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Zum Schutz vor Corona wird die Vermeidung von körperlichem Kontakt propagiert. Dies verringert zwar das Risiko, sich anzustecken. Doch gleichzeitig leidet darunter die Seele. In welchem Umfang ist noch kaum abzusehen.

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„Social Distancing“ – so heißt die aktuelle Verhaltensparole in Corona-Zeiten: Abstand halten und Körperkontakt möglichst vermeiden. Denn so könne die Übertragung des Sars-COV-2-Virus besser unterbunden werden. Doch was als einfache Handlungsanweisung daherkommt und auf den ersten Blick scheinbar leicht umzusetzen ist, zieht bedeutende Konsequenzen nach sich.

Körperkontakt – Grundlage für das Wohlbefinden

Je länger die Pandemie dauert, desto häufiger merken gerade Freunde und Verwandte, wie sehr ihnen körperliche Berührungen fehlen. Kein Wunder – denn uns Menschen ist das Bedürfnis nach Nähe angeboren. Nicht nur dass der Tastsinn beim Baby deutlich eher ausgebildet ist als Hören oder Sehen. Die Haut ist zudem mit einer Größe von rund zwei Quadratmetern Oberfläche das größte Sinnesorgan des Menschen. Sowohl in der Haut als auch in Muskeln, Sehnen und Haaren sitzen tastsensible Rezeptoren. Insgesamt sind es rund 900 Millionen. Bei körperlichen Berührungen werden darüber hinaus das Bindungshormon Oxytozyn und das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet. Sie gelten als Motoren der geistigen wie emotionalen Entwicklung des Menschen.

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Umarmungen reduzieren Stress

Dass körperlicher Kontakt wichtig für unser allgemeines Wohlergehen ist, betont auch Rebecca Böhme. „Nähe gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Wir spüren, dass wir nicht alleine sind“, sagt die Neurowissenschaftlerin, die seit Jahren die Bedeutung von Berührungen wissenschaftlich untersucht, in SWR1 Sonntagmorgen. So weist Böhme daraufhin, dass Berührungen und Nähe zu anderen Menschen das Immunsystem stärken und helfen, den Stresspegel zu senken. „Wir wissen, dass eine liebevolle Umarmung dazu führt, dass weniger vom Stresshormon Cortisol im Körper unterwegs ist“.

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Mehr Depressionen durch Berührungsverbot?

Was die Folgen von eingeschränktem Körperkontakt durch Social Distancing betrifft, so ist Rebecca Böhme noch zurückhaltend. Sie weist daraufhin, dass man das Ausbleiben von Berührungen eine gewisse Zeit abfedern und kompensieren könne. Bei langfristigem Social Distancing aber rechnet sie – wenngleich nur recht langsam - mit negativen Folgen: Das Vertrauen in andere könne sich reduzieren und auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hinzu komme, dass sich der durch die ohnehin schwierigeren Alltagsbedingungen erhöhte Stresspegel noch weiter erhöhe. Gerade für ältere und alleinstehende Menschen sieht die Neurowissenschaftlerin eine Gefahr. „Ich kann mir vorstellen, dass gerade für Menschen, die lange isoliert waren, Depressionen und Einsamkeitsgefühle zunehmen.“

Magdalena Knöller, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR / Anne Täschner)

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