Lernhilfe in leerem Klassenzimmer in Corona-Zeiten (Foto: Imago, imago images)

SWR1 Sonntagmorgen

Abgehängt und alleingelassen – Folgen der Krise für Menschen mit Behinderung

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Die Coronakrise trifft die Schwächsten am härtesten - Arme, Ältere, Menschen mit Behinderung, Obdachlose, die Menschen am Rande der Gesellschaft. Darauf hat die katholische Hilfsorganisation Caritas schon vor Monaten hingewiesen. Besonders betroffen: Menschen in Behinderteneinrichtungen und Schülerinnen und Schüler mit Behinderung.

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Behinderteneinrichtungen besonders betroffen

Wegen der vorgeschriebenen Abstands- und Hygieneregeln fallen viele Angebote für Menschen mit Behinderung weg, so z.B. die Arbeit und Betreuung in Behindertenwerkstätten und in Wohngemeinschaften. Quarantäne und Betretungsverbote für Wohngemeinschaften und Heime reißen sie aus ihrem bekannten Umfeld. Oft müssen Eltern oder Angehörige die intensive Betreuung übernehmen; viele sind damit überfordert.

Mann mit Downsyndrom bei seiner Arbeit (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Mann mit Downsyndrom bei der Arbeit. Picture Alliance

Dramatische psychische Folgen

Von einer „massiven Veränderung in der Situation von Menschen mit Behinderung“ spricht Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Württemberg, im Interview mit SWR1 Sonntagmorgen. Wenn Behinderteneinrichtungen schließen oder in Werkstätten nur eingeschränkt gearbeitet werden kann, falle der so wichtige soziale Kontakt weg. „Wenn das Wenige, was an Kontaktmöglichkeit da ist, zusätzlich eingeschränkt wird, tut das Menschen mit Behinderung besonders weh“, so Kaufmann. Hinzu kommt, dass die Beschränkungen Werkstätten vor finanzielle Probleme stellen. Viele hätten die Einrichtungen nicht betreten dürfen und die Auftragslage sei seit Monaten eher schlecht, so dass das eh schon niedrige Einkommen der Mitarbeitenden gekürzt wurde.

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Barrierefreiheit in Schulen mangelhaft

Unterdessen ergab eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg, dass fast die Hälfte aller Schulen in Baden-Württemberg nicht barrierefrei sind. Wenn die Inklusion bereits „an der Barrierefreiheit der Schulgebäude scheitert, dann brauchen wir eigentlich gar nicht weiter über Inklusion zu reden“, sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand. Die zuständige baden- württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verweist darauf, dass nicht alle Gelder für die barrierefreie Ausstattung von Schulen abgerufen würden.

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Zu wenig Betreuung im Heimunterricht

Kinder mit Behinderung würden im Heimunterricht außerdem schlichtweg durchfallen, kritisieren Grünen-Politiker. Zuhause könnten Kinder, die aufgrund der Behinderung Risikopatienten sind, nicht passgenau betreut werden. Selbstständiges Online-Lernen sei für Menschen mit Behinderung oft nicht möglich, es brauche eine bessere, individuelle Betreuung.

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Unterstützung für Inklusion in Schulen schwindet

Was das gemeinsame Lernen von Schülerinnen und Schülern ohne und mit Behinderung angeht, hat sich zudem laut der VBE-Umfrage die Einschätzung von Lehrern sehr verschlechtert. Mehr als die Hälfte der 500 befragten Lehrer hält die Inklusion grundsätzlich für sinnvoll, aber nur 23 Prozent erachten den gemeinsamen Schulbesuch als praktisch sinnvoll umsetzbar. 2015 waren davon noch 66 Prozent der befragten Lehrkräfte überzeugt. 

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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