Papst Pius XII (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

SWR 1 Sonntagmorgen

Papst Pius XII. und die Judenverfolgung der Nazis – spannende Entdeckungen im Vatikanarchiv

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Im März 2020 hat der Vatikan seine Geheimarchive für die Amtszeit von Papst Pius XII. geöffnet. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf war mit einem Team in Rom und hat die historischen Dokumente gesichtet. Er stieß auf rund 15.000 Bittschriften an den Pontifex: Ein wichtiger Schlüssel, um seine Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus besser einschätzen zu können. 

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Von 1939 bis 1958 war Papst Pius XII. das Oberhaupt der katholischen Weltkirche. In seine Amtszeit fiel die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten. Da sich der Pontifex nie dezidiert zu diesen Verbrechen äußerte oder gar protestierte, wird über seine Haltung seit Jahrzehnten kontrovers gestritten. Was wusste er wirklich vom Holocaust? Hat er gezögert? Hätte er klar einschreiten müssen? Dies sind Fragen, die bis heute offen sind. 

Deutsche Juden warten auf Abschiebung mit dem Zug nach Riga. (Foto: imago images, IMAGO / Reinhard Schultz)
Dezember 1941: Deportation deutscher Juden vom Bielefelder Bahnhof nach Riga. IMAGO / Reinhard Schultz

Erschütternde Zeugnisse der Verfolgung

Als der Vatikan am 2.März 2020 seine Geheimarchive zum Fall Pius XII. öffnete, begab sich der renommierte Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit einem Forschungsteam nach Rom. Die Wissenschaftler aus Westfalen stießen auf rund 15.000 Bittschriften, die Juden aus ganz Europa an den Pontifex geschickt hatten – Zeugnisse verzweifelter Menschen, die sich an das Kirchenoberhaupt um Hilfe wandten aufgrund ihrer schwierigen Lage infolge des Nationalsozialismus. Inhaltlich ging es dabei um ganz unterschiedliche Anliegen: Erkundungen um verschleppte Verwandte ebenso wie Visa-Anfragen für sichere Staaten oder schlicht Bitten um Nahrung, weil man am Verhungern war.

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Spurensuche im vatikanischen Labyrinth

Laut Wolf haben diese Bittbriefe den Papst zu einem Teil erreicht, zu einem andern allerdings nicht. Es werde nun eine Aufgabe der Forschung sein herauszukriegen, „wie viele den Papst erreicht hätten, welche und wie viele nicht“, so der Kirchenhistoriker in SWR1 Sonntagmorgen. Sicher sei aber, „dass der Papst hier intensiv über das Schicksal der Verfolgten und ermordeten jüdischen Menschen informiert war und zwar nicht nur auf der großen politischen Ebene, sondern eben auf der ganz persönlichen Ebene, wo hunderte und tausende Bittschreiben ihn tatsächlich erreichen.“

Eine jüdische Familie flüchtet unter dem Gelächter und den höhnischen Blicken einer Gruppe von Nazis im Juni 1939 aus dem Memelland mit Ziel Litauen. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Eine jüdische Familie flüchtet unter dem Gelächter und den höhnischen Blicken einer Gruppe von Nazis im Juni 1939 aus dem Memelland mit Ziel Litauen. Picture Alliance

Offene Fragen - Puzzleteile im Netzwerk

Doch warum hat Pius XII. den Holocaust nicht öffentlich verurteilt? Warum hat er sich dem Protest der Alliierten gegen den Holocaust im Winter 1942 nicht angeschlossen?  Diese Frage, sagt Wolf, kann man bislang noch nicht beantworten. Denn dafür müsse nicht nur der Papst ins Visier der Forschung genommen werden, sondern auch sein Umfeld: „Was wir jetzt schon sehen aus diesen Bittschreiben ist: Der Papst hängt ab, von dem, was ihm seine Mitarbeiter vorlegen und was nicht. Das heißt, wir müssen dieses ganze Netzwerk um den Papst herum angucken. Da haben sie halt dezidierte Freunde der Juden und sie haben auch dezidierte Antisemiten. Deshalb diese große Perspektive, die ganz wichtig ist, weil:  "der Papst allein – ja das wäre viel zu verkürzt“.

In den vielen Dokumenten in den Vatikanischen Archiven liegen noch tausende menschliche Schicksale verborgen.  (Foto: imago images, IMAGO / Independent Photo Agency Int.)
In den vielen Dokumenten in den Vatikanischen Archiven liegen noch tausende menschliche Schicksale verborgen. IMAGO / Independent Photo Agency Int.

Verbreiten und verlinken - Schicksale rekonstruieren

Um seinem Fund in den vatikanischen Archiven größere Publizität zu verschaffen, hat Wolf ein großes Projekt beantragt. „Wir wollen all diese Bittschreiben in der Originalsprache online edieren. Wir möchten jedes einzelne Schicksal, anhand der vatikanischen Quellen, soweit wir es dort können, rekonstruieren, sodass man genau weiß: was passiert mit diesen Bittschreiben, was macht der Heilige Stuhl, was macht er nicht? Wie geht die ganze Sache aus?“ Zudem wünscht sich der Münsteraner Kirchenhistoriker, dass die Bittbriefe mit dem Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und anderen einschlägigen Datenbanken verlinkt werden.

Politische Bildungsarbeit – wie könnte das aussehen?

Zudem sollen die Funde in eine Art „Citizen Scienceship“ eingebunden werden. „Es gibt Bittschreiben von jüdischen Schülerinnen aus Gymnasien. Ich stelle mir vor, dass eine Klasse aus einem Gymnasium, nicht einfach diese Quelle liest, sondern weiter recherchiert zu dem Schicksal dieser Schülerin.“ Für Wolf geht es darum, dass sich möglichst viele Menschen in diesen Prozess öffentlicher Mitarbeit und Recherche einklinken. Am Ende stünde dann, so hofft der Kirchenhistoriker, die Erkenntnis „was aus diesen Menschen eigentlich geworden“ ist.

Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen: Pro und Contra

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Moderatorin Silke Arning (Foto: SWR)

Moderatorin am Sonntagmorgen Silke Arning

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