Kirchen leiden unter Austritten (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

SWR1 Sonntagmorgen

Kirchenaustritte: Der Exodus hält an

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Im Corona-Jahr 2020 haben weniger Menschen ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Das belegen die neuesten Statistiken, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlicht haben. Dennoch traten rund 440.000 Mitglieder den beiden großen Kirchen in Deutschland aus.  

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Im Jahr 2020 traten bundesweit sowohl aus der katholischen als auch aus der evangelischen Kirche jeweils rund 220.00 Personen aus. Das sind rund 50.000 Personen weniger als im Jahr zuvor. Woran dies liegt, weiß man nicht genau – möglicherweise an der Pandemie. Die Kirchen hüten sich vor einer Trendwende zu sprechen. Bundesweit zählen die beiden großen Kirchen in Deutschland zurzeit rund 42 Millionen Mitglieder.

Austritte sind „schmerzlich“

Als schmerzlich bezeichnete der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, die Austrittszahlen.  Viele hätten offenbar das Vertrauen verloren und wollten mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen, so Bätzing. Ähnlich äußerte sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. "Jeder Kirchenaustritt bekümmert mich und lässt mich fragen, was wir als Kirche tun können, um Menschen vom guten Sinn der Mitgliedschaft in unserer Kirche zu überzeugen.", so Bedford-Strohm.

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Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verließen rund 53.000 Katholiken und etwa 46.000 Protestanten ihre Kirchen. Auch hier liegt die Zahl leicht unter der des Vorjahres. Seit 2016 war die Zahl der Kirchenaustritte kontinuierlich gestiegen. Ihr relativer Rückgang im vergangenen Jahr dürfte wahrscheinlich auf die Corona-Pandemie zurückgehen. So wurden unter anderem in den Standesämtern etlicher Städte und Gemeinden die Sprechzeiten für Bürger zurückgefahren.

Innere Distanz zum kirchlichen Glauben

Die Kirchen begründen den Mitgliederschwund mit hohen Sterberaten, weniger Taufen, sowie Kirchensautritten.  Nach einer Studie der württembergischen Landeskirche geben drei Viertel der Austretenden die Kirchensteuer als Motiv an und eine innere Distanz zum kirchlichen Glauben. Das sind auch bundesweit die Hauptgründe, sagt Prof. Gerd Pickel, Religionssoziologe an der Universität Leipzig. Für ihn ist allerdings die Angabe von Kirchensteuer eine Art von Rechtfertigung. „Der zentrale Grund ist die innere Distanz. Man hat einfach mit dem Glauben und Religion gar nicht mehr soviel zu tun“, erklärt Pickel in SWR1 Sonntagmorgen.

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Kritik an der Kirche

Ein Drittel der ausgetretenen Menschen gaben ihren Ärger über das Handeln der Kirche als Grund an: Zum Beispiel beim Missbrauchsskandal, in der Pandemie oder bei der Flüchtlingshilfe. Die Menschen würden Religion und Kirche als etwas Soziales sehen und danach werde auch die Kirche beurteilt, wie sie dort wirksam sei, erklärt Pickel. "Gerade in der katholischen Kirche ist der Vertrauensverlust, den man über Missbrauchsskandale hatte, etwas was ins Mark der Kirche und ins Mark ihrer Mitglieder trifft. Und das ist durchaus ein zentraler Grund, warum man - auch selbst wenn man sogar religiös ist oder zumindest den Traditionen etwas zuschreibt - die Kirche verlässt.", so Pickel.

Mitgliederschwund - "schmerzlich" für die Kirchen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Mitgliederschwund - "schmerzlich" für die Kirchen Picture Alliance

Der Leipziger Religionssoziologe befürchtet, dass diejenigen, die dieses Jahr nicht ausgetreten sind, weil es wegen der Pandemie schwieriger war, nächstes Jahr diesen Schritt vollziehen werden. "Da werden wir besonders hohes Maß noch erreichen".   

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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