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Der gefährliche Crash von Radfahrer und aufgerissener Autotür Unfallgefahr "Dooring"

Es wird immer enger auf unseren Straßen: Vor allem Radfahrer und auch Elektroroller leben gefährlich. Besonders wenn sie an parkenden Autos vorbei wollen, sehen sie von hinten doch nicht, ob da gerade einer aussteigen will und plötzlich die Autotür aufreißt.

Im Fachbegriff nennt man das "Dooring" und diese "dooring"-Unfälle zwischen Autotür und Radfahrer sind meist schwer. Mehr als jeder 10. Autofahrer (13 Prozent) denkt laut einer Forsa-Umfrage beim Aussteigen aus dem Fahrzeug selten oder nie daran, dass sich von hinten ein Fahrrad nähern könnte. In Baden-Württemberg ist fast jeder 2. Verkehrsunfall mit Radfahrern ein „Dooring“-Unfall.

Radfahrer-Land Baden-Württemberg

Karlsruhe, Freiburg und Heidelberg sind unsere Vorzeigestädte in Sachen Fahrradfahren. Hier haben die Radler einen hohen Anteil am Straßenverkehr (23 bis 26 Prozent). Aber ansonsten liegt im Land noch vieles im Argen. Noch immer gibt es zu wenig Radwege und vor allem sichere Strecken. Und es wird noch dazu immer gefährlicher auf diesen Wegen, seit hier nun auch die Elektro-Roller fahren dürfen. Zum neuen Schuljahr am 11. September startet das baden-württembergische Verkehrsministerium wieder eine Verkehrssicherheitskampagne – diesmal mit Blick besonders auf Unfälle zwischen Radfahrern und parkenden Autos, die sogenannten dooring-Unfälle. 

Rechts vor links – auch bei der Autotür!

Sie sind mit dem Auto unterwegs, am Ziel angekommen, parken und zack! Reflexartig greift die linke Hand zum Türgriff. Extrem gefährlich ist das – weil nicht nach hinten geschaut wird. Radfahrer, Elektro-Roller-Fahrer und auch der Autofahrer selbst geraten so in schwere Unfälle.

Der "Holländische Griff“ – ein Türöffner, der Leben rettet

Dabei gibt es einen einfachen genialen anderen Griff beim Autotüröffnen, nämlich mit der rechten Hand, der beim Aussteigen Leben retten kann.

Automatischer Schulterblick durch "Holländischen Griff"

Der sogenannte "Dutch Reach" (der "Holländische Griff") ist ebenso simpel wie genial: Öffnen Sie die Tür Ihres Autos einfach mit der rechten statt mit der linken Hand. Weil Ihr Oberkörper sich dabei automatisch weit eindreht, kommt es so automatisch zum Schulterblick. In Holland wird dieser Griff schon seit den 70er Jahren in den Fahrschulen unterrichtet. In England hat man den Griff als Empfehlung in die Straßenverkehrsordnung übernommen.

Und auch bei uns in Deutschland ist das Thema angekommen: Berlin wirbt mit Aufklebern für den holländischen Griff beim Autotüröffnen: „Mehr Rücksicht mit Rückblick!" Die Hamburger CDU fordert, den Griff in die Fahrschul-Lehrpläne auf zu nehmen. Viele Fahrschulen unterrichten ihn allerdings schon lange freiwillig. Und Baden-Württemberg startet jetzt zum Schulbeginn nach den Sommerferien eine Kampagne unter dem Titel „Vorsicht, Rücksicht, Umsicht“

Petra und Jörg zeigen wie's geht

Ein einfacher Trick beim Öffnen der Autotür kann Leben retten: der "Holländische Griff". Wie der funktioniert, zeigen die SWR1 Moderatoren Petra Klein und Jörg Witzsch im Video.

Dauer

Wie kann sich der Radfahrer selbst schützen?

1.    Vorgeschriebenen Abstand halten

Laut Straßenverkehrsordnung müssen Radfahrer mindestens 1 Meter Abstand von parkenden Fahrzeugen halten. Moderne Autotüren haben inzwischen eine Breite von 1 – 1,20 Metern. Gerichte legen die Straßenverkehrsordnung (StVO) immerhin konsequent zugunsten von verletzten Radfahrern aus. Im § 14 StVO heißt es:

„Wer ein- oder aussteigt, muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist.“

Trotzdem versuchen Versicherungen oftmals, Radfahrenden wegen angeblichen Mitverschuldens den vollen Schadensersatz zu verweigern. Oft lautet die Begründung, sie hätten keinen ausreichenden Abstand eingehalten. Der ADFC (Allgemeiner deutscher Fahrradclub) empfiehlt Radfahrenden im Interesse ihrer eigenen Sicherheit, gegebenfalls auf die Fahrbahn zu wechseln, wenn auf dem Radweg kein ausreichender Abstand zu parkenden Autos möglich ist. Auch auf der Fahrbahn sollten sie stets mit mehr als einem Meter Abstand an parkenden Autos vorbeifahren.

2.    Brems- und Reaktionszeit ein kalkulieren

Ein Radfahrer, der mit 20 km/h unterwegs ist, müsste mindestens zehn Meter vorher bemerken, dass eine Autotür aufgeht, um noch rechtzeitig bremsen zu können. Zehn Meter vorher ist aber kaum erkennbar, ob überhaupt jemand im Auto sitzt. Bedeutet, Radfahrer müssen langsam und sehr vorsichtig fahren, wenn sie an parkenden Autos vorbei fahren.

Wie lange Brems- und Reaktionsweg sind, das hat der ADAC getestet:

Was kann die Autoindustrie liefern?

Verschiedene Autohersteller (z.B. Audi, Mercedes) haben bereits Warnsysteme entwickelt, wie etwa das sogenannte Autotür-Blockiersystem, das durch Sensoren die herannahende Gefahr meldet, und das Öffnen der Autotür für wenige Sekunden blockiert. Die Industrie ist aber wenig begeistert, mit der Begründung, der Kunde wolle das nicht in seinem Auto eingesperrt sein.

Der SWR1 Thema Heute Podcast

Dauer

Wir brauchen mehr Platz!

Unfallforscher Siegfried Brockmann (Gesamtverband der Versicherungswirtschaft) fordert eine Infrastruktur mit mehr Platz, breitere Radwege und am besten gar keine parkenden Fahrzeuge in der Nähe eines Radweges. Ein weißer Streifen von maximal einem Meter Breite neben parkenden Fahrzeugen bringt dem Radfahrer gar nichts an Sicherheit. Besser sind da sogenannte Dooring-Zonen zum Beispiel mit zwei weißen Abgrenzungsstreifen, innerhalb derer der Radler fahren kann. Das große Problem vor allem in Städten ist allerdings die Platznot.

Siegfried Brockmann war vor einiger Zeit auch in SWR1 Leute zu Gast. Hier hat er sich nicht nur über die Unfallgefahren durch "Dooring" geäußert.

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