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Vor 80 Jahren: Die erste Juden-Deportation der Nazis

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Am 22. und 23. Oktober 1940 wurden über 6500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das französische Internierungslager Gurs verschleppt. Es war die erste Massendeportation von Juden im Deutschen Reich.

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„Stiefelgetrampel und lautes Klopfen an der Wohnungstür, ich sah meine Eltern erbleichen, zu Tode erschrecken“ Mit diesen Worten erinnert sich die gebürtige Kaiserslauterin Margot Wicki-Schwarzschild an den 22. Oktober 1940. Die heute 88 jährige gehörte zu den mehr als 6.500 Juden, die vor genau 80 Jahren aus Südwestdeutschland ins südfranzösische Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert wurden.

Archivbilder der Deportation von Jüdinnen und Juden ins Konzentrationslager in Gurs, Südfrankreich (Foto: Stadtarchiv Lörrach)
Archivbilder der Deportation von Jüdinnen und Juden aus Lörrach ins Konzentrationslager in Gurs, Südfrankreich Stadtarchiv Lörrach

Die ersten „judenfreien“ Gaue im Reich

Geplant hatten die Verschleppung Joseph Bürckel und Robert Wagner, die beiden NS-Gauleiter für die Saarpfalz und Baden. Als glühende Nazis wollten sie ihre beiden Gaue als erste im Deutschen Reich „judenfrei“ haben. Die Deportationen aus dem Südwesten bildeten den bisherigen Höhepunkt der Judenverfolgung. Von Ludwigshafen aus wurden mehr als 800 Pfälzer Juden verschleppt. Sie wurden in zwei Zügen transportiert, die in Forbach noch weitere 130 Juden aus dem heutigen Saarland aufnehmen mussten. Aus Baden fuhren sieben Züge mit mehr als 5700 jüdischen Bürgern, darunter auch zahlreiche, die nach den Novemberpogromen 1938 aus der Pfalz in badische Städte gezogen waren.

Verschleppung in die Vernichtungslager des Ostens

Der Transport nach Gurs dauerte drei Tage und vier Nächte. Viele vor allem ältere Personen starben bereits im Zug oder kurz nach der Ankunft. Die Zustände im mit Stacheldraht umzäunten Lager waren katastrophal. Einigen der Insassen gelang zwar die Flucht. Zwei Drittel von ihnen wurden aber in der Zeit von 1942 bis 1944 durch die Nazis in die Vernichtungslager im Osten gebracht und dort ermordet. Auch in Gurs gab es in Folge von Kälte und Krankheit viele Opfer.

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Projekt will alle Daten der Deportation erfassen

Die Massendeportation der jüdischen Bürger aus Baden, der Pfalz und dem Saarland gilt als die am besten dokumentierte, da sie die erste war. Ein Projekt des Generalarchivs in Karlsruhe erfasst jetzt zentral sämtliche Daten über Herkunft und Deportationswege der Opfer. Man wolle dadurch den Menschen ein Gesicht geben, betont Referatsleiter Martin Stingl. Die Informationen, die aus kommunalen und staatlichen Archiven kommen, sollen auf einem Internetportal für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Wir möchten versuchen, möglichst viel an Quellenmaterial online verfügbar zu machen, um so einen persönlichen Zugang zu den einzelnen Personen zu schaffen,“ unterstreicht Martin Stingl. Das Projekt wird durch das Land Baden-Württemberg finanziert und erfolgt in Abstimmung mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden.

Mahnmal (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Mahnmal für die Juden-Deportation nach Gurs in Neckarzimmern Picture Alliance

Gedenkfeier am Mahnmal in Neckarzimmern

Am vergangenen Sonntag gab es bereits eine zentrale Gedenkfeier für die verschleppten Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland. Sie fand am Mahnmal für die Deportation in Neckarzimmern (Neckar-Odenwald-Kreis) statt. Die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) unterstrich hierbei die Bedeutung von Erinnerung für die Demokratie. Ebenfalls anwesend waren der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, Weihbischof Peter Birkhofer für die Erzdiözese Freiburg und Landesrabbiner Moshe Flomenmann. Alle traten für eine offene Gesellschaft und gegen Antisemitismus ein.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen

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Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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