Orthodoxe Christen vor Kerzenständer (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

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Ein schwieriges orthodoxes Osterfest

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Der Ukraine-Krieg überlagert das orthodoxe Osterfest. Während der UN-Generalsekretär, Papst Franziskus und der Weltkirchenrat vergeblich an eine Waffenruhe über die Feiertage appelliert haben, ist es für viel ukrainische Flüchtlinge in Deutschland schwierig, ein kirchliches Zuhause zu finden.

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Schon Anfang der Woche hatte der UN-Generalsekretär zu einer viertägigen Feuerpause in der Ukraine aufgerufen. Das orthodoxe Osterfest, so António Guterres, gebiete eine "humanitäre Pause" bei den Gefechten. Die Waffenruhe sollte ab Donnerstag eintreten und die Möglichkeit schaffen, Zivilisten aus derzeitigen oder künftigen Kampfgebieten zu evakuieren. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) sowie Papst Franziskus hatten sich für eine vorübergehende Waffenruhe stark gemacht. Der ÖRK appellierte an den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, sich für eine Feuerpause einzusetzen. Denn eine entsprechende Erklärung des Moskauer Kirchenoberhauptes, so hieß es aus Genf, könne sowohl in Russland als auch in der Ukraine einen positiven Einfluss auf den Konflikt haben.

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Kein kirchliches Zuhause in Deutschland

Bislang gehen die Gefechte weiter, womit Ostern für die orthodoxen Christen in der Ukraine eher Tage des Schreckens und nicht der Freude sein dürften. Doch auch für die ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland ist die österliche Situation schwierig: Nicht nur, weil viele von ihnen trotz einer gewissen Feiertagsstimmung daran denken müssen, dass etliche männliche Familienmitglieder jetzt an der Kriegsfront sind. Sie dürften hierzulande auch schwerlich ein kirchliches Zuhause finden. Es gibt nämlich nur ganz wenige ukrainisch-orthodoxe Kirchen in Deutschland. Zudem gilt das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche, in deren Gotteshäuser die Flüchtlinge wegen der sprachlichen Nähe die Liturgie besuchten könnten, als angespannt. Schließlich ist der Moskauer Patriarch Kyrill ein erklärter Parteigänger Wladimir Putins, der Russlands Angriff auf die Ukraine schon früh als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse aus dem Westen gerechtfertigt hat.

Putin und Kyrill (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Männerfreundschaft: Wladimir Putin und Patriarch Kyrill Picture Alliance

Abgrenzung gegenüber Moskau

Die meisten Ukrainer sind zwar wie die Mehrheit der Russen orthodoxen Christen. Allerdings haben sie sich vom Machtanspruch der Moskauer Kirche, dem sie bis zum Ende der Sowjetzeit unterstanden, losgesagt. 2018 gründeten sie die "Orthodoxe Kirche in der Ukraine". Ihr verlieh der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel (Istanbul) Anfang 2019 die Eigenständigkeit. Gleichwohl gibt es bis heute vor allem im Osten der Ukraine zahlreiche Gläubige, die sich mit der russisch-orthodoxen Kirche verbunden fühlen. Ihre Kirche nennt sich "Ukrainisch Orthodoxe Kirche - Moskauer Patriarchat". Weil Patriarch Kyrill aber Putins Waffengang gutheißt, haben seit Kriegsbeginn etliche Moskau-treue Gemeinden in der Ukraine die Seite gewechselt. Der ukrainische Metropolit Epifanij nennt die Zahl von über 50 – mit steigender Tendenz.

"Die Kirche sollte zum Frieden rufen"

Auch Vadim Karpenko, ein am Bodensee tätiger Priester der russisch-orthodoxen Kirche, hat sich inzwischen von seiner Kirche und damit vom Moskauer Patriarchen Kyrill losgesagt. Mittlerweile gehört der Geistliche, der aus der Süd-Ukraine stammt und Gemeinden in Lindau und Wangen betreut, zum Klerus des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. "Das war eine Schande für mich mit der russischen Kirche etwas zu tun zu haben in dieser Situation", sagt er gegenüber dem SWR. "Die Kirchen sollten zum Frieden rufen. Und viele Kirchen machen es – außer der russischen Kirche."

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Was die kirchlichen Kontakte von Ukrainern in Deutschland angeht, gibt es allerdings auch einen gewissen Pragmatismus. Denn obgleich die Kirchenleitung in Moskau die Kriegspolitik Wladimir Putins unterstützt, werden Kriegsflüchtlinge in etlichen russisch-orthodoxen Kirchen durchaus wohlwollend aufgenommen und versorgt. So auch in der russisch-orthodoxen Christopherus-Gemeinde in Mainz. "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Christen untereinander eine Familie sind", unterstreicht Priester Matthias Fröbe, der das Wort "Krieg" nur ungern in den Mund nimmt. "Entscheidend ist das persönliche Schicksal und nicht die Politik." Dennoch bleibt die Situation der ukrainischen Flüchtlinge an Ostern spannungsreich und schwierig. "Letztendlich muss jeder selber entscheiden, in welche Kirche er geht", sagt Vadim Karpenko.

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