Papst Franziskus nimmt am 09.01.2017 an einem Gruppenfoto mit Diplomaten in der Sixtinischen Kapelle teil.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

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Die Diplomatie des Papstes

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Der Papst setzt sich für den Frieden ein. Bisher laufen seine diplomatischen Vorstöße im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine allerdings ins Leere.

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Mitte März rief Papst Franziskus zur Hilfe für die Menschen in der Ukraine auf, die in ihrer Identität, Geschichte und Tradition angegriffen worden seien, und nun ihr Land verteidigten.

Der herzzerreißende Hilfeschrei unserer ukrainischen Brüder drängt uns als Gemeinschaft der Gläubigen nicht nur zu ernsthaftem Nachdenken, sondern auch dazu, mit ihnen zu weinen und uns für sie einzusetzen. Das Blut und die Tränen der Kinder, das Leiden der Frauen und Männer, die ihr Land verteidigen oder vor den Bomben fliehen, erschüttern unser Gewissen.

Franziskus bezeichnete die Aggression gegen die Ukraine als perversen Machtmissbrauch, allerdings ohne dabei Russland beim Namen zu nennen. Der Papst wurde deshalb kritisiert, er verhalte sich nicht eindeutig. Diese Einschätzung teilt Gudrun Sailer von Radio Vatikan nicht. Ein Papst sei zunächst ein Papst und danach erst eine weltpolitische Größe, sagt die Vatikan-Journalistin. "Genau deshalb kann der Papst aber eben auch Dinge tun und erreichen, die ein Politiker nicht erreichen kann, zum Beispiel als Friedensstifter."

"Den Spielraum zum Guten nicht verlieren"

Der Papst müsse sich deshalb auch so verhalten "wie ein Papst". Sonst verliere er "diesen Spielraum zum Guten", den nur der Papst habe, so Sailer. "Und das heißt manchmal auch schauerlichstes Unrecht nicht sofort zu geißeln. Das tut im Fall Russlands der Westen ohnehin geschlossen und zurecht, Putins mörderischen Krieg gegen die Ukraine zu verurteilen und Putin als Aggressor zu benennen."

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Der Papst müsse andere Mittel wählen, wenn er seine Chance als Friedensstifter wahren wolle, auch wenn der Preis dafür sei, dass er missverstanden werde. "Es geht dem Papst nicht darum, öffentlich zu demonstrieren, dass er auf der richtigen Seite steht. Es geht ihm darum, dass dieses Gemetzel aufhört, und zwar am besten heute noch", erläutert Gudrun Sailer.

Erfolglose Bemühungen um Frieden

Andere Journalisten beurteilen die Papst-Diplomatie kritisch. Die Ukraine-Diplomatie von Papst Franziskus hat bislang kaum einen Eindruck hinterlassen, schreibt Nicole Winfield von der Nachrichtenagentur AP. "Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche scheint unfähig zu sein, aus seiner moralischen Autorität, sanften Macht oder direkten Verbindung zu Moskau Kapital zu schlagen, um ein Ende des Blutvergießens oder zumindest eine Waffenruhe zu erreichen."

Putin will Papst nicht empfangen

Auf das Angebot von Papst Franziskus in Moskau mit Putin zu sprechen, bekam der 85-Jährige bisher keine Antwort aus Moskau. "Der Vatikan hat eine lange Tradition der zweiseitigen Diplomatie", analysiert Nicole Winfield. "Während des Kalten Krieges hielt er - oft zur Bestürzung der örtlichen Kirche - Kommunikationskanäle zu denselben kommunistischen Regierungen offen, die Gläubige verfolgten."

Die Tradition der Vatikan-Diplomatie in der Ostpolitik

Man könne durchaus über die Entscheidung von Franziskus diskutieren, die "klassische vatikanische Diplomatie" der damaligen "Ostpolitik fortzusetzen, sagt der Geistliche Stefano Caprio, Professor für Kirchengeschichte am Pontifical Oriental Institute in Rom. "Jene, die darüber aufgebracht sind, dass der Papst sie nicht stärker verteidigt, haben Recht, aber jene von der diplomatischen Seite, die sagen, 'wir können diese Beziehungen nicht wegwerfen, haben auch Recht.'"

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Das Denken von Patriarch Kyrill

Der Versuch des Papstes über Gespräche mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill einen Weg zum Frieden zu suchen, sind im März gescheitert. Die erste Hälfte der 40-minütigen Videokonferenz habe darin bestanden, dass ihm Kyrill alle Rechtfertigungen des Krieges von einem Blatt Papier abgelesen habe, beschrieb Franziskus der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" das Gespräch.

"Ich hörte zu und sagte ihm: 'Ich verstehe das alles nicht. Bruder, wir sind keine Staatskleriker. Wir können nicht die Sprache der Politik sprechen, aber die von Jesus. (...) Deswegen müssen wir Wege zum Frieden finden und das Schießen muss aufhören.'" Er fügte hinzu, Kyrill könne nicht "Putins Messdiener" werden.

Erstaunlich deutliche Worte des Papstes

Ausdrücke wie "Staatskleriker" und "Putins Messdiener" bewertet Gudrun Sailer als "jenseits" der kommunikativen Gepflogenheiten des Heiligen Stuhles. "Unsre Lesart hier ist das mit diesem Interview, der Papst zum ersten Mal eingeräumt hat, dass die Ökumene mit der russischen Orthodoxie wegen dieses Krieges wieder fast auf null ist."

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Moderatorin Silke Arning (Foto: SWR)

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