Sendungslogo SWR1 Thema Heute (Foto: SWR)

Freiheit und Einheit 30 Jahre Mauerfall

Es war eine Sensation! Und jetzt ist es schon 30 Jahre her, dass die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland gefallen ist. Damit endete die Teilung Deutschlands: ein historischer Moment.

Der SWR1 Thema Heute Podcast

Dauer

Am 9. November 1989 passiert das, was lange für unmöglich gehalten worden ist: Die Mauer fällt. In der Nacht öffnen sich die Schlagbäume zwischen Ost und West.

"Das tritt(...).nach meiner Kenntnis ist das sofort...unverzüglich!"

Günter Schabowski bei der Pressekonferenz am 9.November 1989

So hat SWR1 Redakteurin Silke Wolfgramm den 9.November erlebt:

»Ich war im Krankenhaus in Dresden. Ein uraltes Backstein-Gebäude mit hohen Fenstern. Es war Abend, dunkel, und auf einmal wurde es taghell und bunt da draußen: Irgendjemand  hatte ein Feuerwerk gezündet. Wir haben alle mit unseren Nasen am Fenster geklebt, haben rausgeguckt und jemand hat gerufen: die Mauer ist auf, in Berlin, die Mauer ist auf! Und wir wussten nicht: ist das jetzt ein Spinner oder stimmt das wirklich! Wir waren ja in Dresden, im Tal der Ahnungslosen, ohne Westfernsehen, und ohne Radio im Krankenhaus-Zimmer. Wir schwankten zwischen Euphorie und Unglaube - haben uns auf dem Krankenhausgang getroffen und mit Teebechern angestoßen.

Ihre Erinnerungen an diesen historischen Tag

Sandra Heid: Ich war in der 6. Klasse und in dieser Woche im Schullandheim. Unser Lehrer hat sich strikt an das Fernsehverbot für uns gehalten. Er hat sich alle Nachrichten angeschaut. Von uns Kids durfte keiner den historischen Moment live miterleben, obwohl es erlebte Geschichte gewesen wäre...

Christina Euler: Ich habe in Nordhessen ziemlich nah (15 km) an der Thüringer Grenze gewohnt. Vor der Grenzöffnung sind wir oft mit Besuch am doppelten Zaun spazierengegangen. Ein Freund warf einmal einen Tennisball in die Nähe des Zauns und meine Eltern haben ihm sofort verboten, noch einen Schritt weiter Richtung Zaun zu gehen, weil sie dann schießen. Das habe ich immer im Kopf. Genau dort sind wir hin, als feierlich der Zaun durchtrennt wurde und wir uns gegenseitig (Ost und West) "beschnüffeln" konnten. Anschließend wurden unsere kleinen Ortschaften im Westen von Trabbis und Wartburgs überrannt.

Randolph Gessler: Ich war damals in der Rockfabrik in Ludwigsburg, als der DJ auf einmal sagte, die Mauer ist offen. Damals gab es hinter der Pilsbar noch ein kleines Kino, in dem man zum Beispiel Fussball schauen konnte, wenn wichtige Spiele waren. Und da liefen dann Sondersendungen zur Maueröffnung.

Berliner aus beiden Teilen der Stadt stürmen die Mauer am Brandenburger Tor. (Foto: dpa Bildfunk, akg-images)
Nicht nur in der Nacht des 9.November kletterten die Menschen auf die Mauer: Am 22.Dezember 1989 stürmte SWR1 Hörer Oliver Scharfy aus Langenau (6.v.r.)mit vielen anderen die Mauer am Brandenburger Tor. akg-images

Chantalle Kasupke: Ich war damals 12 und konnte mit "Die Mauer ist offen" gar nichts anfangen. Einige Wochen später sind wir nach Hamburg gefahren und ich fand es schön, dass in den frühen Morgenstunden überall bunte Lichter waren. Wir wurden unheimlich freundlich aufgenommen, eine ältere Dame schenkte uns Kindern dann einfach so auf der Straße Kinderriegel. Im Jahr 2000 bin ich "in den Westen" gezogen, weil ich mal was anderes als die Heimat sehen wollte. Nun lebe ich in Baden-Württemberg und bin dankbar für alles, was mir die Grenzöffnung ermöglicht hat. Aber: Ich war kein trauriges Ossikind, sondern ich hatte alles, was ein Kind braucht. Die Probleme des Staates waren mir nicht bewusst.

Ingrid Klink: Am Tag des Mauerfalls am 9. November habe ich Geburtstag. Also werde ich dieses historische Ereignis nie vergessen. Ich hatte Gäste zum Abendessen eingeladen und das wurde leider kalt. Wir saßen alle wie gebannt vor dem Fernsehapparat.

»Wir waren im Jugendraum unserer Kirche. Plötzlich kam eine Mitschülerin, aus der DDR stammend, rein und meinte "die Mauer ist offen". Wir haben uns dann vor den Fernseher geklemmt und ich, die absolut nicht singen kann, musste "Looking for freedom" singen, ich war die Einzige, die den Text ganz konnte (und noch kann). Ja, ich fand David damals toll.«

SWR1 Hörerin Sandra Senn / SWR1 Facebookseite

Aber nicht nur David Hasselhoff hat den Mauerfall besungen. Drei Tage nach der Auflösung der Grenzen gab es ein Konzert, das sage und schreibe 11 Stunden dauerte. Top-Stars und freier Eintritt!

Nicht nur "I've been looking for Freedom" Konzert zum Mauerfall

David Hasselhoff (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Das Bild von David Hasselhoff beim Fall der Berliner Mauer kennt jeder - doch nicht nur er hat den Mauerfall besungen. 3 Tage nach der Auflösung der Grenzen gab es ein Konzert, das sage und schreibe 11 Stunden dauerte. Mit einigen Top-Stars - und alles bei freiem Eintritt. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Am 12. November 1989 fand das "Konzert für Berlin" statt. Auch Udo Lindenberg war dabei. Er wandelte sein Lied "Sonderzug nach Pankow" einfach mal um und ließ den Zug in die andere Richtung fahren - nach Westberlin. Lindenberg nennt den Mauerfall die schönste Party seines Lebens. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Auch internationale Stars waren '89 in der Westberliner Deutschlandhalle dabei: Joe Cocker zum Beispiel. Er unterbrach seine Europa-Tournee, um an der riesigen Party teilzunehmen. Imago BRIGANI-ART Bild in Detailansicht öffnen
BAP stand 1989 gemeinsam mit Joe Cocker auf der Bühne - besser gesagt sie standen vor ihm auf der Bühne. Bei Konzerten in Deutschland und der Schweiz. Und auch Wolfgang Niedecken und Co. ließen sich den Auftritt in Berlin nicht nehmen. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
"Bring Me Some Water" oder "Like The Way I Do" dürften schon '89 unter den tausenden Besuchern für Stimmung gesorgt haben - Melissa Etheridge kommt zumindest auch heute immer noch gerne mit ihren Hits nach Berlin. Imago BRIGANI-ART Bild in Detailansicht öffnen
Nach illegalen Auftritten in Ostberlin waren die Toten Hosen dann auch beim "Konzert für Berlin" dabei. Mit dem Album "Ein kleines bisschen Horrorshow" und dem Titel "Hier kommt Alex" waren die Punkrocker seit '89 überall bekannt. Imago Bernd Müller Bild in Detailansicht öffnen
"Horrorshow" würden manche vielleicht auch über Auftritte von Nina Hagen sagen - auch sie war dabei und sang "My Way" und "Ave Maria". Imago BRIGANI-ART Bild in Detailansicht öffnen
"Alle, die von Freiheit träumen sollten's Feiern nicht versäumen, sollen tanzen auch auf Gräbern..." singt Marius Müller-Westernhagen in seinem Lied "Freiheit" - und das sang er auch am 12. November 1989 in Berlin. Imago BRIGANI-ART Bild in Detailansicht öffnen
Mit Nena und "Wunder gescheh'n" endete ein Konzert, das Ost und West vereinen sollte... Imago teutopress Bild in Detailansicht öffnen

Gedenkveranstaltung mit Polit-Prominenz

30 Jahre nach dem Mauerfall nehmen diesen Samstag (9.11.2019) Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Steinmeier und die Staatsoberhäupter Polens, der Slowakei, Tschechiens und Ungarns an einer Gedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer an der Bernauer Straße teil und werden dort in Gedenken an die Opfer des Grenzregimes Rosen in die Hinterlandmauer stecken.

Anschließend besuchen die Staatsoberhäupter gegen 11:15 Uhr das Denkmal an der Bernauer Straße „Die Kauernde, sich aufrichtend“. Danach wird die Bundeskanzlerin Grußworte bei der Andacht in der Kapelle der Versöhnung halten, die um 11:30 Uhr beginnt.

»Der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren steht symbolisch für die Überwindung der schmerzvollen, mehrere Jahrzehnte dauernden Teilung Europas.«

Franz-Josef Overbeck, Vizepräsident der EU-Bischofskommission COMECE

Von Ost nach West - doch der Trend scheint sich umzukehren

In den 30 Jahren seit dem Mauerfall sind 704.000 Menschen aus den fünf Flächenländern der ehemaligen DDR nach Baden-Württemberg gezogen. Abzüglich der Wegzüge nach Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ergibt das ein Plus von 336.000 Menschen, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Allerdings kehrte sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren um: Rund 2.800 Einwohner verlor der Südwesten demnach seit 2014 an die ostdeutschen Bundesländer.

STAND