Soldaten leiten Ortskräfte (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

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Ein Jahr nach dem Nato-Abzug - Ortskräfte versuchen in Afghanistan zu überleben

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Nach dem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan vor rund einem Jahr hat die Bundesregierung ehemaligen afghanischen Ortskräften und Familienangehörigen die Aufnahme zugesichert. Doch immer noch warten Tausende auf ihre Ausreise. Das „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.“ versucht sie von Deutschland aus zu betreuen.

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Aktuell habe die Regionalgruppe Schwarzwald des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte e.V.“ Kontakt zu einer niedrigen vierstelligen Zahl von Menschen in Afghanistan, sagt der Regionalbeauftragte Lucas Wehner. Es handelt sich um ehemalige Ortskräfte, ihre Angehörigen, die für die deutsche Bundeswehr, die Polizei oder Hilfsorganisationen gearbeitet haben. Der Verein versucht diese Menschen auf Fluchtrouten in Drittländer zu schicken, damit sie erstmal aus Afghanistan draußen sind, um sie dann nach Deutschland zu holen.

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Verbliebene Ortskräfte sind sehr gefährdet

Seit 2015 engagiert sich Lucas Wehner ehrenamtlich und hat in den vergangenen Jahren Fälle von Bayern bis Rheinland-Pfalz betreut. Die verbliebenen Ortskräfte und ihre Angehörigen leben in Afghanistan in großer Gefahr, seit die Taliban am 15. August 2021 die Herrschaft im Land wieder übernommen haben. „Es sind ja nicht nur die Taliban, die eine Bedrohung sind, sondern zum Teil auch Fundamentalisten innerhalb der Bevölkerung, die sich aber nicht zu den Taliban zählen, auch da ist das Spektrum sehr breit“, sagt der 34-Jährige.

Deswegen rät das Patenschaftsnetzwerk den Betroffenen auch, andere Identitäten anzunehmen. So gäbe es zum Beispiel eine ehemalige Ortskraft, die früher als Übersetzer gearbeitet habe, die versucht als Bauer zu überleben.

afghanische Ortskräfte mit Plakat (Foto: IMAGO, aal.photo)
aal.photo

„Eine tote Ortskraft kann sich nicht mehr melden“

Mittlerweile hat das Patenschaftsnetzwerk ein eigenes Team aus drei Sozialarbeitern, einer davon ist selbst ehemalige Ortskraft, hat in Deutschland soziale Arbeit studiert und ist der Hauptansprechpartner für die Ortskräfte in Afghanistan, die kein Englisch und kein Deutsch sprechen. „Wir haben verschiedene Kanäle, über die wir Kontakt halten.“ Wie genau, das möchte Lucas Wehner nicht erzählen, um die Sicherheit der Betroffenen nicht zu gefährden.

Ab und zu reiße die Verbindung aber auch wieder ab, etwa, weil die Menschen, um ihre Sicherheit nicht zu gefährden, ihre Telefone vernichten. Lucas Wehner befürchtet aber auch, dass einige der ehemaligen Ortskräfte, zu denen kein Kontakt mehr besteht, von den Taliban gehascht wurden. „Es gibt mittlerweile etliche Menschen, von denen wir nicht mehr wissen, wo sie sind. Eine tote Ortskraft kann sich nicht mehr bei uns melden.“ In der Provinz Balch im Norden Afghanistans sei beispielsweise eine Gruppe Taliban in ein Dorf gekommen und habe gezielt nach Ortskräften gesucht.

Reformbedürftiges Ortskräfteverfahren

Das Spektrum der Tätigkeiten von sogenannten ehemaligen Ortskräften ist breit: Es gab Lagermitarbeiter, Wachen, Köche in der Truppenküche oder Reinigungskräfte. Aber nicht alle, die von den Taliban als Kollaborateure angesehen werden, sind Teil des Ortskräfteverfahrens der Bundesrepublik. Denn das sogenannte Ortskräfteverfahren gibt es in Deutschland seit 2014. Deswegen sind beispielsweise alle Menschen, die in Afghanistan vor 2013 für die Bundesrepublik gearbeitet haben, nicht Teil davon. Auch um diese Menschen versucht das Patenschaftsnetzwerk sich zu kümmern. Nach Meinung von Lucas Wehner müsse daher das Ortskräfteverfahren dringend reformiert werden, um diese Menschen besser unterstützen zu können. Da gebe es noch Nachholbedarf.

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Rund 17.600 ehemalige Ortskräfte und deren engste Familien hat die Bundesrepublik inzwischen nach Deutschland bringen können. Das Patenschaftsnetzwerk vermittelt ihnen ehrenamtliche Paten, von denen es momentan rund 800 gibt. Sie melden beispielsweise die ehemaligen Ortskräfte bei den Kommunalbehörden an, vermitteln Sprachkurse, helfen bei der Arbeitsuche oder kümmern sich darum, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Eine wichtige Hilfe, denn bei weitem nicht jede Ausländerbehörde kennt sich mit dem besonderen rechtlichen Status der ehemaligen Ortskräfte aus.

Der Standpunkt von Cüneyt Özadali

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Moderatorin Silke Arning (Foto: SWR)

Moderatorin am Sonntagmorgen Silke Arning

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