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Wie soll Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen? Auf diese Frage zeichnet sich noch keine klare Antwort ab. Derweil diskutiert der Bundestag über das Thema und in den Museen lagern zahlreiche Objekte aus ehemaligen Kolonialgebieten in den Depots.

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Ina Kerner ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Koblenz-Landau und hat sich eingehend mit den Spätfolgen des deutschen Kolonialismus beschäftigt. Deshalb begrüßt sie es, dass das Thema endlich in der Öffentlichkeit debattiert wird. Bundesregierung und Bundestag müssten jetzt handeln, sagt sie in SWR1 Sonntagmorgen. Allerdings sei es keine einfache Frage, die Prioritäten angemessen zu setzen.

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Drei Aktionsfelder für die Aufarbeitung

Für Kerner sind es vor allem drei Bereiche, die ins Auge gefasst werden sollten: als erstes die Bildungspolitik. Hier plädiert sie dafür, dass die deutsche Kolonialgeschichte und ihre Folgen endlich einen festen Platz in den Schulbüchern bekommen. Der zweite – deutlich schwierigere Bereich – sind mögliche Reparationen gegenüber den ehemals kolonialisierten Ländern, deren Aufstände deutsche Truppen zum Teil blutig niedergeschlagen hatten. Und als Drittes sieht die Wissenschaftlerin den Umgang der Museen mit Relikten aus der Kolonialzeit.  

Die schwierige Frage der Rückgabe

Da ein angemessener Umgang mit diesen Objekten auch viel Forschung und Aufwand bedeutet, hat der Deutsche Museumsbund jetzt einen Leitfaden zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes herausgegeben. Er empfiehlt den Museen aufzuklären, unter welchen Umständen diese in den Besitz der Museen gelangt seien und ob die Herkunftsländer deren Rückgabe fordern. Außerdem müssten die Bestände in den Depots transparent und für die Herkunftsländer einsehbar sein. Die Herkunftsländer meldeten häufig zurück, dass sie weniger an der Rückgabe von Objekten interessiert seien, als an deren gemeinsamer Ausstellung und einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Sofern es jedoch Rückgabeforderungen gäbe, meint Ina Kerner, solle man diesen nachkommen – vor allem wenn es sich um Schädel und Gebeine handelt.

Demonstrant mit Plakat Preussischer Kulturbesitz und raeumt die kolonialen Schatzkamamern gegen die Kolobialgeschichte und die Aneigung afrikanischer Kulturgueter durch deutsche Museen und dem Humboldt Forum beim 10. Gedenkmarsch zur Erinnerung an die afrikanischen Opfer von Versklavung, Kolonialismus und rassistischer Gewalt vom Komitee fuer ein afrikanisches Denkmal in Berlin und afrikanischer Vereine in Berlin. Dieser Gedenkmarsch wurde ins Leben gerufen, um der Forderung nach Anerkennung der Verbrechen gegen Schwarze Menschen und Menschen afrikanischer Herkunft Nachdruck zu verleihen. Anlass ist die Berliner Afrika-Konferenz von 1884 - 1885, auf der Afrika vor 130 Jahren unter den europaeischen Kolonialmaechten aufgeteilt wurde. Mehr als 30 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner wurden Opfer von Versklavung (Foto: Imago, IMAGO / IPON)
Imago IMAGO / IPON

Ausstellung über die Kolonialgeschichte Württembergs am Start

Dass das Thema „koloniale Vergangenheit“ momentan auf großes Interesse stößt, zeigt sich auch im Stuttgarter Lindenmuseum. Dort wartet die Ausstellung "Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus", die ursprünglich vergangenen November eröffnet werden sollte, auf das Ende des Lockdowns.

Welche Aufarbeitung wünschen sich die Nachfahren der Kolonialisierten?

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Kontroverse Debatte im Bundestag

Zudem fand am Freitag, 26.2.21, eine Debatte zum kolonialen Erbe im Deutschen Bundestag statt. Initiatorinnen waren die vier Oppositionsparteien. Während die Grünen Bildungsmaßnahmen wollen, die die deutsche Kolonialgeschichte kritisch beleuchten, möchte die FDP mehr Forschung zur Herkunft von Kulturgütern. Nach Ansicht der Linken sollen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen verpflichtet werden, ihre Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. Und die AFD will, dass Kulturgüter den Herkunftsländern nur in Ausnahmefällen zurückgegeben werden dürfen. Die entsprechenden Anträge wurden abgelehnt. Doch es ist damit zu rechnen, dass es spätestens in der nächsten Legislaturperiode neue Gesetzesinitiativen geben wird.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

Sonntagsruhe - wichtiger denn je oder aus der Zeit gefallen? Ein Pro von Leonore Kratz und ein Contra von Sabrina Fritz:

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Magdalena Knöller, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR / Anne Täschner)

Moderatorin am Sonntagmorgen Magdalena Knöller

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Religion, Migration & Gesellschaft SWR1 Sonntagmorgen

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