Kranz an Soldatendenkmal (Foto: imago images, IMAGO / Joerg Boethling)

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Mehr kollektive Trauer am Volkstrauertag

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Kranzniederlegungen, Fahnen auf Halbmast, Gedenkgottesdienste - am Volkstrauertag wird an diejenigen erinnert, die im Krieg gestorben sind oder Opfer von Gewaltherrschaft wurden. Doch ist der Volkstrauertag, wie er heute begangen wird, angesichts der vielen Corona-Toten noch zeitgemäß?

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Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag vorgeschlagen. In den Nachkriegsjahren hatten viele Menschen in Deutschland Angehörige im Krieg verloren. Das ganze Volk trauerte um die Opfer von Krieg und Gewalt. Inzwischen ist der Volkstrauertag in die Jahre gekommen. Gerade junge Menschen haben kaum noch eine Bindung zu diesem stillen Festtag.

Am diesjährigen Volkstrauertag werden wieder vielerorts Blumenkränze an den Denkmälern für die gefallenen Soldaten niedergelegt, Blaskapellen spielen, Reden werden gehalten. Doch brauchen wir diese Art von Zeremonie noch oder ist das alles angesichts der vielen Corona-Toten oder der vielen Menschen, die durch Naturkatastrophen ums Leben gekommen sind, überholt? Müsste kollektives Trauern nicht erweitert werden?   

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"In der Zeit, in der dieser Volkstrauertag entstanden ist, da war das Thema Kriegsopfer und Gefallene wirklich lebendig in der Gesellschaft. Jetzt sind andere Themen lebendig in unserer Gesellschaft", sagt Marianne Bevier, Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung.

Die Corona-Pandemie sei eines dieser Themen "dass mit sehr, sehr vielen Verlusten verbunden ist. Tatsächlich mit Verlusten von Menschen, aber auch mit Verlusten von Trauerkultur und von vielen anderen Dingen", erklärt die Diplom-Theologin und spricht sich für mehr gemeinsames Trauern aus. "Es wäre schön, wenn wir uns miteinander eingestehen könnten, dass wir gerade in einer Umbruchszeit sind, wo manches zu Ende geht, aber auch vieles neu beginnt und daraus die Kraft schöpfen etwas Neues zu gestalten".

Gedenktag für die Opfer der Pandemie gefordert

Flaggen auf Halbmast vorm Bundestag (Foto: imago images, IMAGO / Stefan Zeitz)
Trauerbeflaggung vor dem Deutschen Bundestag IMAGO / Stefan Zeitz

Mitte April gab es in Berlin eine Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen der Pandemie. "Ich fand das einen sehr wichtigen Tag", so Marianne Bevier und fordert einen Gedenktag für die Opfer der Pandemie.

Dieser sollte allerdings auch Raum für die Angehörigen bieten. "Das könnte eine Zeit sein, um nachzudenken, was sich verändert hat – und tatsächlich mal wieder eine Atempause zu haben und Luft zu holen". Sie erlebe heute eine Zeit im "Durchhaltemodus".

Mit dem Volkstrauertag könne Marianne Bevier persönlich wenig anfangen, weil "ich da keine persönlichen Erfahrungen damit verbinde". Trotzdem sei das ein sehr wichtiger Tag und ein sehr wichtiges Gedenken, um sich daran zu erinnern, damit das nicht verloren geht.  

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Magdalena Knöller (Foto: SWR)

Moderatorin am Sonntagmorgen Magdalena Knöller

Magdalena Knöller

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