7 Todsünden (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

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Die sieben Todsünden im digitalen Zeitalter

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Zorn, Neid, Habgier, Wollust, Eitelkeit, Maßlosigkeit und Trägheit – das sind die sieben Todsünden. Die Zeiten, in denen die Kirche einem damit drohen konnte, sind lange vorbei. Doch inwieweit beherrschen uns diese Gefühle und Verhaltensweisen auch heute noch?

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Die sieben Todsünden stehen nicht in der Bibel. Sie gehen zurück auf den Wüstenmönch Euagrios Pontikos. Ende des 4. Jahrhunderts entwickelte er ein System, um seine Mitbrüder auf Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, die dazu führten, dass sie spirituell scheiterten, bzw. in ihrer Askese gefährdet waren - und zwar ohne das moralisch zu bewerten. Er sah sie als Leidenschaften an, die den Menschen beherrschen wollen.

Die Todsünden als Gefährdungen menschlichen Lebens

Erst viel später wurden die sieben Todsünden in der katholischen Kirche zu schwerwiegenden Sünden gegenüber Gott, die den zweiten Tod, die Höllenstrafe nach sich ziehen. Diese moralisierende Vorstellung ist allerdings irreführend und verstellt den Blick auf das, was damit ursprünglich gemeint war: Im Mittelalter wurden die Todsünden nicht moralisierend verstanden. Es ging nicht um Schuld, sondern darum, herauszufinden, was verhindert, dass das Leben eines Menschen gelingt.

IMAGO  Steinach (Foto: imago images, 7 Todsünden)
7 Todsünden 7 Todsünden

Bernd Deininger ist Psychoanalytiker und leitet die Klinik für Psychosomatische Medizin in Nürnberg. In seinem Klinikalltag trifft er regelmäßig auf Patienten, die an dem leiden, was die Mönche im frühen Mittelalter als Phänomene der sieben Todsünden gedeutet hätten. So könne man beispielsweise aus heutiger Sicht eines Psychoanalytikers Neid und Hochmut mit gewissen Ausprägungen des Narzissmus vergleichen, Zorn mit Gewalt und Wut.

An den Todsünden wachsen

Gemeinsam mit dem Benediktinerpater Anselm Grün hat Bernd Deininger das Buch "Von der verwandelnden Kraft negativer Gefühle" geschrieben, in dem sie die sieben Todsünden von psychologischer und spiritueller Seite aus beleuchten und versuchen gemeinsam Wege aufzuzeigen, wie man an diesen Grundgefährdungen wachsen kann. Heute gibt es natürlich andere Möglichkeiten als im Mittelalter, eine psychische Krankheit wie die Depression oder eine Persönlichkeitsstörung wie den Narzissmus zu behandeln. Aber auch Euagrios versuchte seinen Mitbrüdern Hilfestellungen zu geben und empfahl ihnen, sich mit ihren Leidenschaften vertraut zu machen und sie so zu verwandeln.

Nach Einschätzung von Bernd Deininger hat durch den Mangel an sozialen Kontakten während der Coronapandemie die Zahl der Menschen zugenommen, die an einer Depression erkrankt sind. Zu den möglichen Symptomen einer Depression zählt die Antriebslosigkeit, was von den Mönchen zur Zeit Euagrios wahrscheinlich mit Trägheit umschrieben worden wäre.

Der Zorn und das Internet

Und das Internet habe dazu geführt, dass beispielsweise die Todsünde Zorn heute viel stärker sichtbarer wird als früher. Denn durch die scheinbare Anonymität gibt es immer mehr Gewalt- und Hasstiraden gegenüber Andersdenkenden, so Deininger. Seiner Meinung nach trägt ein Mensch, der solche Hasstiraden loslässt, in der Regel eigene verdrängte Gefühle aus der Kindheit nach außen, in der er sich ungeliebt oder abgeschoben gefühlt hat.

Eine religiöse Verankerung und das Bild eines liebenden Gottes, der die Menschen mit all ihren Fehlern annimmt, statt sie als Sünder abzustempeln, könne dabei helfen. Diese Vorstellung könne im besten Fall dazu führen, negative Verhaltensweisen wie Zorn, Wollust oder Eitelkeit besser zu hinterfragen und sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Die erste Todsünde - die Eitelkeit (Superbia)

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Die dritte Todsünde - die Wollust (Luxuria)

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Die fünfte Todsünde - die Maßlosigkeit (Gula)

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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