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Viele Geflüchtete leben in Sammelunterkünften auf engstem Raum. Das Risiko einer Ansteckung ist groß. Solche Flüchtlingsunterkünfte können zu Corona-Hotspots werden. In Baden-Württemberg und auch Rheinland-Pfalz gab es bereits Fälle, in denen sich der Corona-Virus großflächig ausbreiten konnte.

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Eine Einrichtung, die besonders stark vom Corona-Virus betroffen war, ist die Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Ellwangen. Von rund 600 Bewohnern hatten sich Anfang April etwa 400 in kurzer Zeit angesteckt. Dazu rund 30 Beschäftigte. Nach dem Ausbruch der Krankheit herrschte für die Bewohner eine fast sechs Wochen andauernde Ausgangssperre, egal ob sie positiv oder negativ auf das Coronavirus getestet waren. Alle sind mittlerweile wieder genesen.

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Ellwangen - Es hätte auch anders kommen können

Schwerere Krankheitsverläufe wurden in der LEA Ellwangen kaum festgestellt. „Glücklicherweise ist alles gut verlaufen“, sagt Prof. Dr. Oliver Razum, Epidemiologe an der Universität Bielefeld, „doch es hätte auch ganz anders kommen können.“ In Zeiten der Pandemie sei es unverantwortlich, Menschen in großer Zahl auf engem Raum so unterzubringen, dass sie die normalen Vorsorgemaßnahmen nicht einhalten können, kritisiert der Wissenschaftler. Razum hat an der ersten Studie über die Ansteckungsrisiken in den Flüchtlingsunterkünften mitgewirkt. Eigentlich gesunde Menschen zu zwingen, gemeinsam mit infizierten Menschen auf engem Raum wohnen zu lassen, sei ethisch und rechtlich bedenklich. Außerdem belaste es die Betroffenen psychosozial stark, so die Studie.

Corona-Team (Foto: SWR)
Das Helferteam der Malteser ist rund um die Uhr für Flüchtlinge da

Erste Studie über Flüchtlingsheime

Der Bielefelder Studie zufolge ist das Ansteckungsrisiko in einer Flüchtlingsunterkunft etwa so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff.  Die Studie gilt als erste wissenschaftliche Untersuchung dieser Art, die sich mit Ansteckungsrisiken in Flüchtlingsheimen befasst. Wenn es gelingt, Infizierte und Gesunde frühzeitig voneinander zu trennen, können die Risiken einer weiteren Ausbreitung deutlich minimiert werden. Außerdem muss die Quarantäne immer weiter verlängert werden, wenn von gesunden Kontaktpersonen nach und nach immer mehr erkranken. So kann sich eine Quarantäne über mehrere Wochen hinziehen, was vermeidbar ist, wie das Beispiel des Allianzhauses in Mainz zeigt.

mit Kindern in Quarantäne (Foto: SWR)
Jeden Tag spielen freiwillige Helfer der Malteser mit den Kindern in der Quarantäne

Maßnahmen in Mainzer Flüchtlingsheimen

In der Flüchtlingsunterkunft Allianzhaus sind laut Gesundheitsamt 52 von den ursprünglich 132 Bewohnern, positiv auf COVID-19 getestet worden, darunter auch Kinder. Die Stadt Mainz wollte nicht ganze Flüchtlingsunterkünfte unter Quarantäne stellen, um nicht vor dem Problem zu stehen, dass immer mehr Menschen sich infizieren und die Quarantänezeit immer weiter verlängert wird. „Das Problem haben wir dadurch gelöst, dass wir negativ getestete Bewohner rausgeholt haben“, sagt Eckart Lensch, Sozialdezernent der Stadt Mainz. Diese Bewohner, die nicht infiziert sind, wurden in einem Haus in Mainz-Gonsenheim untergebracht. Die Flüchtlingsunterkunft in der Mainzer Innenstadt, mit infizierten Bewohnern, steht bereits seit 19. Mai unter Quarantäne. Sie soll am 9. Juni wieder aufgehoben werden.

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Die Malteser betreuen Flüchtlinge

Seit ein paar Wochen betreut ein Helferteam der Malteser nun schon die beiden Häuser, in denen Flüchtlinge in Mainz unter Quarantäne stehen. Die sieben freiwilligen Helfer haben unterschiedliche Herkunft und Berufserfahrung. Jeden Tag gehen sie durch die Flure, messen Fieber, befragen die Bewohner nach ihren Symptomen oder stellen Einkäufe vor die Tür. Dabei geht es neben der Betreuung auch darum, dass alle Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden.

Malteser-Team in Corona-Zeiten vor der Arbeit im Flüchtlingsheim (Foto: SWR)
Das Malteser-Team im Einsatz

Helfen und auf Sicherheit achten 

Die Helfer der Malteser tragen zu ihrer eigenen Sicherheit immer eine Ganzkörperschutzausrüstung, wenn sie zu den Flüchtlingen in die Häuser gehen. Das Team hat sich gut aufeinander eingespielt. Das ist wichtig. Denn man muss jederzeit damit rechnen, dass in einer der Flüchtlingsunterkünfte in Mainz neue Infektionsfälle auftreten können. Ganz unbedenklich ist die Situation also auch in Mainz nicht, auch wenn bisher noch alles glimpflich abgelaufen ist.

Der Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen:

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Nela Fichtner, SWR Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft (Foto: SWR, SWR/Alexander Kluge - SWR/Alexander Kluge)

Moderatorin am Sonntagmorgen Nela Fichtner

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Religion, Migration & Gesellschaft SWR1 Sonntagmorgen

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