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Im Oktober 1945 bekannten namhafte Theologen ihr Versagen als Christen. In einem öffentlichen Schreiben beklagten sie ihren mangelnden Mut gegenüber den Nationalsozialisten.   

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„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden…“ – dieses Eingeständnis war in Deutschland unmittelbar nach Kriegsende keine Selbstverständlichkeit. Schon gar nicht für führende Kirchenleute, die Hitlers Politik zuvor unterstützt hatten.

Martin Niemöller, Wilhelm Niesel, Theophil Wurm, Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje und Otto Dibelius.  (Foto: Stewart W. Herman)
Die Sprecher des 1. EKD-Rates. V.l.n.r.: Martin Niemöller, Wilhelm Niesel, Theophil Wurm, Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje und Otto Dibelius. Stewart W. Herman

Der kirchenpolitische Anlass

Die Autoren des Schuldbekenntnisses Martin Niemöller, Otto Dibelius und Hans Christian Asmussen waren zur ersten Ratssitzung der neu gebildeten „Evangelischen Kirche in Deutschland“ nach Stuttgart gekommen. Dem württembergischen Landesbischof Theophil Wurm war es zwei Monate zuvor gelungen, die ehemals hitlertreuen „Deutschen Christen“, die kritischere „Bekennende Kirche“ und andere evangelische Kirchen zu einen.

Die Autoren

Frisch gekürt: Der 1. Ratsvorsitzende Theophil Wurm und sein Stellvertreter Martin Niemöller vor der Hephata-Kirche bei der Kirchenkonferenz.  (Foto: Stewart W. Herman)
Der württembergische Landesbischof Theophil Wurm (li.) wurde später zum ersten Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Martin Niemöller, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, wurde sein Stellvertreter. Stewart W. Herman Bild in Detailansicht öffnen
Gespräche zwischen Hans Asmussen (links) und Heinrich Held. Beide wurden bei der Kirchenkonferenz in den Rat der EKD berufen. Stewart W. Herman Bild in Detailansicht öffnen

Der internationale Druck

Eingeladen waren auch Vertreter der weltweiten Gemeinschaft der Ökumene, in der Kirchen mit evangelischer, anglikanischer und anderer nicht römisch-katholischer Tradition vereint waren. Sie beabsichtigten, die Kriegsfeindschaften zu überwinden und die deutschen Protestantinnen und Protestanten wieder in ihren Kreis aufzunehmen. Deren Schuldbekenntnis betrachteten sie als notwendige Voraussetzung. Insofern erfüllten die Theologen mit der Erklärung eine Erwartung von außen.

Die Stuttgarter Innenstadt in Trümmern, 1945. Zu erkennen sind u.a. die zerstörte Leonhardskirche (links), sowie die Stiftskirche im Hintergrund (rechts oben).  (Foto: Royal Air Force Bomber Command / gemeinfrei)
Die Stuttgarter Innenstadt in Trümmern. Zu erkennen sind u.a. die zerstörte Leonhardskirche (links), sowie die Stiftskirche im Hintergrund (rechts oben). Royal Air Force Bomber Command / gemeinfrei

Reaktionen aus der Kirche

In der evangelischen Kirche in Deutschland stieß die Schulderklärung auf breite Ablehnung. Die meisten Landeskirchen erkannten das Eingeständnis zunächst nicht an - unter anderem aus Angst, den Siegermächten damit noch mehr Sanktionsargumente an die Hand zu geben.

Unvollständiges Schuldbekenntnis

Weder der Holocaust noch der Antisemitismus werden in dem Schreiben benannt. Das Schuldeingeständnis bezieht sich lediglich auf den Mangel an Mut, man habe sich nicht deutlich genug gegen die nationalsozialistische Schreckensherrschaft gestellt. Deren Opfer werden nicht erwähnt. Erst in den Folgejahrzehnten setzte sich die evangelische Kirche als Ganze mit dem Holocaust und dem dahinter steckenden Antijudaismus bzw. Antisemitismus auseinander.

Historisches Foto vom zerstörten Heilbronn. Hier Silhouette 1944-46. (Foto: Pressestelle, Stadtarchiv Heilbronn)
Silhouette von Heilbronn (1944-46). Im Hintergrund die zerstörte Kilianskirche. Pressestelle Stadtarchiv Heilbronn

Die aktuelle Bedeutung

Auf die Frage, welche Lehren sich daraus ziehen lassen – gerade heute, wo jüdische Menschen wieder bedroht werden, sagt der württembergische Landesbischof Frank Otfried July gegenüber dem SWR:

Es ist weitgehend common sense in unserer Kirche, dass Rassismus und Antisemitismus energisch bekämpft werden müssen. Das sag ich in Predigten und Vorträgen, aber auch viele Aktionen in unserer Kirche machen sehr deutlich, dass solche Ausgrenzungen mit dem Evangelium nichts zu tun haben. Und wir haben schmerzlich lernen müssen aus der Schuldgeschichte im Dritten Reich, dass man hier die Stimme früh erheben muss und sehr deutlich sein muss.

Frank Otfried July

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