11.09.2018, USA, New York: Eine Frau weint am North Pool des 911 Memorial anlässlich des 17. Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001. Foto: Wang YingXinhuadpa (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

SWR1 Sonntagmorgen

11. September - Terroranschlag auf das Zusammenleben

STAND

Bei den islamistischen Terroranschlägen des 11. September starben fast 3.000 Menschen aus 92 Ländern. Die Anschläge haben Vorurteile und Misstrauen gegenüber Muslimen geschürt.

Audio herunterladen (48,8 MB | MP3)

Am Tag nach den Anschlägen fuhr Gökay Sofuoglu wie immer in Stuttgart mit der Bahn zur Arbeit. Dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland und Baden-Württemberg fiel damals auf, dass die anderen Fahrgäste sich ihm gegenüber anders verhielten als sonst. "Ich hatte damals einen längeren Bart und da habe ich gemerkt, dass sich die Leute nicht mehr zu mir hinsetzen oder dass die Leute aufstehen, wenn ich mich irgendwo hinsetze."

Audio herunterladen (1,3 MB | MP3)

Plötzlich wurde Gökay Sofuoglus üppiger Bart zum Problem. Dabei hatte er zuvor oft positives Feedback bekommen. Viele fanden den Bart attraktiv. Einen Tag nach den Anschlägen stand der Bart in einem ganz anderen Zusammenhang, erinnert sich Sofuoglu. Eine freundliche, ältere Dame gab ihm den gut gemeinten Rat: "Machen sie diesen Bart ab."

Audio herunterladen (6,4 MB | MP3)

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann sieht ebenfalls das Problem, dass Zugewanderte nach den Terroranschlägen von 2001 oft auf eine vermeintliche Religionszugehörigkeit reduziert wurden. Viele Muslime sähen sich als säkulare Muslime, ganz so wie die vielen säkularen Protestanten und Katholiken. "Ich bin aufgewachsen in einer Stadt, in der es schon sehr früh Muslime gab, in einer relativ entspannten Gemeinsamkeit, die wir leben konnten. Und ich finde, dahin müssen wir zurück", sagt die Theologin.

Religion hat sich der Verfassung und dem Rechtsstaat unterzuordnen.

Murat Coskun  (Foto: Pressestelle, Foto: Yoshi Toscani)
Perkussionist Murat Coskun Pressestelle Foto: Yoshi Toscani

Auch der Musiker Murat Coskun aus Freiburg bemerkte in den Tagen nach dem 11. September eine Veränderung. Im Alltag arbeitet er mit Künstlern aus vielen Ländern. Dass er Moslem ist, war nie ein Thema. Das änderte sich mit einem Mal. "Die Blicke waren nicht mehr so offen oder so freundlich. Ich habe gemerkt, die Leute sind plötzlich unsicher", erinnert sich Coskun. Im persönlichen Kontakt konnte er Vorurteile schnell ausräumen. Nach dem 11. September hätte sich Coskun gewünscht, dass sich die islamischen Verbände und andere Offizielle stärker von den Islamisten abgrenzen.

Frieden und Menschenrechte bewahren

Der Exiliraner und Leiter des Migrationsbüros der Malteser für Rheinland-Pfalz Behrouz Asadi sieht das ähnlich. Auch für liberale Muslime können solche radikalen Strömungen zu einer Gefahr werden, sagt er. Deswegen ist es ihm wichtig, sich bis heute immer wieder dagegen zu positionieren. "Laut und mit Stärke sagen, 'Wir haben nichts mit diesem System zu tun. Deren Mittel sind Gewalt, Waffen. Unsere Waffe ist Klärung, Frieden und Menschenrechte bewahren.'"

Ressentiments und Rechtfertigungsdruck

Die Türkische Gemeinde in Deutschland ist kein religiöser, sondern ein weltlicher Verband. Trotzdem wurde vom Vorsitzenden Gökay Sofuoglu nach dem 11. September immer wieder erwartet, dass er sich von den Anschlägen distanziert. Dieser Rechtfertigungsdruck sei bis heute geblieben. "Nach so vielen Jahren haben wir immer noch mit diesen Ressentiments zu tun", klagt er.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen

Audio herunterladen (1,9 MB | MP3)

Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

Moderatorin am Sonntagmorgen

Religion, Migration & Gesellschaft SWR1 Sonntagmorgen

Ein Magazin rund um das Thema Religion und Gesellschaft. Vier Stunden lang Musik, Informationen, Hintergründe, Lebenserfahrungen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN