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Simultankirchen, in denen evangelische und katholische Gläubige abwechselnd Gottesdienst feiern, bestehen seit Jahrhunderten. Besonders häufig sind sie in der Pfalz und Rheinhessen. Sind sie das Modell der Zukunft?

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Simultankirchen entstanden im Laufe des 17. Jahrhunderts. Oft wurden provisorische Wände eingezogen, welche die Gläubigen voneinander trennten. Damals nutzten evangelische und katholische Gläubige in der Regel unterschiedliche Teile der Kirche: Meistens haben die Katholiken im Chor, dem sakraleren Raum, gebetet, und Protestanten im Langhaus. Inzwischen wird in Simultankirchen meist das gesamte Gebäude im Wechsel für evangelische Gottesdienste und katholische Messen verwendet.

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Die Idee für die Simultankirchen, auch Simultaneum genannt, kam Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Westfälischen Frieden auf: Um religiöse Unruhen zu befrieden und religiösen Ausgleich zu schaffen ließen viele Landesherren beide Konfessionen in einer bestehenden Kirche beten. Auch Friedhöfe und das kirchliche Eigentum wurden damals gemeinsam genutzt und verwaltet.

Am häufigsten findet man Simultankirchen in der Pfalz

Die meisten Simultankirchen haben sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgelöst. Aber 64 von ihnen existieren weiterhin, 29 davon befinden sich in Rheinland-Pfalz. Dass sie gerade in der Pfalz so präsent sind, liege an König Ludwig dem XIV., sagt der Akademieleiter der pfälzischen Landeskirche, Christoph Picker. Der französische König wollte die Rheingrenze als natürliche Grenze seines Landes etablieren und förderte dort Katholiken, denen er Gebetshäuser zuteilte, welche die Protestanten fortan mit ihnen teilen sollten. Heute verbindet der Simultankirchen-Radweg einen großen Teil der verbliebenden Simultaneen in der Oberpfalz miteinander.

"Wir bereichern uns gegenseitig, in dem Moment, in dem wir den Raum gemeinsam nutzen."

Im pfälzischen Frankenthal wurde 1976 eine Kirche eingeweiht, die von Anfang an als Simultankirche geplant war: Die St. Jakobus-Kirche. Bei der Gestaltung der Räume haben sich die Katholiken und Protestanten eng abgestimmt, und auch über die Nutzung wurde vorab gesprochen: Der evangelische Gottesdienst findet dort sonntags um 9:30 Uhr statt, die katholische Messe um 11 Uhr – und die Gemeinde der Woche planen beide Gemeinden gemeinsame Veranstaltungen. „Wir bereichern uns gegenseitig, in dem Moment, in dem wir den Raum gemeinsam nutzen“, sagt die katholische Gemeindereferentin, Annette Kabanow.

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Simultankirchen als Modell für die Zukunft?

Nun, da immer weniger Gemeindemitglieder regelmäßig zu Gottesdiensten kommen, die Zahl der Gläubigen stetig sinkt und Kirchen teilweise leer stehen, könnten gemeinsam genutzte Kirchenräume ein Modell für die Zukunft sein. Das gilt nicht nur für evangelische und katholische Gläubige, sondern auch für Anhänger unterschiedlicher Religionen: Der Akademieleiter der pfälzischen Landeskirche, Christoph Picker, ist der Meinung, „dass uns so etwas wie ökumenische oder auch interreligiöse Gastfreundschaft in unseren Kirchengebäuden sehr, sehr gut täte und dass das dem Zusammenleben in einer religiös vielfältigeren Gesellschaft gut täte.“

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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