Ulmer Militärdekan Gerhard Kern erschüttert

Abzug aus Afghanistan: "Wir haben den Frieden verloren, nicht einen Krieg"

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Mehr als 20 Jahre Afghanistan-Einsatz: tausende deutsche Soldatinnen und Soldaten waren im Krisengebiet vor Ort. Viele Belastungen, viele Verletzungen, 59 von Ihnen sind gefallen - darunter auch Opfer hier aus dem Land, aus Ulm oder Heilbronn. Gerhard Kern ist Dekan beim Evangelischen Militärpfarramt der Bundeswehr in Ulm, war viele Male in Afghanistan im Einsatz. Wie geht es ihm, wenn er die Bilder aus Kabul sieht, die Taliban in Siegerpose zeigen und Menschen, die in Panik flüchten?

»Es ist eigentlich zum Heulen. Wir wollten den Frieden gewinnen und haben ihn verloren. Nicht einen Krieg, sondern den Frieden. Und wir waren [doch] auf einem guten Weg.«

"Afghanistan war ein Scheitern mit Ansage"

Zu dieser Einschätzung kommt Gerhard Kern wegen der Lebenssituation der Menschen in Afghanistan - er selbst war viele Male dort im Einsatz.

»Ich bin ziemlich ziemlich schockiert, traurig und stehe ohnmächtig hier in Ulm vor der Situation, die da jetzt gekommen ist in Afghanistan. Man hat ja dort sein Herz verloren, wenn man einige Monate mit den Menschen gearbeitet hat.«

Afghanistan - ein bettelarmes Land, wie er sagt, in dem es zunächst nur darum gehe, sich zu ernähren und die Familie durchzubringen.

»Da wird jede Möglichkeit ergriffen, um etwas Geld zu verdienen - als Soldat etwa. Da ist kein Ethos dahinter, dass man sagt 'wir wollen jetzt Demokratie', sondern sie wollen einfach nur überleben.«

Wenn dann die internationalen Soldaten abzögen, dann gebe es auch für die Menschen vor Ort keinen Grund mehr, sich zum Beispiel als Soldat für Afghanistan einzusetzen.

Deutsche Soldat:innen zweifeln am Sinn der Afghanistan-Mission

Bei jeder Begegnung, die Militärdekan Kern derzeit in Ulm hat, wird das Scheitern der Mission diskutiert, sind der Abzug und seine Folgen Thema - aktuelles Beispiel aus einem Gespräch in der Truppenküche: ein Oberst, der gesehen hat, was sich vor Ort entwickelt - und dass das in Deutschland nicht wahrgenommen wird. Der mit ansehen musste, was in Afghanistan jetzt zusammenbricht.

»Keiner sagt, dass es gut ist, was zur Zeit passiert. Manche sind irritiert, haben es kommen sehen. Und viele sind im Grunde geschockt über diesen Zusammenbruch. Man will ja, dass es einen Sinn hat, was man macht und zum Erfolg führt, wenn man auch noch [selbst] Opfer bringt und auf Zuhause verzichtet.«

"Wenn die Soldaten gehen, werden die Taliban kommen"

"Ortskräfte" - dieser eher technische Ausdruck hat für Gerhard Kern eine ganz andere, eine sehr menschliche Bedeutung. Menschen, zu denen er eine Bindung aufgebaut hat, die ihm etwas bedeuten. Wie Ahmad, seine Frau und deren sechs Kinder.

»Ahmad kam voller Stolz, als seine - erwachsene - Frau in die Schule durfte, um Lesen und Schreiben zu lernen. Er geht mir sehr durch den Kopf, weil ich glaube, er hat keine Chance, jetzt noch heraus zu kommen aus Afghanistan. Und er hat mir schon 2013 prophezeit: 'wenn die Soldaten gehen, werden die Taliban kommen'.«

Nicht nur das Militärische war wichtig für Afghanistan

Schulen für die Menschen vor Ort, Frauen, die plötzlich wieder ohne Schleier auf die Straße gingen - Kern hat vor Ort mit erlebt, wie es langsam vorwärts ging, in Kabul, in anderen Orten in Afghanistan. Aber, so schränkt er ein, es war offenbar nicht nachhaltig genug. Dazu ein amerikanischer Präsident, der einen Deal machen wollte, ohne zu analysieren, wie stabil der Frieden in Afghanistan wirklich ist.

»Wir haben ihn verloren, den Frieden.«

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