Brasilianische Pflegerinnen lernen in einer Klinik die Pfelegabläufe (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

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Erstes Gütesiegel - faire Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland

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Deutschland leidet unter Fachkräftemangel, auch im Pflegebereich. Ein staatliches Gütesiegel soll künftig für eine transparente und geordnete Anwerbung von Pflegekräften aus dem Nicht-EU-Ausland sorgen.

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Das Gütesiegel "Faire Anwerbung Pflege Deutschland" zeichnet Vermittlungsagenturen und Arbeitgeber aus, die den Anwerbungsprozess ethisch, fair und transparent gestalten. Die ersten Siegel erhielten 17 lizenzierte Vermittlungsagenturen und soziale Einrichtungen, die selbst Fachkräfte anwerben. Bisher haben den Angaben nach 80 weitere Interessenten das Siegel beantragt.

Gütesiegel "Faire Anwerbung Pflege Deutschland"  (Foto: Pressestelle, Pressestelle Deutsches Kuratorium Altershilfe (KDA))
Eine Vermittlungsagentur hat das staatliche Gütesiegel "Faire Anwerbung Pflege Deutschland" erhalten. Pressestelle Pressestelle Deutsches Kuratorium Altershilfe (KDA)

Das Interesse an dem Prüfverfahren sei groß, hieß es beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), unter dessen Dach das Siegel vergeben wird. Knapp 150 Agenturen kümmern sich nach Angaben des KDA in Deutschland um die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland.

Strenge Kriterien

Mit der Einführung des Gütesiegels will die Bundesregierung für Pflegefachkräfte aus Drittsaaten einen transparenten und fairen Anwerbeprozess bieten. Die Arbeitgeber verpflichten sich, die ausländischen Fachkräfte bei der Integration zu unterstützen und sie wie ihre Kolleginnen und Kollegen in Deutschland zu bezahlen. Diese Verbindlichkeiten sollen Vertrauen schaffen. Somit soll das Siegel auch einen Beitrag zu einer modernen Einwanderungs- und Integrationspolitik beitragen. Das KDA macht in diesem Zusammenhang auch Vorschläge zur Einrichtung eines wirksamen Managementkonzepts für die Arbeitgeber, wie sie die Integration von Pflegefachkräften fördern können.

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Herkunftsländer nicht leerfegen

"Eine Möglichkeit internationale Fachkräfte zu gewinnen, ist es, Menschen aus Ländern, in denen über den heimischen Bedarf hinaus ausgebildet wird, in Deutschland eine Perspektive zu eröffnen", sagte Helmut Kneppe, Vorstandsvorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA). Das Verfahren stelle auch sicher, dass durch Anwerbung in den Heimatländern keine Fachkräfte verlorengehen, die dort selbst dringend gebraucht werden. Alle internationalen Verträge und Standards zur Anwerbung würden mit dem Gütesiegel strikt eingehalten.

Pflegerinnen aus China betreuen in einem Altenheim Seniorinnen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Pflegerinnen aus China betreuen in einem Altenheim Seniorinnen. Picture Alliance

Mangel an Fachkräften in Deutschland

In Deutschland leben rund 24 Millionen Menschen, die 60 Jahre und älter sind. Das entspricht etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung. Und der Anteil der Älteren steigt. Bis 2030 wird fast jede beziehungsweise jeder Dritte älter sein als 65 Jahre. Laut Bundesagentur für Arbeit waren 2020 in Deutschland 1,7 Millionen Mitarbeitende in der Alten- und Krankenpflege sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland

Die gezielte Anwerbung von Fachkräften erfolgt derzeit laut KDA, vor allem in Bosnien, Herzegowina, auf den Philippinen, in Tunesien, Mexiko, Brasilien, El Salvador sowie in Vietnam. Die angeworbenen Pflegekräfte sind in deutschen Kliniken, Einrichtungen und in der ambulanten Pflege tätig.

Pflegeauszubildende aus Vietnam in Deutschland  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Pflegeauszubildende aus Vietnam in Deutschland Picture Alliance

Im Jahr 2020 waren laut Statistischem Bundesamt rund 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Altenpflege in Deutschland Einwanderer. Im Bereich der Krankenpflege lag der Anteil ausländischer Beschäftigter bei neun Prozent. Laut Mediendienst Integration arbeiten mehr als 200.000 ausländische Pflegekräfte in Deutschland, davon 120.000 aus Drittstaaten und 90.000 aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.

Der Südwesten braucht mehr Altenpfleger

Im Jahr 2030 wird es in Baden-Württemberg mehr Pflegebedürftige geben als bisher angenommen. Der Mehrbedarf im Südwesten werde auf rund 4.000 zusätzliche Fachkräfte in der Altenpflege geschätzt. Das geht aus dem jüngsten Pflegereport der Barmer Krankenkasse hervor. In acht Jahren werden in Baden-Württemberg 710.000 Menschen auf Pflege angewiesen sein. Das sind 127.000 Pflegebedürftige mehr als bislang gedacht, so die Krankenkasse.

Eine Pflegerin unterhält sich mit einer älteren Dame in deren Zimmer in einem Seniorenpflegeheim (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Eine Pflegerin unterhält sich mit einer älteren Dame in deren Zimmer in einem Seniorenpflegeheim Picture Alliance

Bedenken gegenüber Anwerbung

Das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland sei keine Lösung, um die Personallücke zu schließen, sagte der Landesgeschäftsführer der Barmer in Baden-Württemberg, Winfried Plötze. Der Pflegebedarf steige auch in anderen Ländern. "In 20 Jahren werden wir mit China um Pflegekräfte konkurrieren", so Plötze. Aufgabe der Politik sei es, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Pflegeeinrichtungen sollten mehr Eigeninitiative ergreifen.

Der Standpunkt von Philipp Eckstein

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SWR1 Moderator Sebastian Frisch (Foto: SWR, SWR1)

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