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Vor 60 Jahren wurde der Zivildienst eingeführt. Anfangs skeptisch beäugt, wurden die jungen Männer zu einer wichtigen sozialen Stütze im Land. Mit der Wehrpflicht wurden auch die Zivis abgeschafft. Mittlerweile gibt es zahlreiche andere Freiwilligendienste.

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Als Martin Dolde seinen Zivildienst antrat, galt er als Exot. „Die waren mir gegenüber alle ganz vorsichtig“, erinnert sich der Stuttgarter Ingenieur und ehemalige Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Der heute 79-jährige gehörte zu den bundesweit gerade einmal 4.000 jungen Männern, die ab dem 10. April 1961 ihre Arbeit als Zivis aufnahmen.

Nadelöhr „Gewissensprüfung“

Da in der jungen Bundesrepublik große Skepsis gegenüber Kriegsdienstverweigerern herrschte, wurden sie vielfach als Drückeberger verschrien. Um als Zivildienstleistender anerkannt zu werden, mussten die jungen Männer eine sogenannte „Gewissensprüfung“ bestehen. Konkret hatten sie vor einem Gremium von vier ausgewählten Bürgern glaubhaft darzulegen, dass sie aus innerer Überzeugung keinen Dienst an der Waffe leisten konnten.

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Drei Instanzen für die Anerkennung

Auch wenn sie sich vielfach mit der Hilfe von Beratungsstellen – oft aus dem kirchlichen Umfeld – auf die „Gewissensprüfung“ vorbereitet hatten, erinnern sich viele ehemalige Zivis mit Schaudern an diese Prozedur. Aufgrund der Vorbehalte gegenüber Kriegsdienstverweigerern, wurden die „Verhandlungen“ oft als ausgesprochen erniedrigend empfunden. Wer in der ersten Instanz, dem Prüfungsausschuss, durchfiel, konnte auf weitere Instanzen hoffen: Als Zweites die Prüfungskammer und als Letztes das Verwaltungsgericht. 1983 wurde die „Gewissensprüfung“ für die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer abgeschafft.

Wichtig für das Leben

„Diese Zeit hat mich das Leben gelehrt“, sagt Martin Dolde heute über seinen Zivildienst in der Paulinenpflege in Kirchheim unter Teck. Ein ähnlich positives Resümee ziehen auch andere ehemalige Zivis. Im Laufe der Jahre wurden die jungen Männer in den Sozialdiensten der Bundesrepublik zu einer Selbstverständlichkeit. Als 2011 der Zivildienst zusammen mit der Wehrpflicht abgeschafft wurde, hatten deshalb viele Krankenhäuser, Altenheime und Pflegeeinrichtungen zu wenig Hilfskräfte.

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Heute eine größere Altersspanne

Mittlerweile gibt es zwei Nachfolger des Zivildienstes: Das „freiwillige soziale Jahr“ (FSJ) und der „Bundesfreiwilligendienst“ (Bufdi). Michael Bross, der Koordinator des Freiwilligendienstes bei der Caritas in Freiburg, war vor 40 Jahren selber Zivi und kennt die Unterschiede zu heute. Während den einstigen Zivildienst fast ausschließlich junge Männer leisteten, sind im heutigen Freiwilligendienst auch Frauen tätig. Zudem waren die Zivis in der Regel zwischen 18 und 21 Jahren alt, während die Alterspanne der heutigen Freiwilligen erheblich größer ist. So sei ein Viertel noch nicht volljährig, sagt Bross, aber viele andere auch erheblich älter als die Zivis von damals.

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Neuer freiwilliger Wehrdienst

Seit dieser Woche gibt es auch einen freiwilligen Wehrdienst in der Bundeswehr. 325 junge Rekrutinnen und Rekruten haben ihn angetreten. Der neue Dienst trägt den Titel „Dein Jahr für Deutschland“. Die jungen Männer und Frauen werden dabei für den sogenannten Heimatschutz ausgebildet und nicht im Ausland eingesetzt. Da ihre Bezahlung mit 1.400 Euro pro Monat deutlich höher liegt als bei FSJ und Bufdi, gibt es bereits Protest von den Seiten der Wohlfahrtsverbände.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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Magdalena Knöller, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR / Anne Täschner)

Moderatorin am Sonntagmorgen Magdalena Knöller

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