Die Hand einer kranken Frau wird von einer Pflegerin gehalten (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Klinikseelsorge in Zeiten von Corona

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Die Corona-Pandemie bringt zurzeit viele an ihre Grenzen, gerade in Krankenhäusern und Kliniken: Patienten ringen um ihr Leben, Ärztinnen und Pfleger machen zahllose Überstunden und riskieren dabei ihre eigene Gesundheit. Eine Situation zum Verzweifeln, in der sie gefragter sind denn je: Klinikseelsorger.

Seelsorge in der Klinik heißt für Martin Günter von der katholischen Kirche "Da-sein". Er ist seit fast elf Jahren an der Uniklinik Tübingen. Viele Patienten hat er schon kommen und gehen sehen, auch sterben sehen. Wenn er zu Patienten für ein Gespräch oder auch Gebet ins Zimmer kommt, versucht er behutsam vorzugehen. Manche Patienten erschrecken, wenn "der Seelsorger" kommt, erzählt Günter.

"Sie denken dann, oh der bringt mir jetzt eine schlechte Nachricht. Oder sie fragen sich: warum schickt man mir den jetzt?"

Das Da-Sein der Seelsorger hat in Zeiten von Corona einen neuen Stellenwert bekommen: für Patienten, ihre Familien, Ärzte und Pfleger. Denn die Angehörigen dürfen ihre Liebsten nicht besuchen. Da werden die Seelsorger auch mal zu Brief-Boten.

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Religiöse Waschungen in Corona-Zeiten

Für muslimische Familien, die Hazem Elgafari begleitet, kommt noch etwas hinzu: Wenn ein Muslim stirbt, gehört es zur islamischen Glaubenspraxis, die Verstorbenen rituell zu waschen. Weil aber nicht ausgeschlossen ist, dass man sich auch bei einem Toten mit Corona anstecken kann, musste der muslimische Seelsorger nach einer Lösung suchen. Sein Theologiestudium hat ihm dabei geholfen. Das Ergebnis: Eine Waschung von Toten, die mit Corona infiziert sind, ist keine religiöse Pflicht, sagt Elgafari.

Martin Günter, Hazem Elgafari  (Foto: SWR, Ebertz)
Martin Günter, Hazem Elgafari Ebertz

Roswitha Becker darf den Patienten die Krankenkommunion bringen. Sie ist seit zwanzig Jahren ehrenamtliche Seelsorgerin im Uniklinikum Mainz. Natürlich seien die Mitarbeiter angehalten, Maske zu tragen und nicht zu lange in einem Zimmer zu bleiben. Aber man könne als Seelsorgerin nicht nur an Distanz denken, sagt die Ehrenamtliche: "Ich bin in der glücklichen Lage im Moment gesund zu sein und da ist es, was mein Christsein betrifft, für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich die Menschen begleite und den Menschen beistehe, die in Nöten sind."

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Die Arbeit von Roswitha Becker und ihren Kolleginnen und Kollegen ist auch mit Blick auf Weihnachten wichtiger denn je. Viele Patienten werden die Feiertage im Krankenhaus verbringen, Angebote wie Gottesdienste fallen aufgrund der Corona-Bestimmungen weg, erzählt Becker. Deswegen werden die Seelsorger Flyer mit Texten und guten Wünsche auf den Stationen verteilen. Auf Wunsch kann auch gemeinsam gebetet oder ein Segen gesprochen werden. Doch obwohl der Bedarf an Seelsorgern riesig sei, fehle es aktuell an Nachwuchs, bedauert die Ehrenamtliche: "Wir wären sehr, sehr dankbar, wenn wir noch neue Interessenten bekämen."

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Moderatorin Silke Arning (Foto: SWR)

Moderatorin am Sonntagmorgen Silke Arning

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