Proteste zum Weltfrauentag (Foto: Imago, IMAGO / Christian Mang)

SWR1 Sonntagmorgen

Weltfrauentag: Noch immer fehlt die Gleichstellung

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Der Frauentag am 8. März wurde von Frauenrechtlerinnen als Protesttag initiiert. Auch 110 Jahre später ist die Gleichberechtigung noch nicht erreicht. Woran liegt das?

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Der Internationale Frauentag geht auf die Bewegung der Arbeiterrinnen des späten 19. Jahrhunderts zurück. In verschiedenen Ländern plädierten die Frauenrechtlerinnen damals für einen Tag, an dem sie gemeinsam für Frauenrechte streiken konnten. Die Bewegung forderte aber auch Gleichberechtigung, höhere Löhne und ein Ende der Diskriminierung – Themen, die heute noch auf der Agenda von vielen Frauen- und Wohlfahrtsorganisationen stehen.

Lieferkettengesetz und Frauenrechte

Näherinnen in einer Fabrik (Foto: Karin Desmarowitz / Brot für die Welt )
Oft sind es Frauen, die in den am schlechtesten bezahlten Jobs arbeiten, beispielweise als Näherinnen in Textilfabriken. Karin Desmarowitz / Brot für die Welt

Das betrifft nicht nur Frauen in Mitteleuropa, sondern vor allem in ärmeren Ländern: „Von den prekärsten und am schlechtesten bezahlten Jobs am Anfang der Lieferketten sind Frauen besonders betroffen“, sagt Maren Leifker von Brot für die Welt. Sie bezieht sich besonders auf die Arbeit in Nähwerkstätten und auf Feldern in sogenannten Niedriglohnstaaten. Auch dort sei der Gender Pay Gap, also der Lohnunterschied von Frauen und Männern, hoch. „Wenn ein Job nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, dann beobachten wir, dass Frauen ganz unglaublich erschöpft und gestresst sind“, sagt Leifker. Denn um den Familienunterhalt zu sichern, müssen sie neben der Sorgearbeit zuhause oft mehrere Jobs aufnehmen – mit gravierenden Folgen. Sie sind dort nicht nur starker Diskriminierung und geschlechtsbezogener Gewalt ausgesetzt, sondern oft auch gesundheitsschädigenden Pestiziden, wenn sie auf den Feldern tätig sind. Das Bundeskabinett hat deshalb jetzt den Gesetzesentwurf für ein Lieferkettengesetz verabschiedet, das große Unternehmen in Deutschland ab 2023 verpflichtet, gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstöße bei ihren weltweiten Zulieferern vorzugehen.

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Ungleichheit im Gehalt und im Alter

Schaut man nach Deutschland, so gibt es dort nach wie vor einen erheblichen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen. Laut Statistischem Bundesamt beträgt er durchschnittlich etwa 20 Prozent. Wird das Einkommen von Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien gegenübergestellt, verdient auch dann ein Mann noch sechs Prozent mehr als die Frau. Man spricht in dem Fall vom bereinigten Gender Pay Gap. Mit einem Gender Pay Gap von 19 Prozent liegt Deutschland im EU-Vergleich auf dem zweitletzten Platz. Nur im Osten Deutschlands ist die Situation viel besser: Dort beträgt der unbereinigte Gender Pay Gap sieben Prozent.

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Strukturelle Gründe

Diese Einkommensunterschiede führen Statistiker vor allem auf strukturelle Gründe zurück. Frauen arbeiten in Branchen oder Berufen, die schlecht bezahlt sind. Sie arbeiten häufiger in Teilzeit und steigen seltener in Führungspositionen auf. Der Gender Pay Gap hat gravierende Folgen: Er wirkt sich direkt auf die Rente aus, die bei Frauen im Durchschnitt deutlich geringer ist. Laut einer OECD-Studie beziehen Frauen im Durchschnitt 46 Prozent weniger Rente als Männer im gleichen Alter.

Corona: Beschleuniger oder Brennglas?

Frau spielt Ball mit einer älteren Frau im Rollstuhl (Foto: Imago, IMAGO / Westend61)
Die meiste unbezahlte Arbeit in den Bereichen Erziehung, Haushalt und Pflege wird nach wie vor von Frauen übernommen. Imago IMAGO / Westend61

Dabei leisten Frauen viel mehr unbezahlte Arbeit. Sie bleiben oft zum Wohl der Kinder zuhause, pflegen die bettlägerigen Eltern und müssen sich um den Haushalt kümmern, weil sich Männer davor drücken. Besonders deutlich wurde die Ungleichheit in der Corona-Krise. Plötzlich bemerkte die Gesellschaft: Die systemrelevanten Stellen als Pflegefachkraft oder Altenpflegerin, als Erzieherin oder Kassiererin sind die schlecht bezahlten – und sie werden überwiegend von Frauen ausgeführt. Und: Es sind wieder die Mütter, die bei fehlender Kinderbetreuung und im Homeschooling im Job zurückstecken und sich um die Kinder kümmern. Ob die Pandemie damit einen Rückschritt in der Gleichberechtigung darstellt oder ob sie bestehende Verhältnisse nur verdeutlicht hat, darüber wird diskutiert.

Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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