Frau in Indien wird auf einem Boot gegen Covid-19 geimpft (Foto: Imago, IMAGO / NurPhoto)

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Covid: Armen Ländern fehlt Impfstoff

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Seit Beginn der Corona-Pandemie ist ein Wort in aller Munde: Solidarität. In die ärmsten Länder gelangt der Impfstoff aber immer noch viel zu selten.

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Der Mangel an Impfstoff in Afrika sei groß, sagt Dr. Gisela Schneider, Leitern des "Deutschen Instituts für Ärztliche Mission" in Tübingen. 98 bis 99 Prozent der Menschen hätten noch keine Impfung. In ihrem Institut gingen fast täglich Anfragen von Krankenhauspersonal ein, das immer noch ungeschützt, also ungeimpft, in den Krankenhäusern Corona-Patienten behandele. "Es ist einfach traurig, dass wir nicht solidarischer sein können, dass die Impfstoffverteilung nicht wirklich funktioniert", kritisiert Schneider.

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Covax-Initiative viel zu langsam

Die Covax-Initiative war ins Leben gerufen worden, um auch den ärmsten Ländern Zugang zum Vakzin zu ermöglichen. Die Covax-Initiative sei aber erst bedacht worden, als die reicheren Länder versorgt waren, kritisiert Schneider weiter. Europa, Deutschland, die USA hätten sich erst selbst abgesichert. Das, was an Impfstoff übrig bleibe, bekomme die Covax-Initiative. "AstraZeneca, das hier fast nicht mehr verimpft werden kann, wird jetzt in einer großen Spende an Covax abgegeben", sagt Schneider.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte in einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland an, dass Deutschland ab sofort alle noch ausstehenden Impfstofflieferungen des Herstellers AstraZeneca direkt an die internationale Impfinitiative Covax liefern lasse. In einem ersten Schritt werden nach seinen Angaben 1,3 Millionen Dosen des Vakzins ohne Umweg über Deutschland an Covax geliefert.

"Die Entwicklung der Corona-Todeszahlen in Afrika ist dramatisch und muss uns aufrütteln. Viele Krankenhäuser sind an ihrer Belastungsgrenze. Das alles zeigt: Die Pandemie ist grausam, und sie ist erst dann vorbei, wenn sie weltweit beendet ist."

Große Lieferungen von Schutzkleidung und Medikamenten

Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission habe im letzten Jahr sehr früh begonnen ärmere Länder zu unterstützen, erklärt Gisela Schneider. Man biete über Webinare Weiterbildungen für die Kolleginnen und Kollegen in den Ländern an. "Wir haben mit großen Sendungen damals Schutzmasken, Schutzkleidung, Medikamente und vieles andere in die Länder geliefert, vor allem auch Sauerstoffkonzentratoren und Sauerstoffmessgeräte." Jetzt sei man dabei, die Partner bei den Impfkampagnen zu unterstützen.

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Freigabe von Impfstoffpatenten gefordert

"Was wir fordern, ist die vorübergehende Freigabe des geistigen Eigentums, sodass Firmen in der Lage sind Impfstoffe herzustellen", betont Schneider. Sie sieht die Möglichkeiten für die Produktion von Covid-Impfstoff in afrikanischen Ländern und verweist auf Firmen in Südafrika und das Institut Pasteur in Dakar. Auch in Indien und in Südostasien gebe es Einrichtungen. "Ich glaube, dass es darum gehen muss, dass in einem solidarischen Prozess dieser Technologietransfer stattfindet."

Wissenstransfer bei HIV und AIDS als Vorbild

Man müsse das Wissen weitervermitteln, damit es schnell zu einer Produktionssteigerung komme. "Wir kennen das von HIV und AIDS", sagt Schneider. Das habe damals funktioniert, sagt sie. Die Produktion von Impfstoff müsse steigen, "sodass die Milliarden, die jetzt geimpft werden müssen, nicht noch zwei oder drei Jahre warten müssen, bis es soweit ist. Denn wir bringen uns auch selbst in Gefahr, indem immer neue Varianten entstehen."

Bundesregierung gegen Freigabe von Patenten

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich klar gegen eine Aussetzung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe ausgesprochen. Die weitere Entwicklung von Impfstoffen werde nur gelingen, wenn der Schutz geistigen Eigentums nicht außer Kraft gesetzt werde. Die USA hatten die Aussetzung der Patente ins Gespräch gebracht, um die Produktion von Impfstoffen für ärmere Länder zu erhöhen. Neben Deutschland sind auch Großbritannien und die EU-Kommission gegen die Freigabe.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

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