Sendungslogo SWR1 Thema Heute (Foto: SWR)

Sex, Depression, Tod, Politik Tabus - brauchen wir sie oder brechen wir sie?

Was haben Sex, Tod, Geld und Depression gemeinsam? Viele sprechen nicht gerne darüber - sie sind tabu. Aber warum eigentlich? Und wozu brauchen wir die "verbotenen" Themen in unserer Gesellschaft?

Etwas, das besonders heilig ist, etwas dem man nicht nur mit Respekt begegnet, sondern es sogar meidet, es nicht berührt, darüber nicht redet, vor allem in Kulten und Religionen - das ist der Ursprung des Wortes "Tabu". "Tapu" hieß es vor gut 250 Jahren, in Polynesien - der Entdecker Thomas Cook brachte das Wort von seinen Reisen mit nach Hause. Stück für Stück fand dieses Wort auch den Weg in unseren Sprachgebrauch.

"Es gab ein Bedürfnis danach, auch in der deutschen Sprache ein Wort zu haben, das das genau benennt, als etwas Unantastbares, etwas Unerlaubtes, was eine moralische Konvention betrifft"

Laura Neuhaus, Sprachwissenschaftlerin der Duden-Redaktion
Dauer

Ist heute eigentlich alles Tabu, darf man nicht mal mehr seine Meinung sagen? Oder ist gar nichts mehr Tabu? Wo ist die Grenze zur "Über-Tabuisierung"? Wie weit müssen wir Tabus auch bewusst brechen, wenn wir Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen und Kulturen leben wollen? Fragen, die sich wohl jede Gesellschaft schon gestellt hat. Und führt - so eine gängige Theorie - der Verzicht auf moralische Konventionen und Tabus in einer Gesellschaft letztendlich zu deren Untergang, so wie bei den Griechen und Römern?

Das Netz kennt keine Tabus

Äußerungen wie „Dreckschwein“, „Stück Scheiße“, „Sondermüll“ oder „Drecks Fotze“ seien nicht etwa Beleidigungen, sondern „legitime Meinungsäußerungen“ mit Sachbezug. Das hatte das Landgericht Berlin im Fall von Internet-Beschimpfungen gegen die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast entschieden - Kritiker äußerten Unverständnis über dieses Urteil.

Tabus scheint es im öffentlich zugänglichen Netz tatsächlich nicht mehr zu geben. Von Hasskommentaren über regelrechte Hetzkampagnen bis hin zu live per Videostream übertragenen Amokläufen reicht die Spannbreite - ganz zu schweigen von der dunklen Seite des Web, dem DarkNet.

Charlotte Roche liest aus ihrem Roman "Feuchtgebiete" (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Rolf Vennenbernd)
Ein Roman mit ganz vielen Tabubrüchen sorgte 2008 für Aufsehen: Autorin Charlotte Roche sprach in "Feuchtgebiete" sehr offen über Sexualpraktiken und den Umgang mit ihrem eigenen Körper. Rolf Vennenbernd

Bewusster Tabubruch

"Wer etwas erreichen will, muss auch einmal mit einem Tabu brechen" - bestes Beispiel dafür sind Kabarettisten. Sie halten uns nicht nur den Spiegel vor, sie brechen bewusst Tabus, um ihre Kernaussage zu untermauern. Das führt natürlich zu Diskussionen, wie weit Kabarett oder Satire gehen darf.

"Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel."

Kurt Tucholsky

Dabei ist dem Schriftsteller klar: "Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten." Und fügt hinzu: "Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten."

Der SWR1 Thema Heute Podcast

Dauer
STAND