Empathie für Außenseiter zeigten, wie in "Die Juwelen der Sängerin" (1963), in der die beiden Helden die Unschuld für einen Diebstahl einer Gruppe "Zigeuner" beweisen wollen.

Mit Liebe fürs Detail

Der detailverliebte Hergé sammelte Berge von Material, um daraus die Kulissen für die Abenteuer seiner Helden zu machen. Brüsseler Museen verweisen noch heute stolz darauf, dass dieses oder jenes Exponat als Vorlage gedient habe. "Hergé war sehr bemüht, Landschaften sehr realistisch darzustellen und ging nicht nur inhaltlich mit der Zeit", sagt Grünewald. Für eine Neuauflage habe er auch Gegenstände neu und zeitgemäß zeichnen lassen. Da sei dann zum Beispiel ein altes gegen ein modernes Feuerwehrauto ausgetauscht worden.

Die ab 1946 in der neu gegründeten Zeitschrift "Tintin" (so hieß "Tim und Struppi" im Original) veröffentlichten Fortsetzungsepisoden wurden oft von Hergé inhaltlich und künstlerisch überarbeitet, bevor sie in Buchform erschienen. Die 22 Bände um den alterslosen Helden mit der blonden Haartolle und seine Gefährten Kapitän Haddock und Professor Bienlein wurden in 58 Sprachen übersetzt. Die Gesamtauflage erreichte weit mehr als 200 Millionen Exemplare. Ein weltweiter Erfolg.

Letzter Wille

Vor seinem Tod durch Leukämie, am 3. März 1983, hatte Hergé verfügt, dass niemand Tim und Struppi weiterführen dürfe. "Tim und die Picaros" von 1975 blieb das letzte vollendete Werk. Belgien, das den Zeichner schon zuvor mit Orden und Ehrungen gewürdigt hatte, erfüllte ihm auch seinen letzten Wunsch: die Beisetzung auf dem Friedhof am Dieweg im Brüsseler Stadtteil Uccle, der eigentlich schon seit 1950 für Neubestattungen geschlossen war.

AUTOR/IN
STAND