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Millionengeschäft Musical Löwen, Vampire, Katzen & Co.

Der Musicalboom begann mit tanzenden und singenden Katzen: Cats, das Musical von Andrew Lloyd Webber, legte 1983 den Grundstein für die "Musical-Mania" im deutschsprachigen Raum - eine Goldgräberstimmung, die längst von der Realität eingeholt worden ist.

Der SWR1 Thema Heute Podcast

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Mit Katzen zum Welterfolg

Der 11. Mai 1981 war ein Wendepunkt in der Musicalgeschichte. In Londoner Theaterdistrikt "Westend" hatte ein Musical Premiere, dem von vielen vorab kein großer Erfolg eingeräumt worden war: Cats. Wer bitte will singende und tanzende Katzen sehen? Bis dahin hatte die Musicalwelt nur eine Revolution erlebt: 1957, mit der Uraufführung von "Westside Story", das gesellschaftspolitische Themen mit moderner Musik und Choreographie umsetzte. Doch schnell zeigte sich: diese Katzen sind ein durchschlagender Erfolg. Weltweit.

Das neue Musical in Stuttgart: "Ghost"

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Wien als Auslöser für die Musical-Mania

Der damalige Intendant des "Theater an der Wien", Peter Weck, sicherte sich die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung. Am 24. September 1983 feierten die Wiener Katzen auf der in eine Müllhalde umgewandelten Bühne ihren ersten "Jellicle Ball". Ein Riesen-Erfolg, in künstlerischer wie finanzieller Hinsicht. Das löste auch in Deutschland Goldgräberstimmung aus. Die Nürtinger Brüder Friedrich und Bernhard Kurz gründeten die Musicalfirma "Stella" und holten 1986 die Katzen auf die Hamburger Reeperbahn. Der Erfolg war so groß, dass der Stuttgarter Unternehmer Rolf Deyhle mit einstieg - mit dem "Phantom der Oper" landete man einen weiteren Erfolg. Man begann, Deutschlandweit neue Musicaltheater zu planen und zu bauen - Musicals fanden nicht mehr (nur) in Stadttheatern für eine begrenzte Anzahl an Vorstellungen statt, sondern, so der Plan, sollten zu Dauerläufern mit eigenen, speziell für sie gebauten Theatern werden.

Das Palladium Musical Theater in Stuttgart  (Foto: dpa Bildfunk, Silwen Randebrock)
Das Palladium Musical Theater in Stuttgart. In der Verglasung spiegelt sich das "alte" SI-Centrum mit dem Apollo-Theater. Silwen Randebrock

Theater-Neubauten exklusiv für Musicals

So entstanden auch in Stuttgart im Lauf der Zeit zwei große Musicaltheater - eines für die deutschsprachige Premiere des Musicals "Miss Saigon", später ein weiteres für die Disney-Produktion "Die Schöne und das Biest". Die Pläne für dieses 400 Millionen Euro teure "Erlebniszentrum", das sogar die Genehmigung für eine eigene Spielbank bekam, stießen aber durchaus auch auf große Skepsis und Widerstand. Die Vorstellung, einzelne Stücke würden dort 10 Jahre und länger laufen, sei utopisch, so die Kritiker.

Sie sollten Recht behalten, denn obwohl es der große Verdienst und Erfolg von Rolf Deyhle war, für Musicals ein komplett neues, eigenes Marketing- und Vertriebsnetz aufgebaut zu haben, bei dem man für jede Großproduktion der "Stella" bundesweit höchst einfach per Telefon Karten kaufen konnte, kam es Ende der 90er Jahre zur großen Musical-Krise in Deutschland. Der Börsengang der geplanten "Stella AG" scheiterte, die Firma ging 2002 in Insolvenz - ausgerechnet während in Stuttgart erneut "Cats" gespielt wurde, das Musical, das die Goldgräber-Stimmung in Deutschland ausgelöst hatte. Welche Ironie des Schicksals...

Hilfe aus den Niederlanden

Joop van den Ende - dieser Name ist nach "Kurz" und "Deyhle" der dritte, wichtige Name beim Thema "Millionengeschäft Musical". Der niederländische Musical-, Theater- und Filmproduzent ("Endemol") sprang mit ins Boot des bundesdeutschen Musicalgeschäfts, mit der "Stage Holding" (später "Stage Entertainment"). Doch auch er hatte es schwer - trotz einiger Erfolgsproduktionen - den deutschen Musicalmarkt finanziell auf gesunde Füße zu stellen. 2015 verkauft er 60 Prozent seiner Anteile an eine private Beteiligungsfirma aus Luxemburg - die schloss als erste Amtshandlung das defizitäre Berliner Musicaltheater am Potsdamer Platz. Mittlerweile gehört die "Stage Entertainment" einem US-Amerikanischen Medienunternehmen. Letzte Etappe im "Millionengeschäft Musical": die angekündigte Schließung eines weiteren Musicaltheaters - im "Stage Metronom Theater Oberhausen" fällt im März der letzte Vorhang.

Bühnenmagie, Liebesgeschichten und Filmadaptionen. Was läuft wo?

Welches Musical läuft wo? Bühnenmagie, Liebesgeschichten und Filmadaptionen

Musicals (Foto: Stage Entertainment)
„Tanz der Vampire“ in Oberhausen und Stuttgart: Derzeit noch in Oberhausen – doch dort werden die Vampire für immer aus der Gruft vertrieben, weil das Theater über der Gruft schließt. Umbettung nach Stuttgart bereits in Planung, sobald der „Ghost“-Geist Anfang April aus Stuttgart vertrieben ist. Ein erstklassiges Grusical mit Musik von Meat-Loaf-Komponist Jim Steinman: Vom trotteligen Professor bis zum erotisierenden Vampirgrafen ist alles dabei, was schon den Film zum Klassiker gemacht hat. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
„Aladdin“ Stuttgart: Mehr Glitzer, mehr Show, mehr Disney geht zur Zeit nirgendwo: eine regelrechte Achterbahnfahrt durch 1001 Nacht. Ohne Übertreibung: Bühnenmagie pur. Pressestelle Aladdin Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen
„Ghost“ in Stuttgart: Und noch eine Film-Adaption: ER stirbt, SIE verzweifelt daran, ihre große Liebe verloren zu haben und kann nicht loslassen. Hilfe kommt in Form einer betrügerischen Hellseherin, die selbst mehr überrascht ist, jetzt tatsächlich als echtes Medium zwischen den Welten vermitteln zu können (und zu müssen). Filmfans, die auf die Szene an der Töpferscheibe warten, werden auch nicht enttäuscht. „Ghost“ läuft nur eine halbes Jahr, dann kommen die Vampire. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
„Cats“ in Wien: Und sie schleichen und streichen wieder auf der großen Müllhalde umher und feiern den „Jellicle Ball“: die Katzen von Andrew Lloyd Webber. Sie haben mit der deutschsprachigen Erstaufführung 1993 in Wien den Musicalboom auch bei uns ausgelöst. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
„Priscilla – Königin der Wüste“ in St. Gallen: Eine schrill-schräge Truppe von Travestiedarstellern machen sich in einem Bus namens „Priscilla“ auf die Reise quer durchs australische Outback. Das Musical erzählt, wie der oscar-prämierte Film von 1995, mit viel augenzwinkerndem Humor und vor allem vielen Discohits der 70er und 80er eine einfühlsame Geschichte von der Suche nach Liebe und Freundschaft. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
„König der Löwen“ in Hamburg: Optisch beeindruckende Mixtur aus Live-Theater und Puppen-, Schatten- und Maskenspiel, dazu eine großartige Kulisse, alles perfekt durchgestylt aus dem Hause Disney. Ein Spektakel für die ganze Familie. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
„Pretty Woman“ in Hamburg: Der Film, der Julia Roberts berühmt gemacht hat, als Musical auf der Bühne. Sie Prostituierte, er Geschäftsmann. Aus einer Geschäftsbeziehung, in der sie anfänglich nur als Begleitdame für eine Woche engagiert ist, wird schnell mehr: eine echte Liebesgeschichte. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
“Tina – das Tina Turner Musical” in Hamburg: Die Lebensgeschichte der „Queen of Rock“ auf der Bühne. Eine Lebensgeschichte, die es in sich hat: Höhen und Tiefen, Lieben und Leiden und vor allem ganz viel Musik. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
"Paramour" in Hamburg: Der berühmte „Cirque du Soleil“ goes Musical und füllt ein riesiges Theater mit einer Mischung aus Tanz, Akrobatik, Show und Musik. Paramour verspricht, die goldene Ära Hollywoods auf die Bühne zu holen. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
„Ich war noch niemals in New York“ in Berlin (ab Mai 2020): Der Überseedampfer wird befeuert mit Musik von Udo Jürgens und einem komödiantisch gut aufgelegten Ensemble und dient als Kulisse für eine Drei-Generationen-Liebesgeschichte, glitzer-glitter-augenzwinkerndes Fernseh-Ballet inklusive. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
„Mamma Mia“ in Berlin: Mittlerweile in verkleinerter Version, aber immer noch das Original: die Songs von ABBA, eingebettet in eine Geschichte um die Suche nach dem richtigen Vater mit griechischer Inselatmosphäre. Stage Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
„Starlight Express“ in Bochum: Rollschuh-rasende Rockomotiven im Wettstreit zwischen Kohlentender und Elektroantrieb. Das Hightech-Spektakel ist ein absoluter Dauerläufer und ist erst vor kurzem wieder mit neuer Musik aktualisiert worden. Und: aus der Übervater-Lok „Papa“ ist jetzt eine „Mama“ geworden – Starlight Express meets Zeitgeist und Frauenpower. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen

Konkurrenzunternehmen haben es nicht leicht

Immer wieder haben weitere Produzenten und neu gegründete Firmen versucht, auf dem deutschen Musicalmarkt Fuß zu fassen - mit mehr oder weniger Erfolg. Einer der wenigen, der heute noch im Geschäft ist, ist Maik Klokow und seine "Mehr-Entertainment GmbH" (heute "Mehr-BB Entertainment GmbH"). Klokow entstammt der Stella- und van den Ende-"Familie", machte sich aber selbständig und betreibt unter anderem den Kölner Musical Dome, das Starlight-Express-Theater in Bochum und das "Mehr! Theater" am Hamburger Großmarkt. Aktueller Coup: Klokow holt das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind" in sein Hamburger Theater, Premiere im März 2020.

Zwei Produktionen halten die Fahnen hoch

Nur zwei Musicals haben es geschafft, der ursprünglichen Hoffnung eines "Dauerbrenners" überhaupt gerecht zu werden - sieht man von "Tanz der Vampire" ab, das in Lizenzpartnerschaft mit den "Vereinigten Bühnen Wien" seit dem Jahr 2000 seine Vampir-Gruft immer wieder mal für mehr oder weniger lange Aufenthalte quer durch Deutschland verlegt.

Das ist zum einen "Der König der Löwen". Das Disney-Musical läuft seit 2001 durchgehend in seinem eigenen Theater im Hamburger Hafen. Über 13 Millionen Besucher haben das Musical bis heute gesehen, gut 95% aller Deutschen kennen den Namen des Musicals. Der zweite Dauerbrenner ist "Starlight Express" in Bochum. Seit 1988 läuft es in einem eigens auf die (bühnen-)technischen Anforderungen ausgerichteten Theater, hält immer noch den Rekord für die längste Spielzeit eines Musicals an einem Ort und wird laufend aktualisiert: mittlerweile fahren unter den Rollschuh-rasenden Rockomotiven auch Brexit-Züge über die "Race-Tracks".

Musical gedeiht auch abseits der Metropolen

Die Stadttheater mischten und mischen ebenfalls mit beim Thema Musical - auch in Baden-Württemberg. Wobei sich auch hier die Spreu schnell vom Weizen trennt. Denn: Musical ist eine eigene Kunst- und Theaterform, mit eigenen Regeln und eigenen Ansprüchen und Voraussetzungen. Wer "Schiller" und "Goethe" kann, muss nicht automatisch auch "Musical" können.

Wie bei der "Musical-Mania" der Musical-Großproduktionen ist auch bei den Stadttheatern in den vergangenen Jahrzehnten Goldgräberstimmung zu sehen gewesen. "Wir brauchen mal wieder einen Kassenerfolg - lasst uns ein Musical spielen" war nur allzu oft die Devise. Dann wurde schnell ein Klassiker aus der Schublade gezogen, der gute Zuschauerzahlen garantiert - typisches Beispiel: "My Fair Lady" - und dabei vergessen, dass Musical eine Kunstform ist, bei der Tanz, Gesang UND Schauspiel auf gleichermaßen hohem Niveau auf die Bühne gebracht werden müssen und nicht "für lau" zu haben ist.

Das hat, speziell in den 80er und 90er Jahren, dem Ansehen des Musicals sehr geschadet. Regisseure, die dem Medium nicht gewachsen waren, Schauspieler, die ihren Rollen tänzerisch oder gesanglich nicht gerecht werden konnten, Orchester, die aus Kostengründen auf ein Minimum reduziert waren, schnell und lieblos zusammengeschusterte Eigenproduktionen, die unter dem Label "Musical" verkauft wurden - Musical ernst zu nehmen war einigen Intendanten nicht so wichtig wie vermeintlich schnelle Kasse zu machen.

Auch Stadttheater können "Musical"

Diese Nagativ-Beispiele dürfen aber nicht zu einem generellen Bashing von Musical an Stadttheatern führen - auch Großproduktionen, die nur auf schnelles Geld aus waren, sind teils grandios gescheitert. Und: es gibt genügend Gegenbeispiele, bei denen Stadttheater hervorragende Produktionen auf die Bühne gebracht haben. Leuchtfeuer in Deutschland war in den 80ern ohne Zweifel das Berliner "Theater des Westens" unter der künstlerischen Leitung und späteren Intendanz von Helmut Baumann. Er machte das Haus mit seiner langen Operettentradition zur ersten Repertoirebühne für Musical in Deutschland - "Cabaret", "La Cage aux Folles", "Porgy and Bess" - Musical auf Broadway-Niveau war jetzt auch in Deutschland zu sehen.

Einer der Musical-Vorreiter in Baden-Württemberg war das Stadttheater Heilbronn - dessen Produktionen in den 90ern waren wegweisend für "Musical am Stadttheater". Intendanz, Dramaturgie und Musikalische Leitung wussten, was Musical bedeutet und erfordert. In Heilbronn wagte man sich - mit Erfolg - sogar an Komponisten wie die US-Ikone Stephen Sondheim, dessen Musicals musikalisch, textlich und intellektuell höchstes Niveau haben.

Mittlerweile hat sich auch bei den Stadttheatern die Erkenntnis durchgesetzt: "Wenn wir Musical machen, dann machen wir es richtig". Es muss ja nicht immer die Ausstattungs-Arie mit großem Orchester, Chor und Tanzensemble sein. Heutiges Musical kann auch heißen: ein 3-Personen-Stück wie "Wenn Rosenblätter fallen", das sich liebevoll und intensiv mit dem Thema Sterbehilfe auseinandersetzt. Oder es kann, wie bei "Hedwig and the Angry Inch", lautes, schrilles und beeindruckendes Rocktheater sein, das einen Einblick in die Welt einer Rock-and-Roll-Drag-Queen gibt. Oder dann eben doch "My Fair Lady": entweder so, wie es gedacht und geschrieben ist - für großes Orchester und Chor, mit einem wunderbar schrulligen Humor und trainierten Stimmen - oder, als bewusst klein gehaltenes "Kammer-Musical", das - wie 2009 am Alten Schauspielhaus Stuttgart - mit einem hervorragenden Sänger-Schauspieler-Ensemble und ins Stück integrierte Musiker auf der Bühne die Essenz dieses Klassikers herausarbeitet, ohne das Original dabei zu verraten.

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