Alphabetisierung (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

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Jeder Achte hat Probleme beim Lesen und Schreiben

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Es ist erstaunlich, wie viele Menschen in Deutschland nicht gut lesen und schreiben können. Rund zwölf Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Mit der "Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung" (Alpha-Dekade) setzen sich Bund, Länder und Partner seit einigen Jahren verstärkt dafür ein, die Grundbildung in Deutschland zu verbessern.

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In Deutschland können 6,2 Millionen Menschen nicht ausreichend gut lesen und schreiben. Texte im beruflichen Umfeld und Behördenformulare werden zur Herausforderung. "Das heißt, die Menschen können schon etwas lesen und schreiben, aber sie sind mit vielen Themen, die im Alltag auf sie zukommen, überfordert", erklärt Nicole Pöppel, Geschäftsführerin im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.

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Schwierig wird es, wenn sich im Job etwas verändert

Die Allermeisten in Deutschland könnten einfache Sätze lesen und schreiben. Damit kämen erstaunlich viele Menschen recht gut durch den Alltag. "Um die 60 Prozent der Betroffenen sind berufstätig und kommen ganz gut zurecht", sagt Nicole Pöppel. Schwierig werde es, wenn sich im beruflichen Umfeld etwas verändere oder Unterstützerinnen und Unterstützer wegfielen. "Ein großes Thema ist natürlich auch die Digitalisierung." Hier komme es jetzt immer wieder zu Veränderungen, die Menschen überfordern könnten. "Wenn jemand eine Arbeit hat, in der er oder sie Routine hat, wird oft sehr viel durch Auswendiglernen oder auch durch Unterstützung geleistet. Aber wenn sich etwas verändert, dann geraten die Menschen oft an ihre Grenzen", sagt Pöppel.

Die Fähigkeit, ausreichend lesen und schreiben zu können, ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilhabe. Mit der zunehmenden Digitalisierung, die wir im Alltag beispielsweise durch Online-Banking, das Ausfüllen von PDF-Formularen oder das Bedienen von Fahrkarten-Apps erfahren, gewinnen Lesen und Schreiben sowie digitale Kompetenzen weiter an Bedeutung.

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Umfeld der Kinder spielt eine wichtige Rolle

Die Bildungsferne spielt eine besondere Rolle bei der Frage, inwiefern man als Erwachsener das Lesen und Schreiben souverän beherrscht oder nicht. "Dann hängt das natürlich auch damit zusammen, wenn im elterlichen, persönlichen Umfeld soziale Probleme hinzukommen, man von Armut betroffen ist, dann heißt das für die Kinder, die eventuell Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen haben, dass die Förderung nicht gleichermaßen gut ausfällt", erklärt Nicole Pöppel.

Es gebe auch Betroffene mit höheren Bildungsabschlüssen. Vereinzelt auch Menschen, die zum Beispiel im Studium noch Lese- und Schreibkenntnisse nachholten. Dabei spiele auch das Thema Legasthenie eine Rolle. Hier könne man gezielt fördern.

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Große Auswirkungen auf das Leben

Da das Thema für die Betroffenen oft schambesetzt sei, habe es auch Auswirkungen auf ihr soziales Leben. Sie trauten sich vielleicht nicht so leicht, Kontakte zu knüpfen, würden vielleicht auch nicht Mitglied in Vereinen, gingen vielleicht nicht zu Elternabenden, weil sie Angst hätten, dort mit diesem Defizit konfrontiert zu werden.

Angebote für das Lesen- und Schreibenlernen

Durch die Alpha-Dekade von Bund und Ländern werde zurzeit sehr viel dafür getan, dass bundesweit das Angebot wachse, sagt Nicole Pöppel. "Es ist allerdings so, dass besonders in ländlichen Regionen noch Angebote fehlen." Sie verweist auf bestehende Lernangebote, zum Beispiel bei Volkshochschulen, in Mehrgenerationenhäusern oder Grundbildungszentren. "Es ist aber noch nicht so, dass in der Nähe von jedem Menschen, der jetzt lernen möchte, auch direkt ein passendes Angebot ist. Das heißt, da gibt es schon noch viel zu tun, dass es passgenaue Angebote für die Menschen gibt, die lernen wollen." Als Beispiele nennt sie die regionale Nähe von Kursen, die Frage der Kinderbetreuung und Angebote, die sich mit der Berufstätigkeit vereinbaren lassen.

Prävention ist unheimlich wichtig, weil diese Lese- und Schreibschwierigkeiten, die Erwachsene betreffen, in der Kindheit entstehen.

Als wichtige Akteure in der Prävention nennt Nicole Pöppel zum Beispiel die Stiftung Lesen. Sie rücke in den Fokus, wie wichtig es sei, im Kindesalter vorzulesen. "Dass eine frühkindliche Förderung schon im familiären Umfeld stattfindet. Und natürlich muss auch in den Schulen eine Sensibilisierung der Lehrkräfte erfolgen." Es könne allerdings auch vorkommen, dass Lehrkräfte, die bereits sensibilisiert sind, mit großen Klassen eine Überforderung erlebten. "Beispielsweise wenn es mehrere Kinder gibt, die Schwierigkeiten im Lese- und Schreiblernprozess haben. Dann muss es eine zusätzliche, individuelle Einzelförderung geben. Das können Lehrkräfte innerhalb der Klassen im normalen Unterricht nicht leisten."

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Das Lesen und Schreiben sei in der Schule lediglich in einer sehr kurzen Phase Hauptthema. Man lerne Lesen und Schreiben vor allem in der Grundschule. Danach werde es vorausgesetzt. "Eventuell müsste man das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Lese- und Schreiblernprozess andauert und dass man sich auch noch eingehender und länger damit beschäftigt."

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen von Fabian Töpel

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

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