Synagoge in Halle nach dem Anschlag (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

SWR1 Sonntagmorgen

Der Anschlag von Halle und die Folgen

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Auch zwei Jahre nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle haben die Opfer mit den psychischen und physischen Folgen zu kämpfen. Der Täter hatte zwei Menschen erschossen und weitere teils schwer verletzt.

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9. Oktober 2019 in Halle. Es ist Jom Kippur – der höchste jüdische Feiertag. Etwa 60 Gläubige beten in der Synagoge. Dann fallen draußen Schüsse. Ein Mitglied der Gemeinde war dabei und erinnert sich an die Panik. "Wir hatten Menschen, die um die 90 Jahre alt sind, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben." Sie hätten damit gerechnet, dass der Täter jeden Augenblick in die Synagoge eindringen werde.

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Gemeindemitglieder in Todesangst

Der schwerbewaffnete Täter hat Sprengsätze und schießt immer wieder auf die verriegelte Eingangstür. Sein Ziel: die Menschen in der Synagoge zu töten. Doch die Tür hält stand. Anastassia Pletoukhina war damals zusammen mit ihrem Ehemann in der Synagoge. Wir hatten alle Todesangst, erinnert sie sich. Doch über den Tag zu sprechen, fällt ihr bis heute schwer: "Natürlich habe ich Therapiestunden hinter mir nach dem Attentat und es war ein langer Weg überhaupt zu erfassen, was passiert ist und die emotionalen und physischen Hürden zu überwinden", sagt Anastassia Pletoukhina.

Döner-Imbiss in Halle (Saale) (Foto: imago images, IMAGO / Felix Abraham)
Kerzen brennen in Gedenken an die Opfer des Angriffs in Halle im Oktober 2019 vor dem Döner-Imbiss, in dem eine Person erschossen wurde. IMAGO / Felix Abraham

Ein Trauma – für die Überlebenden und für die Angehörigen der Opfer. Vor der Synagoge erschoss der damals 27-jährige Stephan B. eine 40-jährige Passantin und rannte dann zu einem nahe gelegenen Döner-Imbiss. Ein junger Mann starb. Auf der Flucht fuhr der rechtsextreme Täter einen Somalier an und verletzte zwei weitere Menschen schwer. Knapp zwei Stunden später wird Stephan B. festgenommen.

Angeklagter zeigt keine Reue

Nach 14 Monaten das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung und die Feststellung seiner besonders schweren Schuld. Anastassia Pletoukhina und ihr Ehemann waren im Gerichtssaal: "Nachdem das Urteil ausgesprochen wurde, hat er einen Hefter nach meinem Mann geworfen, der ihm direkt gegenüber saß und das hat mich total zurückgeworfen in diese emotionale Auflösung." Ihr sei deutlich geworden, dass der Täter die Tat nicht bereue. "Das war sehr schwierig, mich danach zu beruhigen", erinnert sich Pletoukhina.

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Auch die Opferanwälte verweisen auf die fehlende Reue beim Täter: Er sei dauerhaft gefährlich und dürfe daher nie wieder freikommen. Doch Halle sei kein Einzelfall, mahnt Anastassia Plethoukina. Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus dürfe nicht länger verdrängt, sondern müsse bekämpft werden: "Unsere Gesellschaft kann sich jetzt nicht mehr davon abwenden, über sehr viele Sachen zu reflektieren und auch offen anzusprechen und nicht irgendwie zu versuchen, wegzurationalisieren und zu sagen, 'wir tragen da keine Verantwortung' oder 'wir möchten nicht darüber sprechen'. Das ist jetzt für immer in unserem Leben präsent."

Kritik an Ermittlungsbehörden

Die Buchautorin Esther Dischereit hat den Prozess in Halle beobachtet. Sie hat auch mit Menschen gesprochen, die diesen Anschlag hautnah erlebt haben. Das alles hat sie in einem Buch zusammengefasst. Der Titel: „Habe keine Angst, erzähl alles“.

Im Prozess selbst kamen auch Sachverständige zu Wort, die über die internationale Verflechtung des Rechtsextremismus und die Rolle des Darknet in diesen Kreisen referierten. Leider konnte hier das Bundeskriminalamt keinerlei Zusammenhänge erkennen, so die Autorin. Sie fordert deshalb, dass die Ermittlungen hier weitergehen müssen. „Es ist eben nicht alles gut, wenn wir da einen Einzeltäter verurteilt haben“. Der Prozess habe gezeigt, dass hier mehr Handlungsbedarf bestehe.

Mehr finanzielle Hilfe für Betroffene

Dischereit spricht sich außerdem für die Aufstellung eines Opferfonds für Opfer rechter und rechtsextremistischer, rassistischer und antisemitischer Gewalt aus. Manche Betroffene hätten bisher ausschließlich Hilfe von der Zivilgesellschaft erhalten.  

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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