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In den Corona-Zeiten ist immer wieder von älteren, besonders gefährdeten Menschen die Rede. Das mag fürsorglich gemeint sein, aber viele Seniorinnen und Senioren fühlen sich verletzt und diskriminiert.

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Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie sind ältere Menschen in den Fokus der Krise geraten. Sie würden als Risikogruppe gelten. Bei Älteren würde das Virus eher einen tödlichen Verlauf nehmen als bei jüngeren Menschen. Natürlich sei es wichtig in einer Epidemie chronisch Kranke sowie Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen, sagt Prof. Dr. Hans-Werner Wahl, Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg. Doch ältere Menschen sollten nicht als eine homogene Masse betrachtet werden, dass alle verletzlich, vom Tode bedroht sind, sagt Wahl. „Wir wissen aus vielen Befunden, die längst vor der Covid-19-Krise etabliert wurden, dass negative Stereotype gegenüber älteren Menschen sehr schnell ausgelöst werden.“ Sogenannte „Massenstereotypisierungen“ seien auf keinen Fall etwas Hilfreiches.

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Nicht gegeneinander ausspielen

Auch die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, Barbara John, hat Versuche beklagt, in der Corona-Krise die Interessen jüngerer Menschen gegen die Interessen Älterer auszuspielen. Menschen einfach zurückzulassen wenn sie nicht mehr gebraucht würden und sie vermeintlich bloß noch Kosten verursachten, sei nicht akzeptabel. „Das kann so nicht bleiben“, so John.  Sie halte sich an die Corona-Regeln, doch sie fixiere sich nicht auf das Risiko. „Ich mache aus Menschen keine Virus-Gefahr“, so John.

Ältere als Risikogruppe?

Der Begriff „Risikogruppe“ sei in Grenzen berechtigt, sagt Alternsforscher Wahl. Je älter man werde, desto stärker würden die Beeinträchtigungen ansteigen. Aber: „Alte Menschen sind unglaublich heterogen, vielschichtig und facettenreich. Es sind etwa 20 Prozent der über 65-Jährigen, die tatsächlich höhere Risiken haben im Sinne von bedeutsamen Vorerkrankungen.“ Die anderen würden auch nicht so viel anders dastehen, wie zum Beispiel die Gruppe von 30- bis 60-Jährigen. Wahl wünscht sich, dass in der ganzen Debatte nicht vergessen wird, „dass ältere Menschen überwiegend gesund sind, überwiegend sich ganz vernünftig, zielbewusst und risikobewusst verhalten.“ Auch gäben ältere Menschen der Gesellschaft viel zurück, sei es als Großeltern oder auch im Ehrenamt.

Tai Chi im Park (Foto: Imago, Science Photo Library)
Imago Science Photo Library

Wer soll im Notfall zuerst behandelt werden?

Für den Alternsforscher darf das Alter auch kein Kriterium sein, wer im Notfall zuerst behandelt wird und wer nicht. In Italien, Frankreich oder Spanien sahen sich Ärzte angesichts der hohen Zahl an Corona-Patienten und fehlender Beatmungsgeräte hierzu zeitweise gezwungen, Triage-Entscheidungen zu treffen. Bei einer Triage geht es um die Frage, wer überlebensnotwendige medizinische Ressourcen erhält, wenn sie nicht für alle Patienten vorhanden sind.  Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) ist gegen die Triage. Das Bundesverfassungsgericht habe in anderem Zusammenhang festgelegt, „dass jedes Leben gleich schützenswert ist und dass es nicht gegen ein anderes Leben abgewogen werden darf“, sagte Lambrecht.

Isolierstation für Coronavirus-Behandlungen im Klinikum mit einem Patienten dem gerade der Blutdruck gemessen wird (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

Wie kann man es besser machen?

Alternsforscher Wahl fordert eine differenzierte Kommunikation. Es gebe Gruppen der Älteren, die stärker gefährdet sind, die aber wiederum nicht so viel größer sind als die Gefährdeten beispielsweise in der Gruppe von 40- bis 60-Jährigen. Wahl befürchtet, dass die Corona-Krise das Bild von älteren Menschen und das Verhältnis der Generationen zueinander nachhaltig verändern könnte. Das Altersbild vor der Corona-Krise sei nicht gerade „super positiv“ gewesen. Durch die undifferenzierte Kommunikation aus einer Krisenstimmung heraus, könnte auch die Solidarität zwischen den Generationen auf der Strecke bleiben. In einer alternden Gesellschaft könne man das sich auf keinen Fall leisten, so Wahl. Krise hin oder her.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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Religion, Migration & Gesellschaft SWR1 Sonntagmorgen

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